Heinz Erhardt und der Zufall

 

„Am Weender Tor rechts rein in den Maschmühlenweg und dann sind Sie gleich da“, das war vor vielen Jahren die telefonische Empfehlung wie ich zum neuen Arbeitsplatz in Göttingen finden sollte. Routenplaner und Navi, die Begriffe kannten wir noch nicht. In dem Werk sollte ich unter anderem für die Supply Chain des Unternehmens zuständig sein. Zu der Zeit nannte man es noch Logistik, dazu gehörte auch der Versand. Täglich verließen Hunderte von Sendungen das Haus. Ich überzeugte mich an meinem ersten Arbeitstag, dass auch in dieser Abteilung effizient gearbeitet wurde und sah, dass die fertigen Pakete in drei unterschiedliche Gitterboxen gelegt wurden.

Eine war mit POST gekennzeichnet für die Postpakete, eine weitere mit dem Namen eines Schnell&Übernacht-Lieferservices. Die meisten Sendungen lagen jedoch in der Gitterbox , die zwischen den beiden anderen stand und mit ZUFALL beschriftet war. Es erstaunte mich, nein es erboste mich sogar, dass die Mitarbeiter im Versand bei der überwiegenden Zahl der Sendungen nicht zu wissen schienen, welche Beförderungsart für die Sendung die richtige sei und diese Arbeitsweise auch offensichtlich vom Abteilungsleiter toleriert wurde. Ich überlegte, wie ich bei meinem ersten Besuch der Abteilung sagen wollte, dass ich so etwas nicht dulden könne. Man müsse doch wissen, wer die Sendungen transportieren soll.

 

Glücklicherweise fuhr in diesem Moment ein LKW vor die Rampe. Seinen Aufbau zierte der Name der Spedition:   ZUFALL. Durch diesen Zufall wurde mir die Zuordnung der Sendungen klar.

 

Das wäre die absolute größte Lachnummer meiner Karriere gewesen. Da wäre meine noch nicht erworbene Reputation bis zum St. Nimmerleinstag futsch gewesen, hätte ich spontan reagiert und das Zufallsprinzip diskutieren wollen.

 

Gewusst, wer ZUFALL ist, hätte ich auch, wenn ich zuvor  den alten Heinz Erhardt Film „Natürlich die Autofahrer“ gesehen hätte, der zum großen Teil in Göttingen gedreht wurde. Heinz Erhardt als Polizist lenkt den Verkehr auf einer großen Kreuzung, dem Weender Tor –  nur wenige hundert Meter von meinem Standort entfernt – . Neben Käfern, Borgwards und Lloyds fahren auch Lastkraftwagen der Spedition Zufall von links nach rechts und umgekehrt und ständig um Heinz Erhardt herum.

 

Vor kurzem habe ich Ausschnitte aus diesem alten Film gesehen und herzhaft darüber gelacht. Nur gut, dass damals mein erster Auftritt in der neuen Firma nicht so lachhaft endete.

 

 

 


4 Kommentare on “Heinz Erhardt und der Zufall”

  1. karu02 sagt:

    Im nachhinein und so erzählt ist es lustig. Diesen Erhard-Film kenne ich nicht, muss ich mir mal angucken.

    • philipp1112 sagt:

      @karu02

      „Hinter eines Baumes Rinde
      wohnt die Made mit dem Kinde…..“
      und andere Gedichte von Heinz Erhardt gefallen mir sehr.
      Die Filme sind in meinen Augen echte Klamotten mit teilweise Klamauk.
      Überleg es Dir, einen anzusehen. Andererseits zeigen sie auch den Zeitgeist der Nachkriegsrepublik, wenn auch häufig recht überspitzt.

  2. ottogang sagt:

    Wie doch der Zufall manchmal seinem Namen gerecht wird.
    Toll wäre es ja noch gewesen, wenn an diesem Tag zufällig ein anderer Spediteur die Sendungen abgeholt hätte.
    Da wärst du aber voll gegen die Wand gelaufen.

    • philipp1112 sagt:

      Es gab tatsächlich einen anderen Spediteur in Göttingen, der warb damals auf seinen LKW’s mit dem Slogan „Überlaß nichts dem ZUFALL“.
      Diese Werbung wurde ihm dann nach Klage von Zufall gerichtlich untersagt.


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