„Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ von Wolfgang Borchert

Manchmal taucht ein alter Bekannter wieder auf, jemand, den man vor Jahrzehnten aus den Augen verloren hat, an den man seit der Zeit nicht mehr gedacht hat.
Mir ist es passiert, als ich einen Beitrag in einer anderen Community las, in dem in irgendeinem Zusammenhang der englische Zungenbrecher „Three swiss witch-bitches….“ beschrieben war.

Das erinnerte mich an „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“, eine der wenigen lustigen Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert. Die Geschichte handelt von einem Kellner, dem Onkel und einem Sprachfehler. Den meisten von Euch brauche ich das vermutlich gar nicht zu erzählen, Ihr habt diesen Text sicherlich während Eurer Schulzeit gelesen. Dann lest ihn mal wieder.

Falls Ihr die Geschichte aber nicht kennt, lest sie jetzt. Die Geschichte ist im rororo Taschenbuch „Draußen vor der Tür“ enthalten. Viele Gefühle könnt Ihr beim Lesen mit empfinden oder erleben wie Mitgefühl und Nächstenliebe aber auch Wut, Scham und Hoffnungslosigkeit.

Auf nur zehn Seiten erleben wir mehr als in vielen 1000-Seiten-Schmökern, vor allem Menschliches.

Der Inhalt – Für diejenigen, die diese Geschichte doch noch nicht kennen :

Ein kleiner Junge geht mit Mutter und Onkel, der im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hat und wegen eines Schusses in die Zunge lispelt, in ein Gartenlokal. Dort werden sie von einem ebenfalls lispelnden Kellner bedient.

Zunächst denken beide, dass sich jeder über den Spachfehler des anderen lustig machen will. Dabei steht der kleine, verzweifelte und sein Leben lang wegen des Lispelns gedemütigte Kellner dem vor Lebensfreude strotzenden Onkel des erzählenden Jungen gegenüber. Das Mißverständnis wird schließlich aufgeklärt und vor den Augen und Ohren der 300 Besucher des Gartenlokals genießen die beiden Lispler einige Schnäpse und brechen dabei in ein anhaltendes Lachen aus. Der Onkel schallend, wie es so seine Art ist, der Kellner so ausgiebig wie wohl noch nie in seinem Leben., wobei er ständig und laut „Schischyphusch“ ruft.

Der Onkel beendet das Gelächter der beiden abrupt, indem er den Kellner fragt, was es mit dem „Schischyphusch“ auf sich hätte. Der Kellner erklärt, dass das sein Spitzname seit der Schulzeit sei, den ihm die Klassenkameraden verpaßt hätten, weil er den Namen des Sisyphus nicht richtig aussprechen konnte.

Diese Erklärung beschämt den Onkel und er bezahlt mit einem großen Schein, ohne das Wechselgeld zurückzufordern  und verläßt das Lokal mit dem Jungen und dessen Mutter. Dem Jungen tut der Kellner leid. Als er sich noch einmal umdreht, sieht er den Kellner weinen. Er sagt seinem Onkel, was er gerade gesehen hat. Darauf hin dreht sich der Onkel, der ebenfalls ein paar Tränen in den Augen hat, zum Kellner herum und ruft ihm zu, dass er am nächsten Sonntag wieder kommen werde.

Der Kellner hat einen Freund gefunden, vielleicht den ersten in seinem Leben.

Der Onkel entschuldigt sich nun bei Jungen und Mutter für sein Verhalten und erklärt, dass der Kellner ja ein weitaus schlimmeres Schicksal hätte als er selbst.

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Liebe Leser,

ich bin immer wieder erstaunt, wie oft dieser Beitrag aufgerufen wird. Mich interessiert der Grund und ob die Erwartung an das, was ich geschrieben habe, erfüllt wurde.

Hinterlaßt deshalb bitte einen Kommentar, den ich auch auf Wunsch nicht freigebe und somit nicht veröffentliche.

Hier ein Hinweis auf ein fein illustriertee Ausgabe der Geschichte: Schischypusch oder Der Kellner meines Onkels, illustriert von Birgit Schössow


21 Kommentare on “„Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ von Wolfgang Borchert”

  1. botschaftneukoelln sagt:

    Auch sehr schön: «DIE KÜCHENUHR»

  2. philipp1112 sagt:

    Schön in Szene gesetzt auf youtube. Vielen Dank für den Link.

    „Und das schönste ist ja, daß sie ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.“

  3. brigitte sagt:

    Ich kenne die Geschichte „Der Kellner meines Onkels“. Sie ist in meinen Augen die beste Kurzgeschichte, die es gibt: Sehr tiefsinnig, spannend mit einfachen Stilmitteln, beschreibt Charaktere in kurzer Form, geht unter die Haut. So zu schreiben, das ist eine ganz ganz hohe Kunst.
    Ich schreibe selber, setze bei fremden Texten sehr hohe Ansprüche.
    Gruß und schönes Wochenende

  4. Doris Gremm sagt:

    Die Geschichte “ der Kellner meines Onkels “ wurde von dem Schauspieler Will Quadflieg so hervorragend gelesen und auf Videokassete vor ca 50 Jahren aufgenommen. Diese Aufnahme ist ein Kabinettstückchen und ich hüte sie wie einen Augapfel schon seit über 40 Jahren.
    Man müßte sie noch mal neu auflegen.
    Grüße und schönen Sonntag

    • Franziska Contag sagt:

      Liebe Doris Gremm

      Ende der 50-er Jahre habe ich mit 14, 15 Jahren Will Quadflieg im Freiburger Theater in einer Borchert-Lesung gehört (wir liebten Borchert mehr als alle anderen Nachkriegsdichter), darunter auch den Schischiphusch. Niemehr ist er mir aus Kopf und Herz gegangen, und seit ich Internet habe, habe ich immer wieder versucht, eine Aufnahme davon zu finden. Haben Sie mir vielleicht die Daten Ihrer Video-Aufnahme, dass man nach den Rechten recherchieren könnte, um eine Kopie oder evt. Neuaufnahme zu bekommen ?

      Ich freue mich sehr, wie viele Liebehaber es nach so vielen Jahren noch gibt.

      Herzliche Grüße
      Franziska Contag

  5. holger glawe sagt:

    Hallo,
    wie komme ich an an die Aufnahme von Will Quadflieg ??
    Es wäre mir sehr wichtig !!
    Für Hilfe wäre ich sehr danbar.

    Gruss
    Holger Glawe
    Hamburg

  6. holger glawe sagt:

    ICH BIN SEHR AN WILL QUADFLIEGS TONAUFNAHME
    „Schischypusch“ interessiert.

    Wer kann mir helfen. Danke !

  7. Niseem sagt:

    Auf Youtube

    Der Kellner meines Onkels

  8. Hatte schon als Schüler die Platte mit Quadflieg und Schischiphus. Ist mir nie aus dem Kopf gegangen wie seinerzeit auch der erste Bolero von Ravel. Schade die Platte ist irgendwann mal abhanden gekommen. Will ! Quadflieg war einfach genial.

  9. Wolfgang sagt:

    Tja die Geschichte hörten wir in den 60er Jahren in der Grundschule.
    Schön, dass ich sie nun im Netz wiederfand, Der „richtige! Treffer“ der http://www.– suche lag aber erst auf der 3.ten Seite
    DANKE !! für den Artikel ;=)

  10. Matheus De Souza sagt:

    Hejj
    ich brauche dringend eure Hilfe, nämlich ich muss in ein paar Tagen aus dieser Geschichte ein Referat machen, wobei eine Titelerklärung notwending ist.
    ich recherchiere schon seit stunden nach einer passenden Titelerklärung und stehe noch immer mit leeren Händen da.
    vielleicht kann mir wer von euch dabei behilflich sein.
    danke
    mfg
    Matheus De Souza

  11. karu02 sagt:

    Ich bin rätselhafter Weise erst jetzt darauf gestoßen, habe es nicht in der Schule gelesen und auch sonst noch nicht, werde diese Lücke, dank Deiner Ausführungen, jetzt schließen.

  12. Walter Hentschel sagt:

    Wie bin ich auf die Seite gekommen? Wir haben uns heute morgen über unsere alten Lehrer unterhalten. Dabei fiel mir nach über 40 Jahren unser Deutschlehrer ein. Er hat unserer Klasse damals den Schyschiphus sehr sehr anschaulich VORGELESEN. Man bedenke – VORGELESEN. Das ist, glaube ich die schönste Erinnerung an meine Schulzeit. Dass man lauthals lachend lernen kann war mir damals völlig neu; dass Lehrer spuckend, prustend mit Lach-und Freudentränen in den Augen unterrichten konnten – ist das nicht ein Kleinod in der Geschichte dieses Berufes?

  13. Philipp Elph sagt:

    Das Erlebnis, die Erzählung von einem Lehrer vorgelesen zu bekommen, hatte ich auch. Es war in der letzten Stunde vor den Ferien, in der unser Klassenlehrer, Mathematiklehrer und Weltkriegsveteran, uns die Geschichte „vortrug“. Er las nicht nur, er spielte sie uns lesend vor.
    So, wie es wohl Walter Hentschel erlebt hat. Auch wenn die Geschichte Jahrzehnte in irgendeiner Ecke meines Gehirns begraben war, seit einiger Zeit ist sie wieder präsent – und seitdem unvergesslich.

    • Helmut Friedlein sagt:

      Irgentwo in den Rundfunkarchiven gibt es eine Tonaufnahme,eine Vorlesung,über den armen Kellner,die so spannend vorgelesen wird,das ein Tatort langweilig dagegen ist.

  14. knickohr sagt:

    Diese Kurzgeschichte wurde mit Herbert Stass als Kellner und Siegfried Wischnewski als Onkel verfilmt und im Fernsehen vor 20-35 Jahren ausgestrahlt. Kommt jemand an das Archiv heran??

  15. Dave sagt:

    Warum ich hier gelandet bin? Weil ich nach einer Kurzgeschichte suchte, in der es um „Naparoia“ ging. Und ich wusste nur noch, dass sie in einem Sammelband war, in dem auch die hier beschriebene Kurzgeschichte von Schischyphusch war🙂

  16. Silke sagt:

    Ich suchte auch die Kurzgeschichte als solche.
    Und ich bedanke mich für die Kommentare. ich habe die Geschichte ebenfalls in der Schule gelesen.

  17. Die Geschichte, die ich als Jugendliche gelesen habe, hat sozusagen mein Leben verändert. Ich habe von Geburt an eine Hüftluxation- beidseitig, die man zu meiner Zeit nicht behandeln konnte. Damals habe ich erfahren, dass man mit ein- und derselben Sache ganz unterschiedlich umgehen kann, dass es an einem selbst und nicht nur an dem ‚Umfeld‘ liegt, damit umzugehen.

  18. […] Schischyphusch, mein alter Bekannter. Ein weiterer Post zum Thema […]


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