Über den Umgang mit Behörden bei Besitz von Cannabis-Samen, den Export von Sprengmitteln und Blei im Abwasser

Prolog: Die ist ein Bericht über die verständnisvolle und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Behörden und einer chemischen Fabrik. Er enthält keine Tipps zu ungesetzlichem Vorgehen.

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Bei der Produktion von Chemikalien und pharmazeutischen Rohstoffen sind zahlreiche Gesetze und behördliche Auflagen zu beachten und zu befolgen. Ebenso ist es beim Handel mit diesen Produkten.

Und das ist auch gut so.

Dabei kommt es zuweilen zu kuriosen Ereignissen. Und das sind angenehme, manchmal zunächst aufregende Ereignisse im Leben eines Chemikers.

Wir hatte eine größere Menge Hanfsaat eingekauft, um daraus das Protein Edestin daraus zu isolieren. Dieser Naturstoff sollte für die Herstellung eines Arzneimittels verwendet werden. Nun wird die Hanfpflanze bekanntlich auch als Cannabis bezeichnet und fast jeder weiß, was daraus auch gewonnen werden kann. Auch der Zoll weiß das, der offensichtlich bei der Durchsicht der Importpapiere auf die Sendung an uns gestoßen war. Die Behörde erschien im Werk mit großem Aufgebot, um den Verbleib und die Verarbeitung eingehend zu untersuchen. Wir konnten nachweisen, dass wir den Wirkstoff von Haschisch und Marihuana nicht aus den importierten Samenkörnern gewannen. Die Beamten zogen wieder ab, wir konnten wieder arbeiten.

Ebenso bedenklich wurde von der Aufsichtsbehörde, die den Export von Waffen- und Rüstungsgütern beaufsichtigte, die Ausfuhr eines Fettgemisches angesehen, das wir für andere Arzneimittelhersteller produzierten, die es zur Herstellung von Suppositorien, also Zäpfchen, verwendeten. Diese Hartfette müssen über bestimmte Schmelzeigenschaften verfügen, die am Applikationsort bei einer Körpertemperatur von 37°C schmelzen und dann den Wirkstoff freisetzen sollen. Was hat dieses Fett nun mit Waffen oder Rüstungsgütern zu tun? Ganz einfach: Das Produkt wird umgangssprachlich in der Branche auch als Sprengmittel bezeichnet. Taucht dieser Begriff dann auf einem Lieferschein oder anderen Warenbegleitpapieren auf, braucht man sich über den Besuch einer Überwachungsbehörde nicht zu wundern. Auch diesen Fall konnten wir schnell klären und die Sendung auf den Weg bringen bevor das Fett ranzig wurde.

Schwieriger war es dann, als im Abwasser der Fabrik eine zu hohe Konzentration an Blei gefunden wurde. Da waren die Behörden nicht zu Kompromissen bereit, zumal Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre gerade die Diskussion über die Giftigkeit von Schwermetallen wie Blei und Quecksilber ihren Höhepunkt erreicht hatte. So verzichteten wir zu hause auch darauf, unsere Kinder mit leberhaltiger Kindernahrung zu füttern, da Leber als besonders Quecksilber belastet galt. Doch zurück zum Blei. Nachdem von dem zuständigen Amt Abwasserproben entnommen waren, erhielten wir kurze Zeit später die Analysenergebnisse, in denen zweifelsfrei eine zu hohe Konzentration an Blei im Abwasser nachgewiesen wurde, parallel dazu wurde mir als Verantwortlichen ein Bußgeldbescheid angekündigt. Wir arbeiteten zu der Zeit mit großen Mengen hochgiftiger Cyanide, mit ebenfalls giftigen aromatischen Lösungsmitteln und anderen cancerogenen und die Umwelt belastenden Stoffen wie das in einer chemischen Fabrik nicht immer zu vermeiden ist. Daher war es eine große Aufgabe, sorgfältig zu arbeiten und Abfälle fachgerecht und gesetzeskonform zu entsorgen. Das gelang auch stets, bis auf diesen Vorfall. Aber mit Blei oder bleihaltigen Verbindungen arbeiteten wir nicht. Die Sache erschien mysteriös. Ich holte die Verantwortlichen zusammen, wir diskutierten und spekulierten. Uns fiel keine Quelle für die Verunreinigung des Wassers in der Fabrik ein. Schließlich kam jemand auf die Idee, das Frischwasser am Übergabepunkt zu unserem Fabrikgelände auf Blei zu untersuchen, um festzustellen, was an Belastung auf unserem Gelände dazu kam. Es wurden zeitgleich Proben von Frisch- und Abwasser entnommen und analysiert. Das Ergebnis: Die Konzentration von Blei im Frischwasser war höher als die vom Abwasser. Wir lagerten demnach in den Wasserrohren unserer Fabrik Blei aus dem städtischen Frischwasser ab. Wir teilten die Ergebnisse mit, es wurden nochmals behördlich angeordnete Proben des Abwassers entnommen. Der Bleigehalt war nun unterhalb der Höchstgrenze. Das Bußgeldverfahren gegen mich wurde eingestellt. In den folgenden Jahren hatten wir nie mehr Probleme wegen zu hohen Bleigehalts im Abwasser.


One Comment on “Über den Umgang mit Behörden bei Besitz von Cannabis-Samen, den Export von Sprengmitteln und Blei im Abwasser”

  1. ottogang sagt:

    Zäpfchen und Sprengmittel
    Aber hallo, welche Vorstellungen entstehen da im Hirn.
    Nette Geschichte, so nach dem Motto, ich steck Dir mal ein Sprengmitel rein. Wow.


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