Carlos Maria Dominguez: Das Papierhaus

 

 

Im Briefkasten der gerade tödlich verunglückten Literaturdozentin Bluna landet Post aus Uruguay. Sie beinhaltet ein Buch, an dem Mörtelreste haften und das eine Widmung Blunas enthält, die mit den Worten beginnt: „Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey.“

 

Der Kollege, der sich nach dem Tod der Dozentin um deren Wohnung kümmert, findet das Buch und damit beginnt für ihn die Suche nach der Geschichte, die dieses verschmutzte Exemplar Joseph Conrads „Schattenlinien“ erlebt hat.

 

Die Reise führt von Cambridge in England zunächst nach Montevideo, wo er erste Kontakte zu einem Teilnehmer des Kongresses in Monterrey knüpft. Dieser leitet ihn zu dem bibliophilen Zeitgenossen, der zwischen Tausenden von Büchern lebt  und zunächst von den unterschiedlichen Leidenschaften und Motiven erzählt, Bücher zu sammeln  und über die Arten sie zu lesen. Im Gespräch, weitgehend ein Monolog des Büchernsammlers, erfährt der Zuhörer von Carlos, der ab einem bestimmten Punkt im Leben die Grenze zur Bibliomanie überschritten hatte. Carlos Brauers Kernstück der Bibliothek war seine Kartei, die es ihm ermöglichte, einen Überblick über die Sammlung von mehr als 20.000 Werken der Literatur zu haben. Diese verbrannte als ein Feuer ausbrach, verursacht durch eine umfallende Kerze, unter derem Licht Carlos wie üblich stilecht ein Buch aus der Zeit vor der Erfindung des elektrischen Lichts las. Das Ereignis veranlasste den Getroffenen, der durch diesen Vorfall die Orientierung in seiner Bibliothek verloren hatte, sein Domizil mit all den Büchern zu verlassen und an einem entlegenen Platz am Meer ein Haus gemauert aus Büchern aufzubauen. Das Papierhaus.

 

Blunas Kollege und Ich-Erzähler fährt an den Platz, an dem er das zerstörte, von Carlos verlassene Haus vorfindet. Einheimische Fischer erzählen ihm den Rest der Geschichte vom Haus und dessen ehemaligen Bewohner. Demnach hatte Carlos einen Brief aus Cambridge erhalten – der Erzähler findet das Dokument später im Computer seiner verstorbenen Kollegin, in dem sie Carlos bittet, das Buch mit der Widmung zurück zu schicken. Damit begann der letzte Teil der Geschichte des Hauses selbst.

 

Eine spannende, zunächst mysteriöse Geschichte, die besonders durch die Schilderung des bibliophilen Kontaktes Augustin Delgado und den Kommentaren des Erzählers wirkt.

Da ich über gewisse Ansätze zur Bibliophilie, partiell auch Züge eines Bibliomanen an mir erkenne – ich binde zum Beispiel meine Lieblingstaschenbücher in hübsche Hardcover-Einbände – und kaufe manchmal Bücher nach dem Aussehen, der Gestaltung des Einbandes, der Haptik des Papiers, hat mir die gebundene Ausgabe dieses Buches sehr gefallen. Ich habe es mir gekauft, des Aussehens wegen.

 

Beim Lesen entdeckte ich die inneren Werte der Erzählung. Für mich war eine der wesentlichen Passagen die Ausführungen Delgados zur optimalen Optik einer Buchseite, zu der Bedeutung von Satzspiegel, Schriftart und –größe, den Randmaßen und zu dem Faszinierendsten, den Korridoren. Die ist ein Phänomen, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört hatte.

 

Es gibt Leser, denen genügt es, so Delgado, „die Korridore anzuschauen um zu wissen, ob ein Buch gut ist oder nicht. Dabei sind die durch die Wortabstände entstehenden vertikalen und diagonalen Strecken auf einer Seite zu verfolgen, „lange Straßen, von Zeile zu Zeile, ganze Absätze überquerend, bisweilen unterbrochen und ihren Lauf als Diagonale wieder aufnehmend“, schildert Delgado an einem Beispiel und er fährt fort: „Ein Schriftsteller ohne Sprachrhythmus ist dazu nicht im  Stande. Er bringt zwei oder drei mehr als viersilbige Worte in einem Satz unter und zerstört damit die Sprache, weil er nämlich automatisch den Rhythmus und die Straßen durchbricht.“

 

Stellen Sie sich vor, ich kann kein Buch mehr in die Hand nehmen, ohne auf die Korridore und Straßen zu achten. Wahrscheinlich hat Dominguez beim Schreiben diese Buches darauf geachtet, auf alle Fälle tat das die Übersetzerin Elisabeth Müller und erfüllte Delgados Kriterien eines guten Buches.

 

In einer Rezension zu diesem Buch (www.lesekost.de) las ich darin als letzten Satz:

 

Wer eine Leidenschaft für Bücher und ihre Geschichten hat, sollte „Das Papierhaus“ lesen.

 

Dem ist nichts hinzu zu fügen.


3 Kommentare on “Carlos Maria Dominguez: Das Papierhaus”

  1. karu02 sagt:

    Karu hat’s auch gelesen und schon mehrfach verschenkt. Ein wunderbares kleines Buch! Hin und wieder spiele ich auch mit den Gedanken eines Gartenhauses in dieser Art. Dann wäre endlich mal Platz… – für neue Bücher.

  2. ottogang sagt:

    Also gut, überredet, ich werde mir das Buch besorgen und mirdie Korridore und Straßen genau anschauen, auch auf die Gefahr, in Zukunft nur noch Bücher nach diesen Kriterien zu kaufen.
    Schöne Geschichte.

  3. philipp1112 sagt:

    Doch noch eine Hinzufügung:

    Das Buch ist inzwischen auch in einer Taschenbuchausgabe erschienen.


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