Vorstellungsgespräch mit Micky-Mouse-Krawatte und mit Büroklammer-Socken

Vorstellungsgespräch mit Micky Mouse-Krawatte und Büroklammer-Socken

 

 

Was nützt das schönste Bewerbungsschreiben, den Entwurf runtergeladen von einer CD und angepasst an die persönlichen Daten und die des Unternehmens, in dem man sich bewirbt, wenn die Performance im Vorstellungsgespräch suboptimal ist.

 

An einige dieser Auftritte erinnere ich mich gern, weil sie einigen Stoff zum Schmunzeln enthielten, teilweise slapstickartig wirkten. Andere waren aber auch von einer gewisse Tragik geprägt, wie die Bewerbung eines mit einem starken Sprachfehler behafteten Kandidaten, den wir kaum verstehen konnten und der gerne bei uns im Außendienst als wissenschaftlicher Berater arbeiten wollte.

 

Ich erinnere mich auch gern an eines der kürzesten Bewerbungsgespräche mit einer der längsten Anreisen eines Bewerbers. Wegen der langen Anreise hatten wir ihm den Flug von Bremen nach München genehmigt und bezahlt, es handelte sich ebenfalls um eine Stelle als wissenschaftlicher Referent im Außendienst für Produkte der klinischen Ernährung in einem Bezirk in Hessen.  Der Kandidat erschien uns  auf Grund seines Lebenslaufs mit einem Pharmaziestudium für diese Aufgabe gut geeignet. Nach der Begrüßung ergab sich im Small Talk, dass unser Bewerber derzeit in Teilzeit in der Apotheke seiner Freundin, die er demnächst heiraten wollte, arbeitete.

Auf meine erste Frage, ob denn seine Lebensplanung mit einem Arbeitsplatz in Hessen vereinbar wäre, sagte er uns: „Nein, mobil bin ich nicht.“  Dem Herren war bewusst, dass er damit keine Chance auf eine Beschäftigung bei uns hatte, denn als ich ihn fragte, warum er überhaupt zu dem Termin gekommen sei, antwortete er, dass er sich mal einen Tag München ansehen wollte. Das Vorstellungsgespräch war nach nur 5 Minuten beendet,  wir wollten dem vermeintlichen Kandidaten  nicht länger von seiner Sightseeing Tour abhalten.

 

Die Tätigkeiten im Außendienst dieser Firma beinhalteten vor allem die Vorstellung von Ernährungskonzepten für Kranke, die über eine Magensonde ernährt werden sollten, und die Empfehlung unserer Nahrung und der dazugehörigen Applikationstechnik wie Sonde, Pumpe und Schläuche. Ziel der Tätigkeit war, dass die Mediziner im Krankenhaus und das Pflegepersonal in Pflegeheimen und ambulanter Pflegedienste unsere Produkte anwendeten, sie per Rezept verordneten oder verordnen ließen. Deshalb war der ideale Kandidat zumeist Oecotrophologe/Oecotrophologin oder Diätassistent/-in. Wenn wir neben einem ansprechendem Bewerbungsanschreiben und sehr guten Zeugnissen dem Lebenslauf entnehmen konnten, dass auch gewisse verkäuferische Kenntnisse vorhanden waren, entweder vor oder während des Studiums erworben,  hatte solche Bewerber eine große Chance zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

 

Da trat dann der „Fleischvermarkter“ auf, der zusammen mit seinem Bruder auf dem elterlichen Hof im Winter drei- bis viermal ein Schwein schlachtete und es an Freunde, Verwandte und die Kumpel bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Kegelklub stückchenweise oder als Wurst verhökerte.

 

Der Höhepunkt aller Vorstellungen war jedoch der selbständige Unternehmer, der jahrelang Agrarprodukte vermarktet hatte. Die Darstellung seines Unternehmens und der damit verbundenen Tätigkeit war aber nicht der einzige bemerkenswerte Teil seines Auftritts. Es war vielmehr sein Erscheinen, was mich zu diversen Überlegungen führte und mich von Gespräch ablenkte. Der Kandidat trat in einem tadellosen Anzug auf, trug dazu allerdings eine Micky Mouse-Krawatte, zudem waren seine Socken recht bunt und mit jeweils einer großen Büroklammer an den Seiten bedruckt.

Der Leser kann sich sicher vorstellen, wie ich versuchte von diesen Accessoires auf den Charakter oder die Arbeitsweise meines Gegenübers zu schließen. War er nun ein guter Administrator, ein ordentlicher Mensch, der jedes mehrseitige Schreiben durch Büroklammern zusammenfügte und einen Eingangsstempel auf die erste Seite drückte? Oder war er vielmehr ein verkappter Comedian, ein lustiger Karnevalist oder ein Simpel, der über jede Sprechblase in Comics lachen konnte?

Schließlich resignierte ich und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch.

Da erzählte er gerade von seinem Unternehmen:

Er betrieb im Auftrag seines Onkels einmal pro Woche einen kleinen Stand auf einem Wochenmarkt und verkaufte dort die Blumen aus Onkels Gärtnerei und auch selbstgepflückte. Wir nannten ihn den promovierten Marktschreier.

 

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal recht schwierig ist, aus mehr als 100 Bewerbern die richtigen herauszufiltern und zu Vorstellungsgesprächen einzuladen. Viele geeignete Kandidaten mögen dabei durch unser Raster gefallen sein.

 

Vielleicht waren die Unterlagen aber manchmal auch nicht auffällig genug oder beinhalteten nicht die für uns wichtigen Stichworte. Auffällig waren allerdings zahlreiche Bewerbungen aus Kiel. Während den meisten Lebensläufe ein Farbfoto guter oder weniger guter Qualität beigefügt war, enthielten Bewerbungen aus Kiel  zumeist ein äußerst professionell aufgenommenes Schwarz-Weiß-Foto. Die Damen waren in dunklem Blazer fotografiert, darunter trugen sie eine faltenfreie weiße Bluse.

Eine Bewerberin, die es aus der Kieler Uni zu uns geschafft hatte, erzählte uns von dem Fotostudio, das von einer Fotografin in Universitätsnähe betrieben wurde. Diese legte großen Wert auf Kleidung und Frisur und die „Models“ mussten zum Fotoshooting in der entsprechenden Outfit erscheinen. War die Bluse nicht faltenfrei, musste das Model seine Bluse zunächst erst einmal bügeln.

Jedenfalls waren Bewerbungen mit Fotos aus jenem Kieler Studio sich immer unserer Aufmerksamkeit sicher.

 

Es gibt viele Elemente, die eine Bewerbung erfolgreich machen. Dazu existiert hinreichend  Literatur und eben auch CDs mit Mustern für das Anschreiben und den Lebenslauf. Letztlich sind es aber die Präferenzen der Verantwortlichen Personen beim potentiellen Arbeitgeber, die darüber entscheiden, ob ein Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird und dieses erfolgreich besteht.

 

Manchmal sind es klitzekleine Teilchen wie ein gutes Foto oder ein Socken mit aufgedruckter Büroklammer.


2 Kommentare on “Vorstellungsgespräch mit Micky-Mouse-Krawatte und mit Büroklammer-Socken”

  1. karu02 sagt:

    Ein interessanter Einblick! Meine Hochachtung für die Fotografin. Eine solche, mit Berufsethos, gibt es auch in Heidelberg, wo meine Tochter Bewerbunsfotos machen lassen wollte und ziemlich verblüfft weggeschickt wurde wegen der knautschigen Bluse. Das war so viel wirkungsvoller, als Mutters Rat es je hätte sein können.
    Deine Ausführungen zeigen, dass solche Dinge eben doch wichtig sind, auch wenn gerade noch gewesene Studentinnen das nicht wahr haben wollen.

  2. ottogang sagt:

    Da zeigt sich mal wieder, was aus Kiel kommt ist mit Korrektheit geschlagen, auch wenn es manchmal weh tut.
    ottogang
    geb. in Kiel


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