Meißener Häuser und die Chemie des Todes

 

Ein menschlicher Körper beginnt fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen.

 

Mit diesen Worten beginnt der Kriminalroman von Simon Beckett „Die Chemie des Todes“, in dem ein forensischer Anthropologe die chemischen, physikalischen und biologischen Veränderungen des Verwesungsprozesses menschlicher Leichen beschreibt.

 

Bei den verfallenden Häusern in Meißens Innenstadt hat der Verwesungsprozess bereits eingesetzt, als die Häuser noch gelebt haben, also noch bewohnt waren.

 

Neben hervorragend wiederhergestellten, erhaltenen und gepflegten Gebäuden in der Innenstadt in privatem, kirchlichem oder öffentlichem Eigentum sahen wir bei einem Besuch in Meißen in der Innenstadt wie am Kleinmarkt und in der Talstraße ein beträchtliches Volumen von toter Bausubstanz.

 

Offensichtlich ist, dass die Gebäude in so einem grauenvollen Zustand sind, dass  heute eine Renovierung wohl kaum noch unter ökonomischen Aspekten erfolgen kann. Fassaden aus der Gründerzeit, Gebäude mit Bemalung im Jugendstil stehen leer. Die Fenster- und Türlaibungen im Erdgeschoss sind zugemauert oder mit einfachen Holzplatten vernagelt. Die Fensterscheiben darüber sind blind vor Schmutz, teilweise hängen noch verrottende Gardinen dahinter. Ein erbärmlicher Zustand.

 

Das machte uns traurig und wir überlegten uns, wieso und warum diese Situation wohl entstanden ist und wie lange es gedauert hat, dass dieser Zustand erreicht wurde. Sicherlich hat jedes dieser Gebäude eine andere Geschichte des Zerfalls und der Aufgabe als Wohn- oder Geschäftshauses.

 

Da gab es sicherlich den Renovierungsstau, der unter Umständen weit zurück reicht bis in die Jahre vor oder nach dem 2. Weltkrieg. Kein Geld, kein Material, ungeklärte Besitzverhältnisse können Gründe dafür gewesen sein. Später mag aber auch hinzugekommen sein, dass der Bedarf nicht mehr vorhanden war.

 

Es gibt aber auch Häuser, die zwischenzeitlich renoviert wurden, dennoch inzwischen nicht mehr bewohnt werden und verfallen. Zumindest hat es wohl einmal einen neuen Anstrich gegeben. Vielleicht sieht es hinter solchen Fassaden nicht viel besser aus als bei den gänzlich seit langer Zeit sichtbar verrottenden und die Geschichten sind ähnlich.

 

Eine weitere Kategorie ist die, zu denen jene Häuser zählen, die in den Jahren nach der Wende offensichtlich mit einem größeren Aufwand erneuert wurden, aber auch in dieser Kategorie gibt es vernagelte Gebäude.

 

Letztlich sind da noch Neubauten, auch aus den Jahren nach der Wiedervereinigung, gebaut im Stil der 90er, schmucklose Funktionsbauten, zum Teil mit farblich abgesetzten blauen Fenster- und Türrahmen. Auch diese verlassen, leerstehend. Das sind vermutlich die ehemaligen Steuer-Abschreibungsobjekte, bei denen flott am Bedarf vorbei gebaut wurde, als Eigentumswohnungen oder als Beteiligungen an Immobilienfonds optimistischen Anlegern verkauft wurde, die gestern ihre steuerlichen Vorteile genutzt haben, heute einen nahezu 100%igen Verlust verbuchen können.

 

Dieser Verfall, gleich ob vor 40 Jahren oder früher einsetzend sowie die Fehlspekulationen mit Immobilien, sind ein trauriges Kapitel Nachkriegsgeschichte, Geschichte der DDR und der Geschichte nach der Wiedervereinigung und deren vermeintlichen Gewinnlern in Meißen und an vielen anderen Orten in den östlichen Bundesländern.

 

Geld und Bedarf ist nicht im nötigen Umfang vorhanden und daher wird es vermutlich dazu kommen, dass diese Schäden länger sichtbar bleiben als die verheerenden Folgen des 2. Weltkriegs.

 

Die Chemie des Todes lässt keine Wiedergeburt zu. Heilung, in diesem Fall Renovierung, kann nur in einem frühen Stadium zu Erfolgen führen, und Desorientiertheit von Bauherren und Investoren kann ebenso zu Übergabe der Gebäude an die chemischen und physikalischen Kräfte des Zerfalls führen.

 

Nicht wirklich eine gute Prognose für Meißen und andere.

 


8 Kommentare on “Meißener Häuser und die Chemie des Todes”

  1. […] besonders viel Mühe habe ich mir gegeben, als ich über bauliche Zustände in Meißen geschrieben habe – der Beitrag wurd 3x […]

  2. karu02 sagt:

    Ich weiß nicht, warum ich diesen tollen Beitrag übersehen habe. Er wurde mir sicher nicht angezeigt. Ich würde gerne hinfahren und es mit eigenen Augen sehe. Der Satz: „Die Chemie des Todes lässt keine Wiedergeburt zu“ gefällt mir gut, trotz des negativen Inhalts.

  3. Lakritze sagt:

    Geht mir nun ähnlich wie Karu.

    Vielleicht sollte jedes Blog eine Kategorie »Lieblinge« haben, die man sich mit einem Klick anschauen kann? Damit solche Herzensangelegenheiten oder auch einfach nur schöne Texte nicht unter die Räder geraten.

  4. andreabreuer sagt:

    Auch so ein wirklich trauriges Kapitel… Danke, dass Du mich auf den Beitrag aufmerksam gemacht hast! (…und ebenso vielen Dank fürs Rebloggen!)

  5. zeilentiger sagt:

    Danke, Philipp, für den Hinweis auf deinen treffenden und, ja, bedrückenden Artikel!

  6. Auch ich folgte dem Zeilentiger hierher und lese treffende Worte. Jüngst in Görlitz ähnliches gesehen. Schade, einfach nur schade.

  7. gkazakou sagt:

    Bin durch Andrea Breuers Traum mit Gregory Peck drauf gestoßen. Ist. der Artikel noch aktuell, oder hat sich in Dresden was getan? (Ich lebe bisschen weit weg, in Athen). Liebe Grüße

    • Philipp Elph sagt:

      In Dresden hat sich viel getan. Wie es in Meißen inzwischen aussieht, weiß ich nicht. Ich war seit 2009 nicht mehr da.
      Viele Grüße nach Athen, Philipp


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s