Stolpersteine – Stolpern mit Kopf und Herz

In unserer Nachbarschaft bin ich auf die Stolpersteine gestoßen. Sie sind  den Menschen gewidmet, die durch das nationalsozialistische System ermordet oder in den Tod getrieben wurden. In der Stadt Wiesbaden, in der ich lebe, gab es Februar 2009 bereits über 240 kleine Messingplatten auf Gehwegen und Plätzen, die als Stolpersteine bezeichnet werden.

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Neben Wiesbaden haben bereits über 400 Städte in Deutschland sich dem Projekt von Gunter Demnig angeschlossen und auf den Bürgersteigen vor den letzten freiwilligen Wohnsitzen dieser Menschen kleine Gedenktafeln zwischen die Pflasterung eingebracht.
Die Gemeinden erteilen in der Regel die Genehmigungen zum Legen der Steine, häufig auch gemeinsam mit den Hauseigentümern und Hinterbliebenen. In München wurden entsprechende Anträge jedoch abgelehnt, nachdem es offensichtlich Kritiken von der jüdischen Gemeinde gab. Besonders von der Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, wurde Kritik an diesem Projekt geäußert. Frau Knobloch ist der Ansicht, dass es unerträglich sei, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln am Boden zu lesen, auf denen “herumgetreten” würde.
Diese Auffassung macht mich fassungslos. Es gibt sicherlich viele Zeitgenossen, die gar nicht wissen, worauf sie treten, ebenso solche, die gleichgültig gegenüber Stolpersteinen und dem dahinterliegenden Schicksalen sind. Mir geht es so, dass ich diese Steine zunächst so achte, wie Grabsteine auf dem Friedhof von mir unbekannten Menschen – und dann kommt da noch die Erinnerung an das Unrecht und die Qualen, die diesen Menschen, deren Namen auf dem Bürgersteig stehen, erleiden mussten. Ich bin jedes Mal berührt.
Nun ist in München die Lösung gefunden worden, Stolpersteine auf privatem Grund zu setzen.
Ich hoffe, dass ist dann dort allen Recht, denn wie Gunter Demnig sagt, sollen wir nicht drüber stolpern und hinfallen, sondern mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern.

Der Bildhauer Gunter Demnig, Jahrgang 1947, begann 1990 mit einer Aktion zur Erinnerung der Deportation von Sinti und Roma im Jahre 1940 aus Köln, öffentlich das Thema Vertreibung und Vernichtung der Juden,  Zigeuner, politisch Verfolgter, Homosexueller und Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer in der Zeit des Nationalsozialismus auf seine Weise zu bearbeiten. 1993 entand der Entwurf für die Stolpersteine, 1997 wurde der erste in Kreuzberg – illegal – verlegt, ab 2000 wurde die Aktion deutschlandweit durchgeführt. Inzwischen wurden über  17.000 Stolpersteine verlegt, auch in anderen Ländern, in denen es zu Vertreibung und Vernichtung von Menschen durch das NS-Regime gekommen ist.

Und ständig wächst die Anzahl. Die bevorstehenden Aktionen und die Geschichte der Stolpersteine und eine ausführliche Biographie von Gunter Demnig ist unter www.stolpersteine.com zu lesen.


2 Kommentare on “Stolpersteine – Stolpern mit Kopf und Herz”

  1. lakritze sagt:

    Ein akustischer Stolperstein:

    http://www.wdr.de/wissen/wdr_wissen/programmtipps/radio/09/06/07_0830_3.php5?start=1244356200

    Eine Sendung von Kirsten Serup-Bilfeldt über die Tagebücher von Opfern, zum 80. Geburtstag von Anne Frank.

  2. czwienk sagt:

    Dieser Beitrag hat mir sehr gut gefallen. Derzeit arbeite ich an einem „akustischen Stolperstein“ der Grünbaums, deren Nachlass in Frankfurt auftauchte!


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