..und nach dem Bewerbungsgespräch das Essen mit dem potentiellen Boss

Eine besonders gute Gelegenheit, bei einer Bewerbung Pluspunkte zu sammeln oder auch sich zu disqualifizieren, erhält der Kandidat, wenn er vom potentiellen Chef nach dem Bewerbungsgespräch zum Essen eingeladen wird.

Eine Einladung ist auf der einen Seite eine ausgesprochene Nettigkeit und kaum jemand, der bereits nach dem Vorstellungsgespräch aus dem Rennen ist, wird dazu eingeladen – es sei denn, er soll aus irgendwelchen Gründen zu seiner derzeitigen Arbeit oder Firma ausgefragt werden.

Gehen wir also davon aus, dass dieser so genannte „potentielle Chef“ noch ein wenig mit einem durchaus geeignet erscheinenden Kandidaten plaudern will, beobachten, ob der richtige Umgang mit Messer und Gabel beherrscht wird, möglicherweise auch wie der Umgang mit Alkohol ist, ob die Auswahl aus der Speisekarte preislich angemessen ist (wenn denn nicht in der Kantine gegessen wird) und wie in einem scheinbar zwanglosen Rahmen das Auftreten des Kandidaten ist, das wird er in jedem Fall – sei es nun gezielt oder nur unterschwellig.

Deshalb ist das Essen nach dem Vorstellungsgespräch Teil des Vorstellungsgesprächs.

Gehen wir davon aus, dass der Kandidat mit Messer und Gabel einschließlich der richtigen Sitzposition und Armhaltung essen kann und nicht mit vollem Mund redet.

Wie sieht’s aus mit dem Aperitif, dem Schoppen Wein oder der Mass Bier.

Von einem Bewerber, der mit dem Auto angereist ist, erwarte ich, dass er keinen Alkohol zu sich nimmt. Wird die Abreise nicht im eigenen Auto erfolgen, kann man, wenn das Angebot gemacht wird sicher ein Glas Wein oder ein kleines Bier trinken, will der Chef unbedingt einen Aperitif trinken, darf der auch konsumiert werden. Einen Grappa oder Adäquates nach dem Essen würde ich zu Gunsten eines Espressos ablehnen.

Wie verschwenderisch kann eine Bestellung sein? Zumeist verfährt man gut damit, sich nicht die teuersten Gerichte auszusuchen. Ein Süppchen als Vorspeise, wenn dazu aufgefordert wird, eine Vorspeise u bestellen, ein mittelpreisiges Hauptgericht ist OK. Auf den Nachtisch sollte man verzichten – zugunsten eines Espressos. Wähle ein einfach zu handhabendes Essen aus, damit Du nicht zu sehr darauf konzentriert bist mit den handwerklichen Aufgaben des Essens, wähle etwas leicht Kaubares aus. Du musst Dich mehr auf das Gespräch konzentrieren als auf das Essen!

Und dann das Gespräch bei Tisch. Es handelt sich hierbei nicht um einen politischen Stammtisch. Gespräche, die soziale Kompetenz zeigen, ein intaktes Familienleben, positive Lebenseinstellung, sind unverfänglich. Kritik am derzeitigen Arbeitgeber und an Kollegen sind genauso unangebracht wie beim eigentlichen Vorstellungsgespräch.

Vieles ist in einem solchen Gespräch situativ. Hat man einen Schwätzer als potentiellen Chef gegenüber oder jemanden mit extremen und mir als Kandidaten widerstrebenden Ansichten, ist es vielleicht auch noch einmal eine Entscheidungshilfe bei der Wahl des Arbeitsplatzes.

Auch potentielle Vorgesetzte sollten sich angemessen verhalten – und auch über die richtigen Tischmanieren verfügen.

Als ich bei einem innerbetrieblichen Wechsel zum ersten Mal mit meinen zukünftigen Chef gesprochen hatte- also auch eine Art des Vorstellungsgesprächs -, lud er mich in die Betriebskantine ein. Es war in München, es gab Schweinsbraten mit Knödel und sehr viel Soße.

Es kam,wie es kommen musste – loriotisch: Ein Stück Knödel fiel von der Gabel in die Soße, Soße spritzte. Die Spritzer folgen auf die helle Krawatte. Dies passierte dem Boss! Der Boss nahm den Vorfall zur Kenntnis, ohne eine Miene zu verziehen, tupfte mit der Serviette in das Wasserglas und bearbeitete dann die Krawatte mit der angefeuchteten Serviette. Ein pragmatischer Ansatz. Ich hoffe, er hätte es ähnlich gesehen, wenn mir das Malheur passiert wäre.

FAQ:

Wer bezahlt das Mittagessen? Einfache Antwort: Der, der einlud. Und das kann nur der potenzielle Arbeitgeber sein. Als Kandidat würde ich nie zum Mittagessen einladen. Sollte der potenzielle Arbeitgeber nach dem Prinzip „Jeder zahlt seine Zeche“ verfahren, wäre ich recht skeptisch! Das wäre ein Zeichen dafür, dass ich künftig bei einem recht knausrigen Unternehmen arbeiten würde – schlecht für Gehaltsverhandlungen.


5 Kommentare on “..und nach dem Bewerbungsgespräch das Essen mit dem potentiellen Boss”

  1. lakritze sagt:

    Interessant, und vielleicht nützlich. Eines Tages.🙂

  2. ottogang sagt:

    Nur gut, daß all diese Überlegungen für mich der Vergangenheit angehören.
    Interessant ist die Geschichte schon, bin am überlegen, wer der Knödelspritzer war.

  3. utecht sagt:

    Mein Ansatz: Niemals verstellen, keinerlei Anpassung! Die Halbwertzeit solcher Ansätze ist genauso gering wie die Lust am neuen Job.
    Bedenkenswerte Dinge gelesen in diesem Blog; übrigens.

    • philipp1112 sagt:

      Der Ansatz „Niemals verstellen“ ist zu 100% richtig. Das gilt aber nicht nur für den Bewerber, sondern auch für den Interviewer. Ich war auf der Seite immer darauf aus, „die Realität darzustellen“, die nicht so traumhaften Seiten eines Jobs, der in einer Annonce so überschwänglich interessant, abwechslungsreich, herausfordernd, mit super Karrieremöglichkeiten,…….. dargestellt wurde. Eine gewisse Anpassung wird dagegen vom Bewerber erwartet, ein Verbiegen dagegen schadet.


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