„Kaufe menschliche Nabelschnur“

„Kaufe menschliche Nabelschnur“  hätte eine Anzeige sein können in der Fachzeitschrift für Hebammen, denn wir kauften diesen Artikel gern ein.

 Ein Inhaltsstoff ist die Hyaluronsäure, heute vielfach in der Kosmetik eingesetzt, dazu sollte unser Produkt jedoch nicht verwendet werden.

Wir isolierten ein Salz der Hyaluronsäure tatsächlich aus menschlichen Nabelschnüren, allerdings war unser Kunde ein Impfstoff-Hersteller, der Versuche damit durchführte, um zu testen, ob die Säure, die die Durchlässigkeit der Zellwände erhöhen sollte, die Bioverfügbarkeit von Impfstoffen erhöhen konnte. Über die Ergebnisse bin ich nicht informiert.

 Meine Aufgabe war es, den Einkauf des „Rohmaterials“ zu organisieren und das Produkt zu isolieren.

 Es lief dann folgendermaßen ab:

 Ein Außendienstmitarbeiter mit guten Kontakten zu einer Geburtsklinik stellte dort eine 20 Liter Milchkanne, gefüllt zu ¾ mit reinem Alkohol ab. Die Hebammen warfen dann die Nabelschnüre in die Kanne und wenn sie voll war, gab es als Bezahlung einige Pfund Kaffee für die Mannschaft auf der Station.

In unserem Labor angekommen, wurde von dem kostbaren Gut zunächst das Blut herausgewaschen und die gesäuberten Nabelschnüre getrocknet, dann zermahlen. Aus der pulverisierten Masse extrahierten wir den noch kostbareren Stoff, reinigten und trockneten ihn. WIR, das waren in der Regel die Auszubildenden zumeist angehende Chemielaborantinnen, die den ersten Teil der Reinigung unter wohlmeinenden, teilweise auch dummer Bemerkungen gestandener Chemotechniker und Chemiker zumeist wenig begeistert aber tapfer durchführten.

Da das Ergebnis aber immer stimmte und der Bedarf sich erhöhte, suchten wir nach neuen Quellen und schließlich fanden wir eine weitere Klinik, die uns Nabelschnüre liefern wollte, allerdings nicht auf der bewährten, oben beschriebenen Basis der Kaffee-Währung.

 Gefordert – und auch bezahlt – wurden nun 50 Pfennig pro Nabelschnur. Das klappte dann auch eine Weile ganz gut, bis uns auffiel, dass die Nabelschnüren nur noch halb so lang waren wie bei der vorherigen Lieferung. Wir gingen der Sache auf den Grund, da wir vermuteten, dass eine indirekte Preiserhöhung durchgeführt worden war, indem man weiter pro Stück abrechnete, das ursprüngliche Stück jedoch halbiert hatte.

Die Erklärung von unserem Kontakt in der Klinik war einfach, wenn auch nicht einleuchtend: Man habe jetzt so viele Entbindungen einer bestimmten Gruppe ausländischer Müttern – und da wäre die Nabelschur halt so kurz.

 Die weitere Entwicklung der Länge von Nabelschüren konnte ich leider nicht mehr verfolgen, da ich kurz danach aus der Firma ausschied. Ich bin mir sicher, dass diese Geschichte, die sich vor etwa 30 Jahren so dargestellt hat, heute aus diversen Gründe nicht mehr so zutragen würde.

 

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Seit 1990 kann die Hyaluronsäure biotechnologisch (fermentativ) hergestellt werden, inzwischen in großen Mengen. Sie wurde früher auch aus Hahnenkämmen isoliert, mit dem Nachteil, dass geringe Reste von tierischem Eiweiß enthalten waren, auf das  Menschen allergisch reagieren können.

Unsere Methode war halt anders, ist aber nun auch seit langem Geschichte.



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