J.D.Salinger: Der Fänger im Roggen

J.D.Salinger ist tot – es lebe Holden Caulfield.

Mit Salingers Tod ist sein einzig beachteter Roman der Fänger im Roggen wieder in die Bestseller-Listen geraten. Diesmal in der Übersetzung von Eike Schönfeld. Ich weiß nicht, ob es 1966

Taschenbuch von 1966

Taschenbuch von 1966

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bereits Bestseller-Listen für Taschenbücher gegeben hat. Das mag sein, gekümmert habe ich mich darum nicht. Als im Juni jenen Jahres die von Heinrich Böll überarbeitete erste deutsche Übersetzung des Romans als Taschenbuch erschien, sind wir – wir bereiteten uns gerade auf die Abiturprüfungen vor – in die Buchhandlungen gestürmt und haben uns das rororo-Bändchen gekauft. Wir hatten von Salingers Roman gehört, von der frechen, mit Schimpfwörtern gespickten Sprache. Was wir bis dahin in der Schule wegen unserer fürchterlichen Biedermannkeit versäumt hatten, das wollten wir im Geiste mit Holden Caulfield erleben.

Heute wird in den Medien diskutiert, welche Übersetzung die bessere ist. Die moderat angefertigte, an der Heinrich Böll beteiligt war, oder die deftigere aus dem Jahre 2003.

Für mich stellt sich dabei die Frage, was der Leser lesen will. Während Schönfeld mit seiner Übersetzung den Zeitgeist und die Worte des ausgehenden 20./beginnenden 21. Jahrhunderts trifft, liest sich die Böll’sche Fassung so, wie es DAMALS gewesen ist. Selbst junge Leute duzten sich zunächst nicht plump, wenn sie sich kennen lernten, selbst die Prostituierte wurde gesiezt.

Zwar liefen wir nicht mit der Krawatte herum – außer bei der Tanzstunde und sonntags beim Kirchgang -, aber wir wären gern gewesen wie Caulfield sich darstellt: rebellierend gegen Schule, Elternhaus und die ganze Gesellschaft. Schließlich kam es auch kurze Zeit später dazu, dass wir unsere Verklemmtheit und Spießigkeit abschütteln zu können. Aus uns wurden Studenten und Demonstranten, auch wenn es bei einigen nur dazu reichte, mal eine Vorlesung zu bestreiken oder gegen höhere Straßenbahnpreise zu demonstrieren und dabei auf den Schienen zu sitzen – nachdem die Bahn durch war.

Trotzdem dauerte es aber noch geraume Zeit, bis sich unser Sprachschatz so entwickelte, wie Schönfeld ihn in seiner Übersetzung darstellt. So hat Heinrich Böll sicherlich den damaligen Zeitgeist besser getroffen, wobei man mit jener Wortwahl nur noch wenig Interesse der heutigen Generation wecken konnte. Kommentare von jungen Lesern aus den letzten Jahren vor der Schönfeld-Ausgabe zeigen, dass das Interesse an diesem Werk gesunken war. Eine neue Übersetzung war demnach notwendig und ist heute erfolgreicher, als die alte es wäre. Zudem soll sie  eine präzisere wörtliche Übersetzung sein.

Wenn ich mir allerdings den neuen langweiligen Einband ansehe, sehne ich mich nach dem von 1966. Der war so rebellisch wie der Inhalt: Die Schrift in Kleinbuchstaben, die Inhaltsangabe quasi mit auf dem Cover.

Und dieser Text reicht auch schon fast aus für eine Inhaltsangabe: „dies ist die geschichte von holden caulfield, der, von der Schule relegiert und dem elternhaus entfremdet, durch die gigantenstadt new york irrt.“ Hinzuzufügen wäre lediglich: Einzig und allein die kleine Schwester Phoebe ist ein Bezugspunkt in dessen orientierungslosen Leben, in dem er so gerne der Fänger im Roggen wäre.


6 Kommentare on “J.D.Salinger: Der Fänger im Roggen”

  1. lakritze sagt:

    Ich habe keine der Übersetzungen gelesen — ich habe das Buch englisch im Kopf; ich bin nicht sicher, ob ich das »überschreiben« möchte. Wenn, dann würde ich mir beide beschaffen.

  2. 6kraska6 sagt:

    Ich habe, Böll hin, Schönfeld her, mit dem Original erstmals im Leben Kontakt zum amerikanischen English bekommen – und nervte danach Feunde im Chicago ständig mit meinem Caulfield-speak, etwa dem exzessiven Gebrauch von „sort of…“ und „all that crab“..

  3. Nina sagt:

    Ich bin durch Zufall über diesen Eintrag gestolpert, weil ich mich (nach dem englischen Original) nochmals an die alte deutsche Übersetzung wage und eigentlich nur mehr über Werner Rebhuhns Covergestaltung des Buches erfahren wollte.
    Danke für den kleinen Einblick in die damalige Zeit!

  4. philipp1112 sagt:

    @ Nina
    Götter, Gräber und Gelehrte……………..habe Dank Deines Kommentars erst erfahren, dass jenes Cover auch von Werner Rebhuhn stammt. Das muss 1949 Aufsehen erregt haben.

  5. mp sagt:

    Hallo,

    habe auch überlegt, ob es sich lohnen könnte, das Buch noch einmal in der neuen Übersetzung zu lesen. Ich denke, wer über genügend Fantasie und ein paar Kenntnisse der damaligen Zeit verfügt, für den sollte es die alte Übersetzung tun. Außerdem mag ich manchmal diese antiquiert-coole Sprache sogar, denn sie bringt einem Begriffe oder Redewendungen nahe, über die man sonst nie gestolpert wäre.
    Mit dem Argument, dass man Schüler heutzutage mit so einer Sprache jagen kann, mögen Sie aber Recht haben. Ich denke, vorerst werde ich die neue Ausgabe nicht lesen. Wo ich aber tatsächlich überlege, ist „Die Brüder Karamasow“ noch einmal aktuell übersetzt zu lesen. Habe das Buch nur in einer Uralt-Version gelesen und das war wirklich kein Vergnügen. Bei Büchern aus der weiteren Vergangenheit, die noch dazu vor langer Zeit übersetzt werden, sollte man wohl immer die neuesten Versionen wählen.

    VG!

    • Philipp Elph sagt:

      Alte vs. neue Übersetzungen, das ist ein interessantes Thema! Ich habe während der Schulzeit den „Simplicius Simplicissimus“ teilweise mit Begeisterung gelesen. Richtig genossen habe ich ihn erst vor wenigen Jahren in der neuen „Übersetzung“ von Reinhard Kaiser, einer verständlicheren und dadurch lesbareren Form. Ob neue Übersetzungen jedoch immer notwendig sind bezweifele ich. Ein kürzlich erschienener Zeitungsartikel zu einer Diskussion mit dem Übersetzer Ulrich Sonnenberg in der hiesigen Tageszeitung (Wiesbadener Kurier, 16.Januar 2015) endet mit dem Satz: „Natürlich müssen Texte immer wieder neu übersetzt werden, um den kulturellen Veränderungen Rechnung zu tragen.“ Dem schließe ich mich nicht uneingeschränkt an. Den Zeitgeist in einem Buch zu erleben – und dazu gehört nach meinem Empfinden auch die Sprache – kann auch ein wesentliches Element eines Buches sein.


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