Das Beutelbuch – Seltene Buchformen Teil 5

Knapp zwei Dutzend als Original erhaltene Beutelbücher aus dem Mittelalter sind weltweit bekannt. Im 14./15. Jahrhundert waren sie dagegen weit verbreitet. Sie wurden von Männern am Gürtel getragen, Frauen führten sie vorzugsweise in der Hand mit sich. Beutelbücher stellten eine besondere Buchform des Mittelalters dar. Der Bucheinband aus Leder war über die Unterseite des Buches verlängert und mit einem Lederknoten ausgestattet, der unter dem Gürtel durchgeschoben wurde und das Beutelbuch am Gürtel hielt. Beutelbücher ohne den Knoten wurden dagegen in der Hand getragen.

Mainz, St. Ignaz

Mainz, St. Ignaz

Aachen, Dom

Aachen, Dom

Es gab im Wesentlichen zwei Verwendungen für das Beutelbuch:

Entweder bestand der Inhalt aus Gebeten oder anderer religiösen Inhalten und wurde mitgeführt von Geistlichen oder Gebildeten, zum anderen wurden diese Bücher auch von Kaufleuten genutzt, die ihre Notizen hinein schrieben wie zum Beispiel Einnahmen und Ausgaben.

Neben dem Nutzen, den so ein kleines Buch hatte und das Reisende leicht mitführen konnten, war es zuweilen auch ein Statussymbol und drückte aus, dass der Besitzer Lesen und Schreiben konnte.

Darüber hinaus soll dieses Buch, dessen Buchblock mit Holzdeckeln ausgestattet war und Metallbeschläge und – schließen besaß eine Waffe bei der Abwehr von Räubern gewesen sein.

Die Geschichte des Beutelbuchs und die Verwendung hat der Buchbinder Klaus Müller ausführlich beschrieben:

http://www.mueller-buch.de/index.php?id=43

Klaus Müller: Das Beutelbuch

K.Müller: Das Beutelbuch

Neben diesem Artikel im Internet hat Klaus Müller ein Buch über das Beutelbuch geschrieben, dass er in Form eines Beutelbuches gestaltet hat ( Klaus Müller: Das Beutelbuch, Eigenverlag, zu beziehen über www.mueller-buch.de). In diesem Buch steht auch ein Beitrag zur Herstellung eines Beutelbuchs.

Ich habe inzwischen mir ein eigenes Beutelbuch als Notizbuch erstellt. Es besteht aus 25 Lagen mit je 4 Bögen Papier (400 Seiten) und hat ein Format von 9×13 cm bei einer Buchblockstärke von ca. 3 cm. Die Bögen wurden auf das Format gerissen und ähneln im Aussehen handgeschöpften Bütten.

Beutelbuch Baujahr 2010

Beutelbuch, Baujahr 2010

Der Buchblock wurde klassisch geheftet, abgeleimt und gerundet, danach habe ich die Kapitalien gestochen und den Buchblock zwischen Holzdeckeln befestigt. Anschließend wurden die Lederarbeiten durchgeführt und die Schließe angebracht, damit das Buch beim Tragen nicht offen steht.

Die Arbeiten sind hier nur grob beschrieben. In Wirklichkeit wird so ein Buch in nahezu unzähligen Schritten hergestellt und so habe ich insgesamt annähernd 20 Stunden gebraucht, um mein erstes Beutelbuch unter fachkundiger Leitung herzustellen.

Dies geschah in Mainz im BuchbindeAtelier.Kochinke ( http://www.buchbindeatelier.de/ ) unter der Anleitung von Ludger Maria Kochinke. In diesem Workshop, der über drei Tage ging, haben die Teilnehmer nicht nur die Arbeitsschritte und Tipps zur Herstellung dieses Buches erfahren, sondern Vieles auch über die Geschichte des Beutelbuchs.

Für mich war es die bisherige Krönung meiner inzwischen bereits mehrjährigen Beschäftigung mit dem Buchbinden.

„Aus ihrem vielfachen Vorkommen in der bildenden Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts schließt man, dass Beutelbücher in dieser Zeit häufig in Gebrauch waren“, schreibt Heinz Petersen in „Bucheinbände“ ( Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz, 1988, Seite 194-199). L.M.Kochinke zeigt eine größere Anzahl solcher Darstellungen auf seiner Homepage (s.o.). Er hat mir erlaubt, einige davon in diesem Beitrag abzubilden. Klaus Müller schreibt in seinem bereits zitierten Buch „Das Beutelbuch“, dass annähernd 500 Abbildungen von Beutelbüchern bekannt sind. Demnach war wohl die Zahl der damals existierenden Exemplare erheblich.

Später wurde dann ein Teil davon in Bibliotheksregale gesteckt und zum Zwecke besserer Aufbewahrung schnitt man den über den Buchblock herausgehenden Beutel einfach ab.

Heute werden Beutelbücher in der Buchbinderei von Klaus Müller und in anderen Werkstätten in alter Buchbinder-Tradition wieder hergestellt, entweder bindet man dann ein vorhandenes Buch zum Beutelbuch um oder es werden neue Bücher z.B. als Gästebücher erstellt.

Mein Beutelbuch hat jetzt einen Platz in der Werkstatt und ich werde es mit Notizen über das Buchbinden beschreiben. Am Gürtel tragend durch die Stadt laufen oder damit ebenso auf Reisen zu gehen, werde ich jedoch voraussichtlich nicht.

P.S. Herrn Ludger Maria Kochinke danke ich für die vielfältigen Anleitungen und Tipps zur Erstellung eines Beutelbuches sowie die Überlassung der  Abbildungen  Beutelbüchern aus der „bildenen Kunst“.

Der Knoten, der das Buch am Gürtel hält

P.P.S.  Sollte eine/r der Leserinnen und Leser  in ihrem/seinem Fundus eine Aufnahme eines Reliefs, Gemäldes oder anderen Darstellungen ein Beutelbuchs finden, wäre ich für die Überlassung eines Fotos dankbar.


7 Kommentare on “Das Beutelbuch – Seltene Buchformen Teil 5”

  1. Lakritze sagt:

    Bin begeistert. Wunderschön (den Knoten würde ich gern mal in Nahaufnahme sehen)! Und praktischer gedacht: So ein Beutelbuchumschlag, in den man etwa Taschenbücher stecken könnte, wäre beim täglichen Pendeln in der Bahn unschätzbar.

    Wenn er nicht zum Wechseln wäre, müßte ich schwer überlegen, welches Buch ich permanent mit mir rumschleppen wollte. Bei mir hätte der Immerwährende Heiligenkalender von H.Ch. Sellner gute Aussichten. .)

  2. philipp1112 sagt:

    Der Knoten – der Zopf wurde eigenhändig geflochten wie ein Mädchenzopf – ist inzwischen nachgereicht.

  3. karu02 sagt:

    Das ist ja richtig gut! Und für mich ganz neu. Ich muss gleich mal nachschauen, ob bei Düreres Melancholie nicht auch so ein Beutelbuch abgebildet ist. Ich habe es nur halb bewusst registriert, weil ich nichts über Beutelbücher wusste. Man sieht ja nur, was man weiß…
    Jetzt weiß ich es, danke! Als Immer-Dabei-Buch zum Zeichnen stelle ich mir das auch praktisch vor, an den Gürtel zu binden und gleich parat zu haben.

  4. karu02 sagt:

    Ich werde künftig darauf achten und Dir, falls mir solche Abbildungen unterkommen, sogleich Bescheid geben.

  5. ottogang sagt:

    Glückwunsch zu der Erstellung Deines Beutelbuches.
    Ich ziehe den Hut vor Deiner Arbeit und beneide Dich um die erworbene Fertigkeit, ein solches Buch herzustellen.
    Toll.

  6. Rosi sagt:

    vielleicht ist diese Zusammenfassung bei der Suche nach weiteren Beutelbüchern hilfreich:
    http://commons.wikimedia.org/wiki/Girdle_books?uselang=de

    Herzliche Grüsse
    einer Beutelbuchschreiberin und -Liebhaberin

  7. […] dem Thema Bücher können wir uns dann bei Philipp Elph annähern. Er schreibt über die Beutelbücher des […]


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