Rendezvous mit einem Lüsterweib

Auf ein Lüsterweib zu treffen ist nicht so spektakulär wie es beim Lesen der Überschrift erscheinen mag, denn ein Lüsterweib ist schlichtweg eine – wenn auch besondere  – Lampe.

Lüsterweib - Werkstatt Tilmann Riemenscheider, 16. Jahrhundert

Für mich war es dennoch eine Überraschung, im Mainfränkischen Museum in Würzburg auf der Festung Marienberg, einen solchen Lüster zu entdecken.

Diese Lüster sind Kronleuchter die  aus einem Geweih bestehen, in dessen Mitte eine Frauenfigur angebracht ist, deren Oberleib ab der Taille in einen Fischleib übergeht. Manchmal sind die Figuren nixenähnlich barbusig. Die, die ich hier zeige, sind allerdings züchtig bekleidet. Frivoler aussehenden ähneln häufig Gallionsfiguren.

Besonders in Mainfranken sollen diese Lüster verbreitet gewesen sein.

Das Exemplar, das ich in Würzburg sah, stammt aus der Werkstatt Tilmann Riemenschneiders und entstand im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Mit den Händen hält das Weib das Stadtwappen von Ochsenfurt. Näheres kann ich zur Herkunft nicht sagen. Das Weib – oder in diesem Fall sollte man es wohl eher Dame nennen – trägt eine feine Kleidung und schaut nicht so frivol aus, wie andere weniger bekleidete Figuren.

Bei Google fand ich wenig zum Begriff Lüsterweib, die Bezeichnung Lüsterweibchen scheint verbreiteter zu sein.

Unter „Lüsterweib“ fand ich ein Exemplar, das im Jahre 2002 vom Auktionshaus Zeller, Lindau, versteigert werden sollte. Es besteht aus einem riesigen Geweih, das an einem geschmiedeten Gestell hängt, nach Art der Ornamente Akanthusarme genannt. Der Oberkörper der Dame ist mit einem Renaissance-Kleid bekleidet, der  in einen Fischleib übergeht. Datiert wurde das Bild vom Auktionator auf das 19. Jahrhundert. Schade, dass die rechte Hand fehlt. Das hat sicherlich den Preis gedrückt.

Lüsterweib, 19. Jahrhundert

Mit Aufkommen der Elektrizität wurden dann – wie viele andere Kronleuchter auch (z.B. die in der Würzburger Residenz) – auf den elektrischen Strom umgerüstet. Bei den beiden hier gezeigten Stücken ist das nicht der Fall.

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P.S. Ich freue mich, in Kommentaren oder auf anderem Weg mehr über Lüsterweiber zu erfahren.


6 Kommentare on “Rendezvous mit einem Lüsterweib”

  1. Lakritze sagt:

    Ich weiß praktisch nichts über die Damen, freue mich aber gerade sehr über das prächtige neue Wort und bedauere ein bißchen, kein lästerlicheres Lüsterweib hier zu sehen. (Andererseits darf Dein Blog so, weil nicht jugendgefährdend, schon tagsüber öffnen. Ist ja auch was.)

  2. vilmoskörte sagt:

    Genau dort auf der Feste habe ich das Lüsterweibchen auch zum ersten /und vorerst letzen/ Mal gesehen. Und weiß auch nicht mehr über es zu berichten als die Wikipedia (Geweihmöbel ist übrigens ein schönes Wort, das ich gerne der Afra schenken würde).

  3. philipp1112 sagt:

    Dank an Vilmoskörte, die Bezeichnung „Lüsterweibchen“ ist offensichtlich der gebräuchlichere Begriff.

  4. Wortman sagt:

    Die erste Lampe sieht ja freakig aus.
    Da gefällt mir die aus dem 19. Jahrhundert doch um einiges besser🙂

  5. ottogang sagt:

    Interessant ist wohl auch die Verbindung von Geweih und Weibchen. Da hast Du mal wieder etwas interessantes entdeckt. Muß ich doch auch mal suchen gehen.

  6. karu02 sagt:

    Danke für diese Entdeckung. Das Wort gefällt mir und ich habe auch schon so ein Weib gesehen ohne zu wissen, wie es heißt. Leider fällt mir jetzt nicht ein, wo das war. Vielleicht komme ich noch drauf.


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