Verkochte Bücher

Über das Restaurieren alter Kochbücher

Es gibt sie noch in großer Zahl: über einhundert Jahre alte Kochbücher, benutzt von 4 oder 5 Generationen. Die Einbände sind häufig mit Fett, Mehl und Zucker imprägniert, zuweilen fehlt der Buchrücken, die Gelenke sind teilweise eingerissen und Seiten haben sich gelöst. Glücklicherweise haben die Buchblöcke den Gebrauch in der Nähe des Dunstes von Kochen, Backen und Braten meist ohne größere Blessuren überstanden, so dass wenig mehr als die Reparatur des Einbandes oder die Herstellung eines neuen Einbandes unter Verwendung der noch verwertbaren Teile des alten notwendig ist, um den Ratgeber von Urgroßmutter, Großmutter und Mutter in einer weiteren Generation wieder als voll funkionsfähiges und ansehnliches Buch nutzen zu können.

Wirft man einen Blick in das Buch, so erkennt man, dass es zumeist Rezepte enthält für die „besseren Kreise“ von damals. Der gehobene Mittelstand und höhere Schichten waren wohl die Käufer solcher Bücher, aber auch die Köchinnen, die diese Herrschaften bekochten.

In „Illustriertes Kochbuch“ von Mary Hahn ist unter dem Titel „Wie Damen über das Kochbuch urteilen“ ein kleine Referenzliste enthalten, in der sich neben Fräulein Cywill Frau Professor Rahn, die Rittergutsbesitzerin Frau Vorwerk und Dr. Sternberg, Spezialarzt für Diätkuren, sich sehr lobend über das Werk äußern. Es ist zu vermuten, dass in Haushalten von Arbeitern und Tagelöhnern die Fertigkeiten mündlich von der Mutter auf die Tochter übergingen. Kladden mit handschriftlichen Aufzeichnungen aus dieser Zeit habe ich auch gesehen.

Wenn ich so ein lädiertes Exemplar in die Hand bekomme, zumeist mit der Bitte, mal zu schauen, ob da noch was zu machen wäre, gilt mein erster Blick zunächst dem Buchblock und dem Säurefraß. Die Seiten sind oftmals stark gebräunt und will man ein kleines Eselsohr in eine Seite knicken, bricht es einfach ab wie in trockener Keks. Grund dafür ist, dass es sich um ein säurehaltiges Papier handelt und daraus sind die meisten der nach 1860 gedruckten Bücher hergestellt. Das hat auch zur Folge, dass es sehr aufwändig und teilweise gar nicht mehr möglich ist solch ein Buch neu zu binden, zumal ab dieser Zeit auch im Rahmen industrieller Buchfertigung statt der klassischen Bindung mit dem Heftfaden die Lagen mit Heftklammern aus Eisen zusammengefügt wurden. Und die Heftklammern sind dann auch noch verrostet.

Bei intaktem Buchblock wird der Rücken gereinigt, neue Vorsatzpapiere angeleimt. Danach wird der Buchblock abgeleimt, dabei ein Gewebe über Rücken und einen kleinen Teil der Vorsätze angeleimt und anschließend gerundet, dann kann der Bucheinband erneuert werden.

Sind die Lagen allerdings an den Falzen brüchig und die Heftklammern verrottet, müssen die Klammern entfernt werden. Dann besteht zumeist nur noch die Möglichkeit, den Buchblock am Rücken zu beschneiden und die Seiten per Klebebindung, Lumbecken genannt, zum Buchblock zusammenzufügen.

Die Arbeiten am Bucheinband sind dann sehr unterschiedlich: Je nach Beschädigung muß im schlimmsten Fall ein neuer Einband gefertigt werden. Ich versuche jedoch den Originaleinband so weitgehend wie möglich in den neuen Einband mit einzubeziehen. Sind nur die Scharniere eingerissen, werden diese und die nähere Umgebung ersetzt. Teile des alten geprägten oder bedruckten Deckeloberseite verwende ich nach Möglichkeit – und nach intensiver Reinigung meistens.

Am Ende liegt ein Buch vor, mit dem zumindest die heutige Generation arbeiten kann, vermutlich auch noch die nächste.

Zwischendurch schaue ich allerdings immer mal wieder an, was innen drin beschrieben ist – und das ist oftmals genau so interessant wie die handwerkliche Arbeit des Restaurierens.

In Marie Buchmeiers „Großes praktisches Kochbuch für die bürgerliche und feine Küche“ fand ich die Methode, nach der man zur Zubereitung einer Schildkrötensuppe das Tier zunächst töten mußte.Die Autorin empfiehlt, zunächst eine glühende Kohle durch den Bauchpanzer des Tieres bis in den Bauch zu treiben. Dabei würde die Schildkröte den Kopf aus dem Panzer strecken, der dann abgeschnitten werden könnte.

Na ja, nicht jedes Rezept muss man heute noch mit frischen Zutaten nachkochen.


12 Kommentare on “Verkochte Bücher”

  1. karu02 sagt:

    Das hört sich nach viel Arbeit an, mehr jedenfalls, als eine Schildkröte zu töten, was ja offenbar ganz einfach ist.

  2. ottogang sagt:

    Voller Interesse habe ich Deine Arbeit verfolgt. Nur den letzten Abschnitt mußte ich nicht unbedingt lesen.

  3. Lakritze sagt:

    Toller Artikel. Ich schaue Leuten gerne bei der Arbeit über die Schulter. Und ein, zwei alte Kochbücher hätte ich übrigens auch noch …

    Karu, Schildkrötensuppe aus der Dose ist noch einfacher.

  4. vilmoskörte sagt:

    @Karu: Die Schildkröte zu töten mag ja einfach sein, aber eine geeignete zu finden scheint mir ungleich schwieriger. Dann schon lieber Buchbinden, obwohl ich das doch eher dem Philipp überlassen möchte …

  5. philipp1112 sagt:

    @ Karu & Vilmos: Heute eine Schildkröte zu finden mag schwierig sein, doch damals…..
    1925 erbaute Herr Lacroix in Frankfurt ein Delikatessenunternehmen, in dem auch die Schildkrötensuppe hergestellt und in Dosen abgefüllt wurde. Die possierlichen Tierchen wurden dort auf dem Hof aufgezogen gehalten, bis sie dann…… (s.o.).
    Ab und zu soll auch mal eine ausgebüchst sein. Das wäre die Gelegenheit gewesen!

  6. azestoru sagt:

    Schildkröte hab ich auch noch nicht gegessen.

    Der Einband des abgebildeten Buches sieht sehr gut gelungen aus. Ich würde auch sehr gerne mal hineinschauen, was da so Interessantes zu lesen ist.

  7. philipp1112 sagt:

    @ Lakritze: Du kannst mir die Bücher ja mal zeigen.

  8. Afra Evenaar sagt:

    Einer Seeschildkröte habe ich mal direkt in die Augen geblickt. Irgendwo zwischen Italien und Sardinien. Sie war so groß wie ein LKW-Reifen. Ganz schön aufregend. Später habe ich gehört, dass sie mit einem Haps einen Besenstiel durchbeißen.

  9. Lakritze sagt:

    Oje, Afra. Jetzt kann ich nicht umhin, in meiner Vorstellung das Knacken von Besenstielen mit dem von Fingerknochen zu vergleichen. Brrr.

  10. richensa sagt:

    Von meiner Großtante habe ich auch zwei schöne Kochbücher, eines davon eine „Henriette Davidis“, mit heute etwas fremd anmutenden Rezeptzutaten, angefangen bei Kuchen, die mit 24 Eigelben gebacken werden sollen. Schockschwerenot!

    Da meine Großtante als Kind der Kriegsgeneration (1. Weltkrieg!) Single geblieben ist, wurde das Buch nicht sehr stark benutzt, um für größere Familienansammlungen zu kochen und ist demzufolge noch gut in „Schuss“…

  11. […] dem Bücherflohmarkt fiel es mir auf, weil es keinen Titel trug; es war offenbar neu von Hand gebunden, das Innere geflickt, die Seiten brüchig und sehr gelesen. Also habe ich es mitgenommen, das […]

  12. Lakritze sagt:

    Ah, ich hatte mich dunkel dran erinnert — natürlich war es Richensa, die die Davidis besitzt.😀


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