Brigitte Günther – Euch ein neues Vaterland

Der große Marsch der Salzburger Exulanten
November 1731
Roman von Brigitte Günther

Unsägliches Leid ist den Salzburger Exulanten widerfahren, Brigitte Günther hat die Worte gefunden, es anschaulich in ihrem Roman über die Ereignisse, insbesondere den langen Marsch aus der Heimat bis nach Ostpreußen, zu beschreiben.

Unvorstellbare Qualen mussten Lutheraner in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem katholischen Bischof Firmian im Salzburger Land ertragen: Kerker, Folter, Hunger und Durst, häufig mit dem Tode endend, dann im Jahre 1731 die Verweisung dieser protestantischen Glaubensgruppe aus dem Land zu einem unbekannten Ziel.

Einige, dem Roman vorangestellte und nachgestellte Kapitel erklären die Situation, in denen sich die protestantische Minderheit von etwa 20.000 Menschen befand, nachdem alle Maßnahmen der Bekehrung dieser Gruppe durch die katholischen Herrscher nicht zum Ziel geführt hatten.

Ende des Jahres 1731 beginnt dann die Geschichte der vertreibung der ersten Gruppe von etwa 800 Salzburger Exulanten in Romanform. Kinder müssen zurückgelassen werden, katholische Familienmitglieder ebenso. Familien werden brutal auseinander gerissen und die gläubigen Protestanten bei Kälte  schlecht bekleidet auf den Marsch geschickt, der sie zunächst in Hunger, Krankheit und anderes Elend, teilweise auch in den Tod führt.

Brigitte Günther schreibt über den starken Glauben dieser Menschen, die Brutalität der Ablehnung auf dem ersten Teil dieser „Reise“. Sie schreibt über fiktive Ereignisse, bei denen der Leser vergisst, dass es sich um einen Roman handelt. Und die Exulanten halten durch, dezimiert durch den Verlust von Mitgliedern, die erschöpft auf dem Marsch sterben, von Neugeborenen, die das Ziel nicht erreichen werden, weil Nahrung fehlt. Es ist ein Drama, welchen Strapazen die Gruppe ausgesetzt ist, die nicht weiß, wo das Ziel ist und wie es dort aussieht, die nahezu verzweifelt, weil der seelische Druck und die körperliche Pein so unglaublich groß sind. Doch der Glaube ist größer denn jede Pein und jedes Elend. Immer wieder treten aus den eigenen Reihen starke Persönlichkeiten auf, die ermuntern weiterzugehen, durchzuhalten. Nach Wochen erreichen sie Kaufbeuren als Zwischenziel. Hier begegnen sie Verständnis, erhalten Hilfe, Wunden werden versorgt und die Mägen gefüllt. Doch Kaufbeuren liegt noch am Anfang des Marsches. Quer durch Deutschland geht es. Sie stoßen weiterhin auf Ablehnung in den einen und Hilfe und Unterstützung in anderen Orten.

Kleine Liebeleien, eine Massenhochzeit, auch mal ein Fest zu Ehren der Exulanten sind Begleiter des überwiegend düsteren Romans und erhalten das Leseinteresse.

Schließlich erreichen die Exulanten, durch Todesfälle arg dezimiert, ihr Ziel Gumbinnen in Ostpreußen. Andere Gruppen der 20.000 gehen zu anderen Zeiten und teilweise auf anderen Wegen in ein neues Vaterland.

Häufig erscheinen die beschriebenen Erlebnisse der handelnden Personen, als wäre es so in der Wirklichkeit geschehen. Und dies ist sicherlich die Stärke des Romans. Der Leser erlebt das Leid der handelnden Personen mit, freut sich bei erfreulicheren Ereignissen. Bei einem Gefühl geht er jedoch wesentlich weiter als die duldsamen Exulanten: er entwickelt Hass gegenüber der Obrigkeit, die für diese Vertreibung verantwortlich ist, und auf die, die am Wege Hilfeleistungen ablehnen.

Wir kennen Vertreibungen wesentlich größeren Ausmaßes und die Geschichten und auch Romane darüber, aber mir ist kein Buch bekannt, das so nah an den Menschen ist, die dabei waren.

Auch, wenn es als Fiktion geschrieben ist.

So ist nach intensiven Recherchen ein lesenswertes Buch entstanden, das nicht nur zur Unterhaltung dient, sondern auch dazu, ein wenig von der Geschichte der Salzburger Asylanten aufzunehmen.

Anmerkungen:

Da die Autorin die Begriffe der damaligen Zeit verwendet und sich – wo sinnvoll – an die Dialekte und die Sprache der damaligen Zeit hält, sind manche Begriffe für uns heute nicht verständlich. In einem Glossar am Ende des Buches werden uns diese Begriffe erklärt.

Das Buch ist erschienen in der EDITION AMMONIT des Verlags Projekte-Verlag Cornelius GmbH als Hardcover (20,00 €) und als Paperback (15,00 €).


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