Andrea Camilleri: Das Medaillon

Ganz anders als die meisten Bücher, die wir von Camilleri kennen, ist diese kleine Novelle, die in der mir vorliegenden Ausgabe hübsch von Roberto Innocenti illustriert ist. Kein Kriminalfall mit mafiösen Hintergründen, den Commissario Montalbano aufklären muss, keine der derben, oft zotigen Geschichten skurriler sizilianischer Typen, die hier zu lesen ist.

Wären nicht die italienischen Namen, die Umgebung des 20. Jahrhunderts, hätte ich vermutet, eine Geschichte aus der Zeit des deutschen Realismus des 19. Jahrhunderts zu lesen.

Fein und einfühlsam schreibt Camilleri von Maresciallo Brancato, dem Kommandanten der Carabinieri in einem kleinen Dorf in den Bergen. Brancato ist nicht nur ein Carabinieri, sondern er auch das, was man heute einen Mediator nennt: er wird von den Bewohnern des Dorfes gerufen, wenn ein Streit zu schlichten ist, eine Mutter nicht mehr mit ihrem ungezogenen Sohn zurecht kommt, immer wenn es ein Problem zu lösen gilt. Und ein Problem hat auch Ciccino die zweite Hauptperson dieser Erzählung, ein alter mürrischer, verschlossener Mann, der mit seiner Frau und einer Schafherde am Ende des Dorfes hoch in den Bergen lebt. Das Ehepaar war über 40 Jahre verheiratet und nun ist Maria, die Frau gestorben.

Nach dem Tod zieht sich Ciccino noch mehr zurück, verlässt das Haus nicht mehr, schießt in die Luft, als der Pfarrer ihn besuchen will. Der Witwer scheint den Tod seiner Frau nicht verwinden zu können. Antonio Brancato erfährt von dem Pfarrer von dem Vorfall und von der Gefahr, die von Ciccino ausgeht, und Brancato entschließt sich, den Weg zu dem abgelegenen Haus zu machen und Ciccino dazu zu bewegen, wieder zur Normalität zurückzukehren.

Es gelingt dem Carabinieri tatsächlich, im Hause des Witwers mit diesem zu reden, und er erfährt, dass nicht der Tod seiner Ehefrau das Leben des alten Mannes geändert hat, sondern das Bild jenes Medaillons, das er als Ehemann vor vielen Jahren seiner Frau mit einem Foto von ihm als Inhalt schenke. Es ein sehr altes Bild eines jungen, anderen Mannes. Nach einer Ehe von 43 Jahren, in denen das Paar jede Nacht im gleichen Bett verbrachten, ist Ciccino nach dieser Entdeckung am Boden zerstört. Zutiefst enttäuscht verfiel er in Agonie und sitzt nur noch im Haus herum, will nichts mehr mit dem leben draußen zu tun haben. Brancato kann diesen Konflikt mit seinem Einfallsreichtum lösen. Mit Hilfe des Goldschmiedes, der das Medaillon vor einigen Jahren gereinigt hat, überzeugt der Problemlöser den alten Ciccino, dass es bei der Reinigung zu einem Zwischenfall gekommen ist und das Foto ausgetauscht wurde.

Ciccino findet seinen Frieden wieder.

Eine schöne Geschichte. Hervorragend erzählt von Andrea Camilleri.


2 Kommentare on “Andrea Camilleri: Das Medaillon”

  1. ottogang sagt:

    Wohl wahr, eine schöne Geschichte, hat mir auch sehr gut gefallen und wirklich lesenswert.

  2. karu02 sagt:

    Danke für den Hinweis.


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