Wahrheit und Bekenntnis – Kirchenkampf in Wiesbaden 1933-1945

P1010212Es sind meist die kleinen Ereignisse, die daran erinnern, dass Deutschland eine dunkle Vergangenheit hat. Da werden ein paar Straßen weiter neue Stolpersteine gesetzt und man radelt an der kleinen Zeremonie vorbei, oder in der Zeitung schreibt jemand über die Diskussion, Nachkommen von Sinti- und Roma-Opfern der NS-Diktatur ein Antragsrecht auf eine Dauergrabstätte einzuräumen. Es gibt auch die großen Ereignisse, die erinnern: Der Holocaust-Gedenktag in Israel oder die Einweihung von Holocaust- und Sintzidenkmälern in Berlin – Meldungen, die immerhin wichtig genug erscheinen, um in der Tagesschau erwähnt zu werden.

In Wiesbaden hat sich nun ereignet, was von der Masse der Bevölkerung wenig wahrgenommen,  in der evangelischen Kirche jedoch mit großem Aufwand  betrieben wurde: Die Erstellung einer Dokumentation über den Kirchenkampf in Wiesbaden in der Zeit von 1933 bis 1945.

In dem Buch „Wahrheit und Bekenntnis – Kirchenkampf in Wiesbaden 1933-1945“ ist eine Reihe von Vorträgen und Predigten zusammengefasst, die 2012 in Kirchen und kirchlichen Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in Wiesbaden stattfanden. Referiert und gepredigt wurde über die Auseinandersetzung der Bekennenden Christen mit den Nationalsozialisten im Dritten Reich, wobei die Beiträge vornehmlich Kampf und Bekenntnis von Pfarrern, deren Familien und Gläubigen beschreiben. Es wurde aber auch über Anpassung der Kirche und einem Teil ihrer Vertreter berichtet, die zumeist zwangsweise mit den Zielen des Nationalsozialismus jener Zeit gleichgeschaltet wurden.

Wenn auch diese Aufarbeitung mit hohem wissenschaftlichen Aufwand und großer Akribie von den Autoren betrieben wurde, hat mich besonders die Vorstellung seiner Dietrich Bonhoeffer-Biographie des US-amerikanischen Journalisten Eric Metaxas angesprochen. In diesem Buch beschreibt Metaxas, der ausdrücklich erwähnte, dass er keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben wollte, dass es „nur“ das Werk eines Journalisten sei, das Leben Bonhoeffers als Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet. Im Vorwort des Buches „Bekenntnis und Wahrheit“ beschreiben die Herausgeber die Aussagen Metaxas folgendermaßen: In seinem Vortrag kennzeichnete Metaxas Bonhoeffer als Mann des Kirchenkampfes und als Protagonisten „des wirklich politischen Widerstandes gegen die Nazis“. Bonhoeffer habe dabei höchste Integrität und Glaubwürdigkeit gezeigt.
Dieses Bild zeichnen die Autoren anderer Beiträge auch von den Mitgliedern der Bekennenden Kirche in Wiesbaden zur Zeit des Nationalsozialismus, machen aber auch deutlich, wie schwierig der Kampf dieser Gruppe gegen die mit dem Regime gleichgeschalteten „kirchlichen“ Kräfte war.
Vermutlich wird das Buch nur Verbreitung in kirchlichen Kreisen und bei Interessierten an der Geschichte Wiesbadens finden. Das ist einerseits schade, andererseits ist es das, was Autoren Herausgeber und Unterstützer mit dem Erscheinen bezwecken wollen:

Eine Schrift gegen das Vergessen, gegen eine Schlussstrich-Mentalität!

Eins möchte ich noch hinzufügen. Einen Satz, der auf der Stele eines Mahnmals zur Erinnerung an die Verschleppung und Ermordung jüdischer Bürger des Wiesbadener Ortsteils Nordenstadt  im Jahre 1942 steht: „Wehret den Anfängen“.

An dieses Worte denke ich – so werden es auch andere erleben – wenn sie in diesem Buch lesen. Und das ist gut so!

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Das Buch erschien in der Reihe „Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden“ als Band 12

Herausgeber: Klaus-Dieter Grunwald, Hermann Otto Geißler, Sigurd Rink, Roger Töpelmann

Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit Brigitte Streich, der Direktorin des Stadtarchivs der Stadt Wiesbaden

Als Autorinnen und Autoren mit Beiträgen beteiligt: Reiner Braun, Hermann Otto Geißler, Ralf-Andreas Gmelin, Klaus-Dieter Grunwald, Volker Jung, Eric Metaxas, Helmut Georg Müller, Markus Nett, Ulrich Oelschläger, Christa Reich, Roger Töpelmann, Friedrich Weber



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