Adalbert Stifter: Bergkristall

P1010936Vorweihnachtszeit und das Fest selbst sind für mich mit einigen Ritualen verbunden. Dazu gehört aus literarischer Sicht, dass ich Dickens‘ A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas und auch Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall lese. Am einem düsteren Nachmittag in der Adventszeit gibt es für mich kaum etwas Schöneres, als bei spärlicher Beleuchtung, Kerzenlicht gehört dazu, diese Geschichte aus der Sammlung Bunte Steine zu lesen. Liebhaber des gedruckten Buches mögen mir verzeihen, wenn ich sage, dass mir in diesem Jahr das Lesen noch mehr Freude bereitet hat. Ich habe Bergkristall als E-Book gelesen! Nur beim Licht einer Kerze, die Umgebung noch dämmriger. Nicht mehr den sperrigen, gewichtigen Band II der Gesamtausgabe in den Händen, die Augen nicht mehr auf die zierliche Schrift fixiert.

P1010931Für meine Freunde unter Euch, die genau wie ich das gedruckte Buch schätzen, die Haptik des Papiers, eine wohlgesetzte, feine Schrift, mögen meine Worte ketzerisch klingen. In diesem Fall habe ich jedoch diese Art des Buches genossen! Ich bitte um Nachsicht!

Auch dafür, dass ich Adalbert Stifter lese!

Für viele erscheinen seine Erzählungen und Romane nicht mehr zeitgemäß. Das habe ich erfahren, als ich in Social Media dieses Werk vorgeschlagen habe, als nach Lektüre gesucht wurde, die im Winter spielt.

Anderen gilt Adalbert Stifter als Meister biedermeierhafter Naturdarstellungen. Diese für seine Zeit neuartigen Landschaftsbeschreibungen haben dem naturverbundenen Schriftsteller den zweifelhaften Ruf eines Heimatschriftstellers eingebracht. Bis heute wird ihm nachgesagt, er habe die ländliche Lebenswelt als Idylle idealisiert. So kann ein Teil seines Werkes sicherlich gewertet werden.

Die Schilderung der Landschaft, zunächst als idyllisch dargestellt, zeigt aber dann, als sich die Geschwister in der Nacht zu Weihnachten verlaufen, wie schroff und gewaltig Natur sein oder empfunden werden kann. Dass schließlich die Sorge und die Suche nach den verirrten Kindern in der Heiligen Nacht dazu führt, Bewohner aus zwei nur durch wenige Stunden Fußmarsch getrennte Täler näher zu bringen, wird in diversen Interpretationen des Textes unterschiedlich dargestellt.

Bergkristall

Bergkristall

„Es geht um Neid, Hass und Liebe. Adalbert Stifter hat hier seine Vorstellungen von einem Leben ohne Fremdenhass und ohne Vorurteile gegenüber Fremden aufgezeigt.“ Es mag sein, dass in heutiger Zeit Fremdenhass an diesem Beispiel aufgezeigt wird. Ich halte diese Aussage für eine Fehlinterpretation.

Das sind harte Worte, zumal ich Hass oder Fremdenhass der Bewohner der benachbarten Täler nicht erkenne. Um Vorurteile, Desinteresse und Arroganz geht es vielmehr. Die gemeinsame Sorge um die Kinder und die Freude aller, als die beiden Verirrten wiedergefunden werden, erzeugt das Gefühl, doch eine Gemeinschaft zu sein und sich fortan entsprechend zu verhalten, zu respektieren. Wie und dass es dazu gekommen ist, beschreibt Adalbert Stifter klar und unspektakulär, dennoch eindrucksvoll. Er zeigt, dass auch kleine Ereignisse in einer begrenzten Umgebung bedeutende Veränderungen herbeiführen können. Und das schätze ich an der Erzählung.

Genießt diese Lektüre ohne den Zwang, die Erzählung wie in der Schule interpretieren zu müssen!


3 Kommentare on “Adalbert Stifter: Bergkristall”

  1. Roswitha sagt:

    Du hast mich neugierig gemacht.
    Es ist genau dieser Aspekt, Beschreibung oder Erzählung aus früheren Zeiten, übertragbar auf hier und jetzt, der Literatur für mich so reizvoll macht. Was für ein Satz! Ich tippe am Handy …

  2. Ich mag Stifter! Und Fontane! Und Dickens! Und überhaupt alle, die mich mit sorgfältiger Sprache zwar in andere Zeiten, aber in alte und trotzdem Immer neue Wahrheiten entführen. Danke für Deinen Artikel!

  3. […] Jahr in der Vorweihnachtszeit liest Philipp Elph die Erzählung Bergkristall von Adalbert […]


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