Wiesbaden im Sommer – Bilder einer Stadt, Hrsg. Christiane Geldmacher/Susanne Kronenberg

Bilder einer Stadt, das sind Erinnerungen, Rendezvous, Flirts, Reales und Surreales, Märchen, Lyrik und noch viel mehr

P1020585Erinnerungen. Der Präsident (Belinda Vogt) besucht im Sommer 1963 Wiesbaden und alle gehen hin, stellen sich an die Straßen. Mit großen Aufwand bereitet sich die kleine Edith auf den Besuch vor, zieht ihr schönstes Kleid an, läuft einen weiten Weg dorthin, wo Kennedy vorbeifahren wird. Wartet stundenlang für einen Moment, den sie nie vergessen wird.

Erinnerungen, nicht nur an einen Präsidenten, sondern von Richard Lifka an den Schiersteiner Karlchen, auch Kohlenkarl oder Zeitungskarl genannt. Der steht am anderen Ende der Gesellschaft. Ein Obdachloser, von den Burschen gehänselt und drangsaliert, mit einem traurigen Ende.

Erinnerungen auch von Rita Rosen, die in einem Haibun in Nächtliche Begegnung von jenem Mann erzählt, der Wiesbadener Litfaßsäulen mit Bibelzitaten schmückt. Rita Rosen versucht ihn zu verstehen. Und wir verstehen, was ein Haibun ist: Eine Erzählung, die auf einer wahren Begebenheit beruht und immer ein oder mehrere Haikus beinhaltet. Wer beides noch nicht kennt, erfährt hier zwei Formen der japanischen Literatur. Es gibt Gedichte, die den Sommer in Wiesbaden schildern – von Rita Rosen – und von Alexander Pfeiffer, der uns tags und nachts in Bleichstraßenpoesie durch die Straße führt.

Und wie es im Sommer so ist. Zeit für Rendezvous, Zeit für Liebe! An die große Liebe erinnert sich eine ältere Dame, die an den Ort dieser Liebe zurückkehrt, zu einem Besuch in Wiesbaden (Andreas Stahl). Ein anderer entdeckt die große Liebe zum Wasser und ist auf Altrheinarmen Dem Himmel ein klein wenig näher (Thorsten Weiß). Die Liebe kommt auch nicht zu kurz bei Ulrike Keding. Das Rendevous im Treppenhaus beschreibt sie als einen Sommernachtstraum, aus dem die Träumerin allerdings jäh gerissen wird und tapfer ihr Leben in der Realität wieder aufnimmt.

Aber nicht nur Reales ereignet sich im Sommer in Wiesbaden. Ein Märchen – fast wie aus 1001 Nacht – erleben Asha und Alexander im Biebricher Schloßpark. Leila Emami erzählt es.

Ebenso Surreales. In Miniaturen I-V lässt Christiane Geldmacher Justine und Gerald eine ganz seltsame Geschichte erleben.

Aber dann kommt Tante Rosie (Fenna Williams). Tante Rosie ist der Vater- und Mutterersatz für eine hippe 14jährige, die von ihren Eltern unverstanden nach Auringen zu Tante Rosies Reiterhof ausreißt. Ist halt so, in dem Alter hat man es nicht leicht mit seinen Eltern.

So wandert der Leser weiter duch Wiesbaden, trifft noch Dominik Mondorff und die Schachspieler am Warmen Damm, hört mit Berd Köstering Mark Knopfler, Kennenlernszenen bei Susanne Kronenberg sowie Dietmar Schubert.

Zum Schluss lernen wir noch eine Gestalt aus Thomas Manns Zauberberg kennen, jenen Anton Karlowitsch Ferge, der nach Karsten Eichners Erzählung Dostojeweskis Vermächtnis dafür verantwortlich ist, dass der große russische Dichter in Wiesbaden seine letzten Kopeken verspielt, dadurch auch verantwortlich dafür ist, dass Dostojeweki Werke wie Der Idiot und Der Spieler schrieb, mit einem Wort Weltliteratur. Somit hat Ferge mit seinem manipulativen Spiel am Roulette-Tisch Literaturgeschichte geschrieben……

….so wie ich, indem ich hier über 15 Autorinnen und Autoren aus der Gruppe Dostojeweskis Erben berichte. Über das, was in Wiesbaden im Sommer so alles passierte und sich ereignet. Was so vielfältig von Form und Inhalt ist. Und jedes Fünfzehntel eine Liebeserklärung ist für „Wiessbade, Landeshauptstadt, zwattgreesst Stadt von Hesse un Nassau“, wie der Stadtführer Andreas Stahls Erzählung tönt.

Neben diesen herrlichen Texten sollte aber auch die vorzügliche Gestaltung des Büchleins durch Professor Kristian von der Hochschule Rhein Main und die darin enthaltenen Fotos von Stanislaw Chomicki und eierm Foto on Helen Krisztian lobend erwähnt werden. Christiane Geldmacher und Susanne Kronenberg als Herausgeberinnen ist es gelungen, eine facettenreiche Sammlung ihrer Autoren-Kolleginnen und -Kollegen in diese Bilder einer Stadt zusammenzustellen.

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Übergroß das Foto vom Bürgermeister dieser Stadt Arno Großmann (Nomen est omen), der als 16. Autor ein Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat, das im Kommunal- und Schulverlag Wiesbaden erschienen ist.

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