Eine „humane“ Art, Mäuse zu fangen?

Es war Herbst geworden. Mäuse zogen in die Schreibtische ein. Nahrung gab es dort genug. Pralinen und Knäckebrot. Die Kolleginnen bedienten sich davon. Die Mäuse auch. Der Unterschied zwischen den beiden Spezies bestand darin, dass die Mäuse ihren Darm auf dem angeknabberten Knäckebrot entleerten.

Es war Herbst geworden und die Mäuse kamen von den Feldern und Wiesen in unsere ebenerdig liegenden Büros und Laboratorien. Es waren bereits kostbare Messgeräte wegen Kabelfraß ausgefallen, aber erst als Mäuse mit ihren Kötteln das Knäckebrot garnierten, wurden die Gäste zu einem echten Problem – weil ein Kollege eine Schlagfalle mitbrachte, mit der wir der Plage Herr werden wollten.

Das war ein Problem, denn diese Art der Beseitigung war für alle Kolleginnen und auch für einen Teil der Kollegen nicht akzeptabel, da „inhuman“. Heftige Diskussionen über Fangmethoden wurden geführt, Gabi wollte ihren Kater zum Verscheuchen der Mäuse mitbringen. „Bringt nichts!“, war die Meinung der einiger Kollegen. Die Fronten schienen verhärtet. Wir befanden uns in einem Mäusefang-Moratorium.

Es wurde beendet, als am nächsten Tag eine Kollegin mit einer Lebendfalle zur Arbeit kam. Und so fingen wir in den nächsten Wochen zahlreiche Mäuse auf diese Weise, setzen sie vor die Tür und fingen die nächsten – oder dieselben.

Das ging gut bis Weihnachten. Die Falle wurde in einem Aktenschrank vergessen, wir gingen bis nach Neujahr in Urlaub.

Im neuen Jahr öffnete ich den Aktenschrank. In der Lebendfalle lagen zwei ausgedörrte, platte Mäusefelle und eine tote Maus – Kannibalismus!

Soviel zu einer „humanen“  Art, Mäuse zu fangen.

Lebendfalle zum "humanen" Fangen von Mäusen

Lebendfalle zum „humanen“ Fangen von Mäusen

 

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Mein kürzestes Bewerbungsgespräch – oder: Wie ich einmal von einem Bewerber mächtig gelinkt wurde

Die Geschichte zu erzählen dauert wesentlich länger als das Gespräch, das ich mit einem Bewerber in München führte.

Der junge Ökotrophologe hatte sich auf eine Stelle im wissenschaftlichen Außendienst des Unternehmens für ein Gebiet in der südlichen Hälfte Deutschlands beworben. Er war mit dem ersten Flieger aus einer norddeutschen Hansestadt zu uns gekommen. Die Bewerbungsunterlagen waren vielversprechend und es war nicht ungewöhnlich, dass sich jemand aus dem hohen Norden für ein Gebiet südlich des Weißwurstäquators bewarb. Flexibilität war und ist heute angesagt.

Hinzu kam, dass der Bewerber bereits gegen Ende seines Studiums und während der Suche nach seinem ersten „richtigen“ Job in einer Apotheke jener Hansestadt Ernährungsberatungen durchgeführt hatte. Sehr gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung auf die freie Stelle.

Der Bewerber wurde begrüßt und dem üblichen Zeremoniell entsprechend folgte zum Aufwärmen und Entspannen ein kurzer Smalltalk. Die Flug war angenehm, zur Firma zu finden war keine Schwierigkeit gewesen. So,so, aus dem Norden käme er – da stünde ja ein Ortswechsel an, wenn es zum Arbeitsvertrag käme.

Die Antwort verblüffte mich!

Er sei mit der Inhaberin der Apotheke, in der er die Beratung durchführe, liiert und ein Ortswechsel käme für ihn nicht in Frage.

Die Verblüffung verwandelte sich in leichte Verärgerung als der Bewerber hinzufügte, dass er sich – in der Hoffnung eingeladen zu werden – beworben hätte, denn er wollte einen schönen Tag in München verbringen und hätte den Rückflug erst für den letzten Flieger gebucht.

Damit war nach knapp fünf Minuten das Vorstellungsgespräch beendet.

Heute bin ich fasziniert von der Frechheit des Kandidaten.


„Kaufe menschliche Nabelschnur“

„Kaufe menschliche Nabelschnur“  hätte eine Anzeige sein können in der Fachzeitschrift für Hebammen, denn wir kauften diesen Artikel gern ein.

 Ein Inhaltsstoff ist die Hyaluronsäure, heute vielfach in der Kosmetik eingesetzt, dazu sollte unser Produkt jedoch nicht verwendet werden.

Wir isolierten ein Salz der Hyaluronsäure tatsächlich aus menschlichen Nabelschnüren, allerdings war unser Kunde ein Impfstoff-Hersteller, der Versuche damit durchführte, um zu testen, ob die Säure, die die Durchlässigkeit der Zellwände erhöhen sollte, die Bioverfügbarkeit von Impfstoffen erhöhen konnte. Über die Ergebnisse bin ich nicht informiert.

 Meine Aufgabe war es, den Einkauf des „Rohmaterials“ zu organisieren und das Produkt zu isolieren.

 Es lief dann folgendermaßen ab:

 Ein Außendienstmitarbeiter mit guten Kontakten zu einer Geburtsklinik stellte dort eine 20 Liter Milchkanne, gefüllt zu ¾ mit reinem Alkohol ab. Die Hebammen warfen dann die Nabelschnüre in die Kanne und wenn sie voll war, gab es als Bezahlung einige Pfund Kaffee für die Mannschaft auf der Station.

In unserem Labor angekommen, wurde von dem kostbaren Gut zunächst das Blut herausgewaschen und die gesäuberten Nabelschnüre getrocknet, dann zermahlen. Aus der pulverisierten Masse extrahierten wir den noch kostbareren Stoff, reinigten und trockneten ihn. WIR, das waren in der Regel die Auszubildenden zumeist angehende Chemielaborantinnen, die den ersten Teil der Reinigung unter wohlmeinenden, teilweise auch dummer Bemerkungen gestandener Chemotechniker und Chemiker zumeist wenig begeistert aber tapfer durchführten.

Da das Ergebnis aber immer stimmte und der Bedarf sich erhöhte, suchten wir nach neuen Quellen und schließlich fanden wir eine weitere Klinik, die uns Nabelschnüre liefern wollte, allerdings nicht auf der bewährten, oben beschriebenen Basis der Kaffee-Währung.

 Gefordert – und auch bezahlt – wurden nun 50 Pfennig pro Nabelschnur. Das klappte dann auch eine Weile ganz gut, bis uns auffiel, dass die Nabelschnüren nur noch halb so lang waren wie bei der vorherigen Lieferung. Wir gingen der Sache auf den Grund, da wir vermuteten, dass eine indirekte Preiserhöhung durchgeführt worden war, indem man weiter pro Stück abrechnete, das ursprüngliche Stück jedoch halbiert hatte.

Die Erklärung von unserem Kontakt in der Klinik war einfach, wenn auch nicht einleuchtend: Man habe jetzt so viele Entbindungen einer bestimmten Gruppe ausländischer Müttern – und da wäre die Nabelschur halt so kurz.

 Die weitere Entwicklung der Länge von Nabelschüren konnte ich leider nicht mehr verfolgen, da ich kurz danach aus der Firma ausschied. Ich bin mir sicher, dass diese Geschichte, die sich vor etwa 30 Jahren so dargestellt hat, heute aus diversen Gründe nicht mehr so zutragen würde.

 

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Seit 1990 kann die Hyaluronsäure biotechnologisch (fermentativ) hergestellt werden, inzwischen in großen Mengen. Sie wurde früher auch aus Hahnenkämmen isoliert, mit dem Nachteil, dass geringe Reste von tierischem Eiweiß enthalten waren, auf das  Menschen allergisch reagieren können.

Unsere Methode war halt anders, ist aber nun auch seit langem Geschichte.


Die Herstellung von Schweiß

Haben Sie schon einmal Schweiß hergestellt?

Täglich, werden Sie mir antworten. Ich übrigens auch und gerade im Sommer zu nahezu jeder Tag- und Nachtzeit.

Darüber hinaus habe ich Schweiß auch synthetisch hergestellt, das könnten Sie auch, das Rezept dazu habe ich.

Manchmal reicht die natürliche Transpiration halt nicht aus, um Versuche mit Schweiß durchzuführen. Deshalb erhielt ich den Auftrag, einige Liter synthetischen Schweiß herzustellen.

Ein namhafter Hersteller von Autoradios wollte zu der Zeit, als die zumeist schwarzen oder elfenbeinfarbenen Tasten an den Radios noch richtig zum Drücken waren und außerdem die Bezeichnungen eingeprägt und mit Farbe gekennzeichnet waren, einen Test durchführen, ob diese Farben dem Handschweiß der Benutzer beim zig-maligen Drücken der Tasten standhielt.

Das Unternehmen entwickelte einen künstlichen Finger, der mit Schweiß benetzt werden und dann durch Mechanik immer wieder auf eine Taste drücken sollte.

Bei dem kleinen chemischen Unternehmen, in dem ich arbeitete, wurde nach synthetischem Schweiß angefragt und ich erhielt, wie zuvor schon erwähnt, den ehrenvollen Auftrag zur Herstellung.

Ich brauche wohl nicht weiter auszuführen, dass ich keine Ahnung davon hatte, wie ich das anstellen konnte.

Es war auch noch die Zeit vor Google und Wikipedia – es war die Zeit der Bibliotheken. Und dort fand ich das Standardwerk mit dem Titel „Der Schweiß“ mit der Beschreibung von Entstehung, Zusammensetzung und Bekämpfung, zusammengetragen auf 560 Seiten. Das Buch war wohl in den Bestand unserer Bibliothek gekommen, weil man sich zuvor mit der Herstellung von Deodorants beschäftigt hatte. Wer es nicht glaubt, dass darüber ein Wälzer geschrieben wurde, hier der Berweis:

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Und in diesem Buch fand ich dann ein „Rezept“ zur Herstellung von synthetischem Schweiß.

Man nehme………eine bestimmte Menge Kochsalz, diverse Säuren in bestimmtem Verhältnis, fülle mit Wasser auf und nach Umrühren ist der Schweiß fertig. Abgefüllt in Flaschen ging er dann auf die Reise zum Kunden.

So einfach geht das ohne Hautwasserabgabe (Perspiratio).

Frei nach Thomas A. Edison, aber doch ganz anders: „Genius is one percent inspiration and 99 percent perspiration“

 

 

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P.S.  Eine ausführliche Buchbesprechung ist nicht geplant, nicht nur, weil der Kenntnisstand von 1956  überholt ist, sondern auch, weil es wohl keinen interessiert.

 

 

 


..und nach dem Bewerbungsgespräch das Essen mit dem potentiellen Boss

Eine besonders gute Gelegenheit, bei einer Bewerbung Pluspunkte zu sammeln oder auch sich zu disqualifizieren, erhält der Kandidat, wenn er vom potentiellen Chef nach dem Bewerbungsgespräch zum Essen eingeladen wird.

Eine Einladung ist auf der einen Seite eine ausgesprochene Nettigkeit und kaum jemand, der bereits nach dem Vorstellungsgespräch aus dem Rennen ist, wird dazu eingeladen – es sei denn, er soll aus irgendwelchen Gründen zu seiner derzeitigen Arbeit oder Firma ausgefragt werden.

Gehen wir also davon aus, dass dieser so genannte „potentielle Chef“ noch ein wenig mit einem durchaus geeignet erscheinenden Kandidaten plaudern will, beobachten, ob der richtige Umgang mit Messer und Gabel beherrscht wird, möglicherweise auch wie der Umgang mit Alkohol ist, ob die Auswahl aus der Speisekarte preislich angemessen ist (wenn denn nicht in der Kantine gegessen wird) und wie in einem scheinbar zwanglosen Rahmen das Auftreten des Kandidaten ist, das wird er in jedem Fall – sei es nun gezielt oder nur unterschwellig.

Deshalb ist das Essen nach dem Vorstellungsgespräch Teil des Vorstellungsgesprächs.

Gehen wir davon aus, dass der Kandidat mit Messer und Gabel einschließlich der richtigen Sitzposition und Armhaltung essen kann und nicht mit vollem Mund redet.

Wie sieht’s aus mit dem Aperitif, dem Schoppen Wein oder der Mass Bier.

Von einem Bewerber, der mit dem Auto angereist ist, erwarte ich, dass er keinen Alkohol zu sich nimmt. Wird die Abreise nicht im eigenen Auto erfolgen, kann man, wenn das Angebot gemacht wird sicher ein Glas Wein oder ein kleines Bier trinken, will der Chef unbedingt einen Aperitif trinken, darf der auch konsumiert werden. Einen Grappa oder Adäquates nach dem Essen würde ich zu Gunsten eines Espressos ablehnen.

Wie verschwenderisch kann eine Bestellung sein? Zumeist verfährt man gut damit, sich nicht die teuersten Gerichte auszusuchen. Ein Süppchen als Vorspeise, wenn dazu aufgefordert wird, eine Vorspeise u bestellen, ein mittelpreisiges Hauptgericht ist OK. Auf den Nachtisch sollte man verzichten – zugunsten eines Espressos. Wähle ein einfach zu handhabendes Essen aus, damit Du nicht zu sehr darauf konzentriert bist mit den handwerklichen Aufgaben des Essens, wähle etwas leicht Kaubares aus. Du musst Dich mehr auf das Gespräch konzentrieren als auf das Essen!

Und dann das Gespräch bei Tisch. Es handelt sich hierbei nicht um einen politischen Stammtisch. Gespräche, die soziale Kompetenz zeigen, ein intaktes Familienleben, positive Lebenseinstellung, sind unverfänglich. Kritik am derzeitigen Arbeitgeber und an Kollegen sind genauso unangebracht wie beim eigentlichen Vorstellungsgespräch.

Vieles ist in einem solchen Gespräch situativ. Hat man einen Schwätzer als potentiellen Chef gegenüber oder jemanden mit extremen und mir als Kandidaten widerstrebenden Ansichten, ist es vielleicht auch noch einmal eine Entscheidungshilfe bei der Wahl des Arbeitsplatzes.

Auch potentielle Vorgesetzte sollten sich angemessen verhalten – und auch über die richtigen Tischmanieren verfügen.

Als ich bei einem innerbetrieblichen Wechsel zum ersten Mal mit meinen zukünftigen Chef gesprochen hatte- also auch eine Art des Vorstellungsgesprächs -, lud er mich in die Betriebskantine ein. Es war in München, es gab Schweinsbraten mit Knödel und sehr viel Soße.

Es kam,wie es kommen musste – loriotisch: Ein Stück Knödel fiel von der Gabel in die Soße, Soße spritzte. Die Spritzer folgen auf die helle Krawatte. Dies passierte dem Boss! Der Boss nahm den Vorfall zur Kenntnis, ohne eine Miene zu verziehen, tupfte mit der Serviette in das Wasserglas und bearbeitete dann die Krawatte mit der angefeuchteten Serviette. Ein pragmatischer Ansatz. Ich hoffe, er hätte es ähnlich gesehen, wenn mir das Malheur passiert wäre.

FAQ:

Wer bezahlt das Mittagessen? Einfache Antwort: Der, der einlud. Und das kann nur der potenzielle Arbeitgeber sein. Als Kandidat würde ich nie zum Mittagessen einladen. Sollte der potenzielle Arbeitgeber nach dem Prinzip „Jeder zahlt seine Zeche“ verfahren, wäre ich recht skeptisch! Das wäre ein Zeichen dafür, dass ich künftig bei einem recht knausrigen Unternehmen arbeiten würde – schlecht für Gehaltsverhandlungen.


Von Videokonferenzen, Interwise Sessions, Telcos und Diskussionen im TeaM-Room

Definierte sich die Wichtigkeit von Kollegen – und mir – vor einigen Jahren unter anderem über die Zahl der dienstlich veranlassten Auslandsflüge, wurde im Rahmen von Sparmaßnahmen und durch Erschwernisse im Genehmigungsverfahren seit geraumer Zeit einerseits das Statussymbol noch aufgewertet, anderseits wuchs bei den Meisten von uns das Miles & More Konto nicht mehr in dem bisher gewohnten Umfang.

Dienstreisen in entlegene Fabriken oder zu den schönsten Plätzen der Welt wurden ersetzt durch Videokonferenzen. Diese waren in gewisser Weise anfangs auch spektakulär und für die Teilnehmer imagefördend.

Die Diskussionen mussten jedoch äußerst diszipliniert ohne großes Palaver geführt werden, damit sie noch verständlich blieben. Das hatte den Vorteil, dass neben Zeit- und Kostenersparnis auch eine Ersparnis überflüssiger und langatmiger Wortbeiträge einher ging. Weil aber nur wenige Räume mit der entsprechenden Übertragungstechnik ausgestattet waren, war es recht aufwändig einen Termin für eine derartige Konferenz zu finden. Zudem waren auch nicht all unsere Kontakte technisch derartig ausgerüstet. Wir erkannten auch, dass es nicht wirklich viel brachte, die Kollegen eines anderen Standorts auf der Leinwand zu sehen und uns denen umgekehrt zu präsentieren, während weiterhin nur das gesprochene Wort von Bedeutung war – und das auch nur bilateral.

Folglich war die nächste Stufe der Kommunikation mehrerer Teilnehmer – und das auch noch an mehr als zwei Orten der Erde – die Telefonkonferenz, in unserem Jargon Telcos genannt. Per Outlook wurde den erforderlichen Teilnehmern ein Termin eingestellt, dazu die Telefoneinwahlnummer sowie ein PIN Code. Zur gegebenen Zeit wählte man sich ein und nahm an der Telco teil. Der Vorteil war, dass von Kaufbeuren bis Kuala Lumpur, ja darüber noch hinaus, alle notwendigen Personen in einer Konferenz vertreten sein konnten. Lediglich mit einigen Karibik-Inseln klappte das Verfahren nicht ganz reibungslos. Als Nachteil erwies sich, dass man nichts sah, niemand seine Listen oder Powerpoint-Präsentationen zeigen konnte.

Das ist möglich, seit in unserem Unternehmen Interwise-Sessions möglich wurden. Nun sitzt jeder Teilnehmer einer solchen Veranstaltung in seinem Büro vor dem Bildschirm und hat sein Headset übergestülpt. Jeder, der an einer solchen Veranstaltung teilnimmt, hat das gleiche Bild auf dem Schirm, egal ob in Frankfurt, Rio oder am Genfer See. Ein Mitglied der Runde, zumeist der Moderator fährt mit der Maus über den Bildschirm, erläutert, stellt fest und alle können diskutieren. Das ist ein ausgesprochen effizientes Verfahren. Neulich wurde uns dann erklärt, dass wir nach der Session auch weiter diskutieren könnten, es wäre im firmeneigenen Intranet ein Tea Room eingerichtet, in dem man Diskussionsbeiträge posten könne.

Ein Tea Room! Ich war begeistert über diese Wortwahl! Da hatte sich der Namensgeber ja einen besonderen Namen einfallen lassen! Ich stellte mir diese Plattform vor als virtuellen Raum mit netten Plüschsesseln, Teilnehmern mit einer Tasse feinem Tee in der Hand, ein Schälchen mit Keksen vor sich auf dem Tisch, postend diskutierend. Als wir dann mal in einer kleinen Runde über Nutzung und Vorzüge dieses Raumes sprachen und ich das Wort häufiger in die Runde warf, wies mich eine Kollegin dezent darauf hin, dass die richtige Bezeichnung dafür TeaM Room wäre und so würde es ja auch schließlich überall stehen. Ich hatte das Wort zig-mal gelesen, immer das oben beschriebene Bild mit Sesseln, Teetasse und Keksen vor Augen. Jetzt bin ich desillusioniert. Ein Team Room! Resopalbeschichteter Tisch mit den angetrockneten Rändern von Kaffeetassen, darum harte, stapelbare Stühle und ein Flipchart in der Ecke, endlose Diskussionen in ungemütlicher Tristesse.

Wie schön wäre da ein Tea Room gewesen.


Wie kommt Zwiebelduft in die Tapete? – Forensik unspektakulär

Wenn Forensik der Sammelbegriff für die Tätigkeiten ist, kriminelle Handlungen zu identifizieren oder auszuschließen, zu analysieren oder rekonstruieren, dann war ich in meinem Arbeitsleben einmal auch ein Forensiker.

 

Ich habe keine Leichen untersucht, habe keine forensischen Anthropologie oder Entomologie betrieben, nein, es waren recht unspektakuläre Aufgaben die ich übernommen hatte, von denen mir eine dennoch berichtenswert erscheint:

 

In der Zeit, als ich in einem kleinen chemischen Betrieb unter anderem Cannabissamen und menschliche Nabelschnüre extrahierte, kam eines Tages der Eigentümer des Unternehmens zu mir und bat mich um Hilfe zur Unterstützung seines Bruders in einem Rechtsstreit mit dessen ehemaligen Hausmeister. Letzterer hatte auf dem Werksgelände eine Wohnung bewohnt und musste nach Kündigung des Arbeitsvertrags durch seinen Arbeitgeber, besagtem Bruder meines Chefs, die Wohnung in renoviertem Zustand verlassen. Offensichtlich ging man nicht einvernehmlich auseinander und so hatte der ehemalige Hausmeister die Wände der Wohnung erst nach langem verbalen Gerangel neu gestrichen. Ärger gab es dann doch noch, denn als die Wohnung übergeben werden sollte, roch es sehr stark nach Zwiebeln. Der Geruch hielt sich auch noch nach längerem Lüften, so dass der Unternehmer davon ausging, sein ehemaliger Hausmeister hätte ihm ein Andenken hinterlassen, indem er präparierte Farbe auf die Raufasertapete aufgetragen hätte. Es kam zu einem Gerichtsverfahren und dazu sollte ein Gutachten angefertigt werden, in dem nachgewiesen wurde, dass der Zwiebelgeruch tatsächlich aus der Tapete bzw. deren Anstrich kam. Das Erstellen des Gutachtens sollte meine Aufgabe sein.

 

Wie kam die Zwiebel auf die Tapete und wie konnte ich das nachweisen?

 

Ich suchte in meinem Innersten nach meinem Potenzial an krimineller Energie und kam zu dem Schluss, dass ich mir Zwiebelsaft gekauft hätte, um ihn unter die Farbe zu mischen und dann die Tapete damit zu streichen.

 

Im nächsten Supermarkt kaufte ich mir ein Fläschchen des intensiv duftenden Safts. Aus der wirklich stark nach Zwiebel riechenden Wohnung schnitt ich mir außerdem ein Stück Tapete heraus und extrahierte die „Inhaltsstoffe“ in Wasser.  In einem weiteren Schritt isolierte ich den „Zwiebelduftstoff“ und verglich ihn mittels dem einfachen Verfahren der Dünnschichtchromatographie (DSC) mit dem gekauften Zwiebelsaft – und siehe da, Zwiebelsaft und Tapetenextrakt wiesen die gleichen Inhaltsstoffe auf.

 

Das schriftliche Gutachten wurde erstellt und bei Gericht eingereicht. Das Ergebnis meiner „forensischen Bemühungen“ wurde anerkannt.

So einfach und unspektakulär kann Forensik sein.