Wolfgang Borchert: Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels (illustriert von Birgit Schössow)

schyschiphuschSchischypusch ischt mit Schischerheit eine der bekannteschten Figuren der deutschen Nachkrieschliteratur. Schischyphusch ischt meine Lieblingserschählung.

Deshalb freue ich mich sehr, dass der Atlantik Verlag dieses Kleinod von Wolfgang Borchert als Buch mit herrlichen Illustrationen von Birgit Schössow herausgegeben hat. Die Bilder passen sich gut in die Handlung ein. Mit dezenten Farben ist es Birgit Schössow gelungen, ein ideales Gleichgewicht zu Wolfgang Borcherts Worten zu finden.


 

Der lispelnde Kellner mit Spitznamen Schischyphusch ist eine tragische Figur, oft gedemütigt, verängstigt. Durch den Sprachfehler wird er oft zum Gespött seiner Umgebung. In dieser Geschichte trifft er auf einen selbstbewussten Kriegsversehrten, der im Krieg durch einen Kieferdurchschuss einen Teil seiner Zunge verloren hat und deshalb ähnlich spricht. S, z und tz werden zum sch – wie beim Kellner. Welches Missverständnis sich daraus ergibt, erzählt ein kleiner Junge, der mit Mutter und dem lispelnden Onkel das Gartenlokal besucht, in dem der Kellner arbeitet. Doch das Missverständnis wird im Laufe der Erzählung geklärt und es wird Verständnis und gar Freundschaft daraus.

© Birgit Schössow_Schischyphusch (4)

© Birgit Schössow

Es ist eine der wenigen lustigen Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert und vielen von uns bekannt aus dem 1956 erschienen rororo-Taschenbuch „Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen“.

Generationen von Schülern haben seitdem die Geschichte gelesen oder von begeisterten Lehrern mit Enthusiasmus und der entsprechenden (oftmals feuchten) Aussprache vorgetragen bekommen. Die „Performance“ meines Lehrers werde ich nie vergessen.

Der Inhalt – Für diejenigen, die diese Geschichte doch noch nicht kennen :

Ein kleiner Junge geht mit Mutter und Onkel, der im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hat und wegen eines Schusses in die Zunge lispelt, in ein Gartenlokal. Dort werden sie von einem ebenfalls lispelnden Kellner bedient.

Zunächst denken beide, dass sich jeder über den Sprachfehler des anderen lustig machen will. Dabei steht der kleine, verzweifelte und sein Leben lang wegen des Lispelns gedemütigte Kellner dem vor Lebensfreude strotzenden Onkel des erzählenden Jungen gegenüber. Das Missverständnis wird schließlich aufgeklärt und vor den Augen und Ohren der 300 Besucher des Gartenlokals genießen die beiden Lispler einige Schnäpse und brechen dabei in ein anhaltendes Lachen aus. Der Onkel schallend, wie es so seine Art ist, der Kellner so ausgiebig wie wohl noch nie in seinem Leben., wobei er ständig und laut “Schischyphusch” ruft.

Der Onkel beendet das Gelächter der beiden abrupt, indem er den Kellner fragt, was es mit dem “Schischyphusch” auf sich hätte. Der Kellner erklärt, dass das sein Spitzname seit der Schulzeit sei, den ihm die Klassenkameraden verpaßt hätten, weil er den Namen des Sisyphus nicht richtig aussprechen konnte.

© Birgit Schössow_Schischyphusch (7)

© Birgit Schössow

Diese Erklärung beschämt den Onkel und er bezahlt mit einem großen Schein, ohne das Wechselgeld zurückzufordern und verlässt das Lokal mit dem Jungen und dessen Mutter. Dem Jungen tut der Kellner leid. Als er sich noch einmal umdreht, sieht er den Kellner weinen. Er sagt seinem Onkel, was er gerade gesehen hat. darauf hin dreht sich der Onkel, der ebenfalls ein paar Tränen in den Augen hat, zum Kellner herum und ruft ihm zu, dass er am nächsten Sonntag wieder kommen werde.

Schischyphusch, mein alter Bekannter. Ein weiterer Post zum Thema

 

Paul Collins: Der Mord des Jahrhunderts – Der Fall Gudensuppe

An verschiedenen Stellen in und um New York werden im Sommer 1897 diverse Leichenteile gefunden, die zu einem einzigen Körper gehören. Nur der Kopf taucht nirgends auf.

Paul Collins beschreibt den wahren Kriminalfall, der die New Yorker Presse monatelang beschäftigt und einen ungeheueren Wettlauf der Zeitungen auslöst, bei dem es um die spektakulärsten Schlagzeilen und somit um die höchsten Auflagen und die Dominanz im Zeitungsgeschäft jener Zeit geht. Den Zeitungsherausgebern, allen voran Joseph Pulitzer und William Randolh Hearst, ist jedes Mittel recht, ihr Ziel zu erreichen. Sie bauen eigene Ermittlungsteams auf, die teilweise erfolgreicher sind als die Polizei – auf alle Fälle aber skupelloser im Umgang mit der Wahrheit. Reporter einzelner Zeitungen schwärmen zu Hunderten aus, um sensationelle Neuigkeiten zu erfahren und darüber zu berichten. Die Bild Zeitung des 20. Jahrhunderts ist ein harmloses Käseblättchen gegen die Berichterstattung im Fall Guldensuppe, spektakuläre Stories der Privat-Sender von heute zum Einschlafen!

Collins berichtet über die Entstehung  der Yellow Press und der Boulevardpresse und er bedient sich dieser. 16 Zeitung dienen ebenso als Quellen für dieses Buch wie Gerichtsakten und die Erinnerungen an beteiligte Detectives und Journaisten. Mehr als 1000 Stellen werden aus diesen Quellen zitiert.

Was so wissenschaftlich aussieht, liest sich jedoch wie ein wahrer Thriller, unterteilt in die großen Kapitel „Das Opfer“, „Die Verdächtigen“, „Die Anklage“, „Der Prozeß“ und „Das Urteil“ – eine insgesamt schier unglaubliche Kriminalgeschichte um das Verschwinden des Einwanderers Guldensuppe und dem Auftauchen einiger seiner Körperteile, der Suche nach den Verdächtigen, Prozeß und Urteil.

Zwischendurch – wenn es um die Identifizierung der Leichenteile geht – nimmt das Ganze kuriose Züge an, weil Heerscharen von Schaulustigen einen Blick auf die Fragmente werfen möchten und phantasievoll mögliche Opfer erfinden oder bestätigen, dass die Teile Guldensuppe zuzuordnen sind. Diese präzise Beschreibung wirkt dann doch mit der Zeit ermüdend, weil man wissen möchte, welche Rolle denn nun Gussi Nack und andere in diesem Fall gspielt haben.

Und welche Rolle haben die Hauptverdächtigen gespielt? Ebenso wie im „Lindbergh-Kidnapping-Case“, der sich rund 30 Jahre später ereignet hat, bleibt diese Frage offen – trotz vollzogener Todesstrafe und Verurteilung zu langjähriger Gefängnisstrafe der Beteiligten.

Für LeserInnen, die sich für wahre Kriminalfälle und/oder die Entwicklung der Boulvardpresse interessieren, ist dies ein wirklicher Leckerbissen.

Jörg Maurer: Oberwasser

Prolog

Es ist immer wieder ein Vergnügen, die Sprache Maurers zu lesen, seine skurrilen Wortschöpfungen und schrägen Gedanken zu genießen. Er ist halt in erster Linie pfiffiger, begnadeter Kabarettist, der mit Worten spielt. Und als solchen lese oder höre ich ihn gern.

Daneben – und inzwischen vom Bekanntheitsgrad wohl hauptsächlich – ist Jörg Maurer auch ein Krimiautor. Mit Oberwasser ist kürzlich der vierte Roman erschienen, dessen Hauptakteure Kommissar Jennerwein und Mitstreiter inklusive der örtlichen Polizisten dieser kleinen Stadt mit dem schwer auszusprechenden Doppelnamen am Fuße der Zugspitze sind Jenes alpenländischen Kurorts, der kürzlich bei der Vergabe olympischer Winterspiele leer ausgegangen ist. Dazu gesellen sich in der Regel einige bekannte, teilweise auch geachtete Bürger der Gemeinde – Handwerker, Geschäftsleute, Ratsmitglieder, Vereinsvorstände, Ratscheltanten, Wilderer und Fremdgänger – sowie wahlweise lokale, regionale, nationale und internationale Verbrecher kleineren und größeren Kalibers. Zuweilen sind auch gewisse Verknüpfungen zwischen den einzelnen Verbrecherindividuen oder -gruppierungen auszumachen. Die Fälle handeln größtenteils in dem kleinen Städtchen sowie der umliegenden Bergwelt, aber auch in der Welt der Verbrecher im Allgemeinen bis hin nach Palermo – wenn sie wissen, was ich damit meine.Touristen, Sportfunktionäre, Besucher von Internationalen Sportveranstaltungen agieren als Statisten.

Das sind zwar interessante Konstellationen. Maurer macht es der Leserin/dem Leser jedoch das eine oder andere mal schwer, seinen Gedankensprüngen zu folgen oder seinem Mäandern durch die Weltliteratur (Homer, Shakespeare, Hemingway u.a.) sowie durch diverse medizinische, naturwissenschaftliche (mehr Physik und Geologie denn Chemie oder Biologie), technische (Strömungsverhalten von Flüssigkeiten unter besonderer Berücksichtigung von Strudelbildung), historische, lokal kulinarische,numismatische, alpinistische, kriminalistische Themen aber auch durch die neueste Informationstechnologie.

Leser dieses Beitrags werden inzwischen erkennen, dass Maurer´sche Bücher allgemeinbildend sind und zumindest die wesentlichen stofflichen Inhalte der gymnasialen Oberstufe umfassen, soweit sie nicht die musischen Fächer betreffen, während sportliche Inhalte, soweit es sich um Schuchteln oder Wildwasserkanuing handelt, ausgiebig erwähnt werden. Sie – die Maurer’schen Alpenkrimis – entbehren jedoch nicht einer gewissen Spannung.

 Nun zu  Oberwasser  im Speziellen (falls es Sie interessiert und Sie meinen Ausführungen bisher folgen konnten):

 Hauptkommissar Jennerwein und sein Team werden erneut in oben erwähnte Stadt geschickt, um einem höchst vertraulichen Fall aufzuklären. Zwei Beamte des BKA sind verschwunden, die verdeckt vor Ort observieren, um in einem Fall von Verbrechen internationalen Ausmaßes zu ermitteln. Ganz im Geheimen müssen Jennerwein & Co arbeiten, damit die Arbeit des BKA nicht gefährdet und die restlichen BKAler nicht enttarnt werden. Das soll dadurch erreicht werden, dass der Bevölkerung des idyllischen Kurorts und deren Gästen ein Verbrechen vorgegaukelt werden soll. Ein Ablenkungsmanöver und wirres Verwirrspiel, unter dessen Deckmantel die Ermittlungen durchgeführt werden können ohne den Argwohn der Bösewichte auf sich zu ziehen. Auch Gisela – Kenner  Jennerwein’schen Methoden kennen sie – muss wieder ran und wird in gefährliche Einsätze geschickt.

Unter Einsatz seines eigenen und dem Leben anderer Mitstreiter gelingt es Jennerwein schließlich, diesen Fall zu lösen, nachdem er sich nicht von üblen Überraschungen und bedeutungslosen Nebensträngen ablenken ließ.

Eine amüsante Geschichte, die die Fans von Jörg Maurer begeistern wird – aber möglicherweise nicht jeden Krimifreund.

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Zuvor von Jörg Maurer beschriebene Fälle von Hubertus Jennerwein und seinem Team in der Reihenfolge des Erscheinens – die zufällig (?) auch der alphabetischen Reihenfolge entspricht:

Föhnlage (2009)

Hochsaison (2010)

Niedertracht (2011)

Oberwasser (2012)

Carlos Ruiz Zafón: Marina

Ein echter Ruiz Zafón, fantastisch und mysteriös. Allerdings nicht so komplex wie „Spiel des Engels“ und „Im Schatten des Windes“. Der Roman handelt von Oscar, einem Internatsschüler in Barcelona um 1980.

Oscar lernt das Mädchen Marina kennen, das mit seinem Vater in der Nähe der Schule in einer alten, verwahrlosten Villa wohnt.Zusammen mit Marina erkundet der Internatsschüler ein Geheimnis. Zunächst führt sie der Weg auf einen verlassenen Friedhof zu einem Grab ohne Namen, nur mit einem Schmetterling auf dem Grabstein. Dieses Grab wird ab und zu von einer in schwarze Kleidung verhüllte Frau besucht, die dort jedes Mal eine rote Rose ablegt. Die beiden Beobachter verfolgen die Frau bis diese in einer verlassenen Gegend spurlos verschwindet. Dort treffen Marina und Oscar auf ein weiteres Zeichen des schwarzen Schmetterlings. Und damit beginnt die mysteriöse Geschichte, in die die beiden eintauchen:

Die Geschichte handelt von dem einstmals reichsten Mann Barcelonas, einem Wohltäter der Menschheit, der sich im Laufe der Zeit zu einem Frankenstein entwickelt hat, wobei er sich selbst in ein Monster verwandelt. Oscar erfährt bei alten Weggefährten dieses inzwischen irre gewordenen Mannes die wahre Geschichte des Aufstiegs und Verfalls. Der Weg führt ihn dabei auch in das Abwassersystem der Stadt und in das verlassene und nicht vollendete Grand Teatro Real, das der damals noch als Wohltäter Agierende für seine zukünftige Frau erbauen wollte – doch dann kam alles anders. Und Oscar erlebt mit Marina das Ende jener Geschichte, nun in einer brutalen Realität. Doch auch die gemeinsame Geschichte der beiden jungen Leute endet und lässt schließlich einen verwirrten Oscar zurück.

Dieser Roman ist ein Frühwerk des Autors, entstanden vor den beiden seiner in Deutschland bekanntesten Werke. Das Buch wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, als Carlos Ruiz Zafón sich vom Jugendbuchautor zu dem uns heute bekannten Literaten entwickelte. So mutet manche Szene noch Jugendbuch-artig und überschaubar an. Andererseits verfügt Ruiz Zafón bereits über den herrlichen, mit Vergnügen lesbaren Erzählstil  nachfolgender Werke.

Simon Beckett: Verwesung

Die neue Formel der Verwesung ist 1-2-8 und es ist wieder ein grausiger Leichenfund, zu dem der forensische Anthropologe David Hunter ins Moor bei Dartmoor gerufen wird. Hübsche junge Siebzehnjährige sind vor einiger Zeit verschwunden.

Verantwortlich dafür wurde Jerome Monk gemacht, ein Außenseiter der Gesellschaft, der kurz nach einem weiteren Mord an einer jungen Frau am Tatort gefasst wird. Monk wird an Hand von Indizien auch für die mutmaßlichen anderen Morde verurteilt und gilt als Massenmörder . In einem Nebensatz erfahren wir jedoch, dass erhebliche Unterschiede zwischen den drei verschwundenen Mädchen und dem vierten Opfer bestehen.

Bei der Leiche, die ihre Hand aus dem Moor streckte, handelt es sich um die Überreste der einen jungen Frau und Monk erklärt sich bereit, bei der Suche der anderen zu helfen. Die Suche im Moor nutzt er zu einem Fluchtversuch, er wird jedoch dabei überwältigt und wieder ins Gefängnis zurück gebracht, aus dem er acht Jahre später flieht. Der Geflohene versucht , „Kontakt aufzunehmen“ zu denen, die damals auf Ermittlungsseite im Moor bei der Leichensuche dabei waren, insbesondere zu dem forensischen Archäologen Wainwrigth, der diesen Kontakt nicht überlebt, und der psychologischen Ermittlungsberaterin Sophie Keller, die bei einem Überfall in ihrem Haus übel zugerichtet wird.

Der Autor folgt dabei dem Muster der ersten drei Hunter-Thriller und so tauchen bei David Hunter nach etwa zwei Dritteln des Buches Zweifel auf, ob Monk der wahre Täter ist, der für das Verschwinden der drei Schönen verantwortlich ist. Wer die ersten drei Thriller mit David Hunter kennt, spekuliert ab dem Auftritt des Detective Inspectors Terry Connors, einem alten Bekannten von Hunter, ob der Täter der Mädchen sich bereits in der Nähe des forensischen Anthropologen aufhält und diesen irgendwann auch in Lebensgefahr bringen wird.

Nachdem Sophie von Monk in die alten Zinnminen des Moores verschleppt wird und Hunter hilfreich einzugreifen versucht, wird klar, was die vermeintliche Bestie vorhat. In einer spannenden Szene unter Tage wird Hunter weiter erleuchtet.

Und dann kommt es, wie es bei Beckett immer kommt, zum großen Showdown, bei dem der wahre Übeltäter, in diesem Fall der Mörder der drei Verschwundenen geoutet wird. Der Versuch, die Verbrechen zu vertuschen, scheitert und ähnlich wie bei Becketts Obsession findet der Mörder sein Ende in einer bizarren Kulisse, nicht ohne einen weiteren Unsympathen mit in den Tod zu nehmen.

David-Hunter-Anhänger werden begeistert sein von diesem vierten Thriller mit dem Helden, auch wenn dessen Aufgaben im anthropologisch forensischen Bereich dieses Mal recht beschränkt sind. Verwesung ist ein recht spannender Thriller, der an die Klasse von Die Chemie des Todes anknüpft. Dass Simon Beckett auch diesmal wieder nach seinem inzwischen bekannten Muster beim Plot arbeitet, sei ihm daher verziehen.

E.T.A. Hoffmann: Nußknacker und Mausekönig

Es ist Zeit, sich Karten für Tschaikowskys Nußknacker-Ballett zu bestellen, schließlich ist bald Weihnachten und in der Zeit schaut man sich doch dieses märchenhafte Ballett an.

Das wäre doch dann auch die Zeit, E.T.A. Hoffmanns Märchen, dem die Handlung des Balletts zu Grunde liegt, zu lesen.

Während allein die Sprache dieses 200 Jahre alten Märchens schwer verständlich ist, ist zudem der Inhalt komplex und nicht immer schlüssig. Aber es ist ein Märchen mit einem glücklichen Ausgang. Da macht es sogar teilweise Spaß,  sich die filigrane, vornehme Sprache jener Zeit selbst laut vorzulesen, quasi auf der Zunge zergehen zu lassen.

Es beginnt am Weihnachtsabend, mit der Bescherung der Geschwister Marie und Fritz, Kinder des Medizinalrats Stahlbaum. Fritz bekommt Spielzeugsoldaten für seine Husarenarmee, die kleine Marie einen Nußknacker, der – brav genutzt – seine Aufgabe erfüllt, bis Fritz ihn recht rüde behandelt und der Nußknacker einige Zähne beim Knacken harter Nüsse verliert.

Marie will den malträtierten Nußknacker gesund pflegen und legt ihn zunächst zu den Geschenken anderer Weihnachtsfeste in eine große Vitrine, in der auch Fritzens Armee zusammen mit den Geschenken an mechanischem Spielzeug, die die Kinder jedes Jahr, so auch in diesem von ihrem Paten Droßelmeier erhielten, aufbewahrt wird. Der Pate ist nicht nur Obergerichtsrat, sondern auch ein geschickter Uhrmacher und Bastler dieser mechanischen Spielzeuge.

Am Abend gehen alle ins Bett bis auf Marie, die noch ein kurze Zeit bei den Geschenken bleiben möchte. Doch da erwachen die Husaren und ihre Kommandeure. Der Nußknacker befehligt die Armee, gegen eine Armee von Mäusen, die unter dem Kommando des siebenköpfigen Mäusekönigs aus den Ritzen der Wände kommen und die Spielzeugarmee angreift. Als der Nußknacker und seine Mannen in arge Bredouille kommen, beendet Marie den Spuk, indem sie einen ihrer Pantoffeln gegen das Mäuseheer schleudert.

Marie verletzt sich bei dieser heroischen Tat am Vitrinenschrank und muß einige Zeit das Bett hüten. Als Trost erzählt ihnen der Pate Droßelmeier die Geschichte der Prinzessin Pirlipats. Es beginnt damit, dass im Königreich Mausolien eine Maus, die Frau Mauserink, dem König den Speck weg fraß. Zur Strafe wurde die Diebin auf Geheiß des Königs von Droßelmeiers Neffen aus dem königlichen Schloß vertrieben.  Frau Mauserink rächte sich einige Zeit danach, indem sie das Kind zu häßlichem Aussehen verhexte. Droßelmeiers Neffe bekommt darauf hin des Königs Auftrag, ein Mittel zu finden, dass der Prinzessin die ursprüngliche Schönheit zurückbringen soll. Nach jahrelangem Suchen in der ganzen Welt, findet er die Nuß und das Verfahren, mit dem die Prinzessin entzaubert werden kann. Dabei tötet er unglücklicherweise Frau Mauserink, die ihn im Sterben in den häßlichen Nußknacker verhext. Pirlipat, die denjenigen heiraten sollte, der ihr ihre ursprüngliche Schönheit wieder gebracht hat, erweist sich jedoch als undankbar ihrem Retter gegenüber und läßt ihn aus dem königlichen Palast schmeißen. So landet der Nußknacker schließlich verletzt bei Marie. Eine Chance, wieder in den hübschen Droßelmeier-Neffen zurück verwandelt zu werden, hat der Nußknacker allerdings noch: Er muß den Sohn von Frau mauserink, den siebenköpfigen Mausekönig töten und eine Dame muß sich in ihn und seine häßliche Gestalt verlieben. Zu beidem verhilft ihm Marie, die ihm zunächst ein Schwert liefert, mit dem er den Mausekönig töten kann. Auf der Reise in und durch das Puppenreich zusammen mit dem hölzernen Nußknacker verliebt sich Marie in diesen und so erscheint er denn nach Maries Märchenträumen real als schöner junger Mann in der Wohnung des Medizinalrates Stahlbaum. Marie erzählt ihrer staunenden ungläubigen Familie, wie sie sich in den Nußknacker verliebte und er sie zu seiner Königin im Marzipanschloß umgeben von den funkelnden Weihnachtswälder machte.

Eine größere Faszination als von Hoffmanns Märchen geht sicherlich vom Ballett aus, von der Musik Tschaikowskys, von den Szenen des Weihnachtsabends einschließlich der Schlacht, besonders aber vom Schneeflocken-Walzer und den Szenen im Puppenreich.

Während es ausreichend, das Märchen einmal gelesen zu haben, könnte ich das Ballett jedes Jahr zur Weihnachtszeit sehen – und noch viel öfter.

Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

Wer begeistert war von Zafóns „Der Schatten des Windes“, den wird auch das neuere Buch „Das Spiel des Engels“ begeistern – oder auch nicht. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass bei mir solch unterschiedliche Reaktionen von Zustimmung und Enttäuschung ausgelöst hat.

Die Geschichte ist teils faszinierend, teils verwirrend bis zur Unverständlichkeit. Auf alle Fälle ist es ein elegant erzählter Roman, genau wie sein Vorgänger, ebenso in Barcelona, allerdings zeitlich gesehen vor dem Schatten des Windes spielend. Das Faszinierende und gleichzeitig das Verwirrende sind die Fantastereien des David Martins, die sich aus der Realität eines mäßig erfolgreichen Journalisten und Groschenroman-Schreiberlings zunächst kaum bemerkbar entwickeln. Nach dem Erfolg eines Romans, den er für seinen realen Patron schrieb und dem Verriss des unter eigenem Namen herausgegeben Buches, erkrankt David Martin schwer.

Er wechselt in die Hände eines nicht real existierenden Verlegers und neuen Patrons, des Teufels, in dessen Auftrag er eine neue Religion in Buchform gefasst, schreiben soll und gesundet völlig, sozusagen ein Teufelsgeschenk neben einer riesigen Summe Geldes, die er bereits im Voraus für das zu erstellende Werk bekommt.

In einem mysteriösen Haus mit einer ebenso mysteriösen Geschichte seines vormaligen Bewohners, der ebenfalls dem gleichen teuflischen Patron verfallen war, versucht er, seinen Auftrag zu erfüllen.

Luzifer nimmt weiterhin Einfluss auf das Leben Davids, der seinem Patron zu entkommen versucht, dabei aber mehr und mehr in die Irrealität und Illusion abdreht, verliert, was ihm wichtig und lieb ist, schließlich nahezu zerstört wird. Doch er kommt zurück, Luzifer gibt ihn wieder frei – oder erscheint es nur so?

Am Ende bleibt dem Leser, vor Begeisterung in die Hände zu klatschen, oder sich zu fragen, es ein Traum war, von dem er soeben gelesen hat.

Ich habe noch nicht entschieden, welche Reaktion ich zeigen werde. Ich bin verwirrt.

J.D.Salinger: Der Fänger im Roggen

J.D.Salinger ist tot – es lebe Holden Caulfield.

Mit Salingers Tod ist sein einzig beachteter Roman der Fänger im Roggen wieder in die Bestseller-Listen geraten. Diesmal in der Übersetzung von Eike Schönfeld. Ich weiß nicht, ob es 1966

Taschenbuch von 1966

Taschenbuch von 1966

Aktuelle Taschenbuchausgabe

bereits Bestseller-Listen für Taschenbücher gegeben hat. Das mag sein, gekümmert habe ich mich darum nicht. Als im Juni jenen Jahres die von Heinrich Böll überarbeitete erste deutsche Übersetzung des Romans als Taschenbuch erschien, sind wir – wir bereiteten uns gerade auf die Abiturprüfungen vor – in die Buchhandlungen gestürmt und haben uns das rororo-Bändchen gekauft. Wir hatten von Salingers Roman gehört, von der frechen, mit Schimpfwörtern gespickten Sprache. Was wir bis dahin in der Schule wegen unserer fürchterlichen Biedermannkeit versäumt hatten, das wollten wir im Geiste mit Holden Caulfield erleben.

Heute wird in den Medien diskutiert, welche Übersetzung die bessere ist. Die moderat angefertigte, an der Heinrich Böll beteiligt war, oder die deftigere aus dem Jahre 2003.

Für mich stellt sich dabei die Frage, was der Leser lesen will. Während Schönfeld mit seiner Übersetzung den Zeitgeist und die Worte des ausgehenden 20./beginnenden 21. Jahrhunderts trifft, liest sich die Böll’sche Fassung so, wie es DAMALS gewesen ist. Selbst junge Leute duzten sich zunächst nicht plump, wenn sie sich kennen lernten, selbst die Prostituierte wurde gesiezt.

Zwar liefen wir nicht mit der Krawatte herum – außer bei der Tanzstunde und sonntags beim Kirchgang -, aber wir wären gern gewesen wie Caulfield sich darstellt: rebellierend gegen Schule, Elternhaus und die ganze Gesellschaft. Schließlich kam es auch kurze Zeit später dazu, dass wir unsere Verklemmtheit und Spießigkeit abschütteln zu können. Aus uns wurden Studenten und Demonstranten, auch wenn es bei einigen nur dazu reichte, mal eine Vorlesung zu bestreiken oder gegen höhere Straßenbahnpreise zu demonstrieren und dabei auf den Schienen zu sitzen – nachdem die Bahn durch war.

Trotzdem dauerte es aber noch geraume Zeit, bis sich unser Sprachschatz so entwickelte, wie Schönfeld ihn in seiner Übersetzung darstellt. So hat Heinrich Böll sicherlich den damaligen Zeitgeist besser getroffen, wobei man mit jener Wortwahl nur noch wenig Interesse der heutigen Generation wecken konnte. Kommentare von jungen Lesern aus den letzten Jahren vor der Schönfeld-Ausgabe zeigen, dass das Interesse an diesem Werk gesunken war. Eine neue Übersetzung war demnach notwendig und ist heute erfolgreicher, als die alte es wäre. Zudem soll sie  eine präzisere wörtliche Übersetzung sein.

Wenn ich mir allerdings den neuen langweiligen Einband ansehe, sehne ich mich nach dem von 1966. Der war so rebellisch wie der Inhalt: Die Schrift in Kleinbuchstaben, die Inhaltsangabe quasi mit auf dem Cover.

Und dieser Text reicht auch schon fast aus für eine Inhaltsangabe: „dies ist die geschichte von holden caulfield, der, von der Schule relegiert und dem elternhaus entfremdet, durch die gigantenstadt new york irrt.“ Hinzuzufügen wäre lediglich: Einzig und allein die kleine Schwester Phoebe ist ein Bezugspunkt in dessen orientierungslosen Leben, in dem er so gerne der Fänger im Roggen wäre.