Wolfgang Borchert: Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels (illustriert von Birgit Schössow)

schyschiphuschSchischypusch ischt mit Schischerheit eine der bekannteschten Figuren der deutschen Nachkrieschliteratur. Schischyphusch ischt meine Lieblingserschählung.

Deshalb freue ich mich sehr, dass der Atlantik Verlag dieses Kleinod von Wolfgang Borchert als Buch mit herrlichen Illustrationen von Birgit Schössow herausgegeben hat. Die Bilder passen sich gut in die Handlung ein. Mit dezenten Farben ist es Birgit Schössow gelungen, ein ideales Gleichgewicht zu Wolfgang Borcherts Worten zu finden.


 

Der lispelnde Kellner mit Spitznamen Schischyphusch ist eine tragische Figur, oft gedemütigt, verängstigt. Durch den Sprachfehler wird er oft zum Gespött seiner Umgebung. In dieser Geschichte trifft er auf einen selbstbewussten Kriegsversehrten, der im Krieg durch einen Kieferdurchschuss einen Teil seiner Zunge verloren hat und deshalb ähnlich spricht. S, z und tz werden zum sch – wie beim Kellner. Welches Missverständnis sich daraus ergibt, erzählt ein kleiner Junge, der mit Mutter und dem lispelnden Onkel das Gartenlokal besucht, in dem der Kellner arbeitet. Doch das Missverständnis wird im Laufe der Erzählung geklärt und es wird Verständnis und gar Freundschaft daraus.

© Birgit Schössow_Schischyphusch (4)

© Birgit Schössow

Es ist eine der wenigen lustigen Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert und vielen von uns bekannt aus dem 1956 erschienen rororo-Taschenbuch „Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen“.

Generationen von Schülern haben seitdem die Geschichte gelesen oder von begeisterten Lehrern mit Enthusiasmus und der entsprechenden (oftmals feuchten) Aussprache vorgetragen bekommen. Die „Performance“ meines Lehrers werde ich nie vergessen.

Der Inhalt – Für diejenigen, die diese Geschichte doch noch nicht kennen :

Ein kleiner Junge geht mit Mutter und Onkel, der im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hat und wegen eines Schusses in die Zunge lispelt, in ein Gartenlokal. Dort werden sie von einem ebenfalls lispelnden Kellner bedient.

Zunächst denken beide, dass sich jeder über den Sprachfehler des anderen lustig machen will. Dabei steht der kleine, verzweifelte und sein Leben lang wegen des Lispelns gedemütigte Kellner dem vor Lebensfreude strotzenden Onkel des erzählenden Jungen gegenüber. Das Missverständnis wird schließlich aufgeklärt und vor den Augen und Ohren der 300 Besucher des Gartenlokals genießen die beiden Lispler einige Schnäpse und brechen dabei in ein anhaltendes Lachen aus. Der Onkel schallend, wie es so seine Art ist, der Kellner so ausgiebig wie wohl noch nie in seinem Leben., wobei er ständig und laut “Schischyphusch” ruft.

Der Onkel beendet das Gelächter der beiden abrupt, indem er den Kellner fragt, was es mit dem “Schischyphusch” auf sich hätte. Der Kellner erklärt, dass das sein Spitzname seit der Schulzeit sei, den ihm die Klassenkameraden verpaßt hätten, weil er den Namen des Sisyphus nicht richtig aussprechen konnte.

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© Birgit Schössow

Diese Erklärung beschämt den Onkel und er bezahlt mit einem großen Schein, ohne das Wechselgeld zurückzufordern und verlässt das Lokal mit dem Jungen und dessen Mutter. Dem Jungen tut der Kellner leid. Als er sich noch einmal umdreht, sieht er den Kellner weinen. Er sagt seinem Onkel, was er gerade gesehen hat. darauf hin dreht sich der Onkel, der ebenfalls ein paar Tränen in den Augen hat, zum Kellner herum und ruft ihm zu, dass er am nächsten Sonntag wieder kommen werde.

Schischyphusch, mein alter Bekannter. Ein weiterer Post zum Thema

 

„Es war einmal…“ oder woraus Großvater gern vorliest

P1000175Es bedarf sicherlich keines Buches, um die beliebtesten Märchen der Brüder Grimm und  von Hans Christian Andersen zu erzählen. In diesem Buch werden sie aber von Rosemarie Künzler-Behncke so kindgerecht und für das heutigen Verständnis nacherzählt, dass es dem Großvater großen Spaß bereitet, der knapp fünfjährigen Enkeltochter daraus vorzulesen. Zudem ist dieses Märchenbuch durch Bilder von Marlis Scharff-Kniemeyer so nett illustriert, dass die Zuhörerin die Worte durch Blicke in das Buch mit den vielen Klappen interessiert verfolgt.  Das Buch ist im Ravensburger Buchverlag erschienen, derzeit unsere Märchen-Lieblingslektüre. Und der Inhalt?

Hier das Verzeichnis der Märchen:

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Stefanie Kleinjung: Konfitüre, Marmelade & Gelee

Nahezu unzählige Rezepte für Konfitüren, Marmeladen und Gelees sind in Online-Rezeptsammlungen aufgeführt, zudem gibt es etliche Bücher über die Zubereitung von Früchten für Brotaufstriche. Manche Rezepte, hauptsächlich in den Online-Sammlungen sind mit Vorsicht nachzukochen. Irgendetwas stimmt da manchmal nicht mit den Mengen oder mit anderen Angaben.

Dass die Rezepte von Stefanie Kleinjung stimmig sind, davon kann man ausgehen, verkauft sie doch die im Buch beschriebenen Erzeugnisse unter dem Label „the princess revolution“ in ihrer Marmeladen- und Senfmanufaktur, auf dem Wochenmarkt und in einem kleinen Ladengeschäft in Wiesbaden.

Neben den klassischen Grundrezepten, zur Verarbeitung von Erdbeeren, Johannisbeeren oder Brombeeren, beschreibt die Wiesbadener Marmeladen-Kocherin auch „exotische“ Varianten wie Espressogelee oder Kirschragout mit Portwein und Estragon.

Jedes Rezept ist mit Symbolen versehen: „einfach“, „aufwändig“, „Für die ganze Familie“ und „Als Geschenk geeignet“.

So erhält man viele Anregungnen und anschauenswert ist das Buch allemal.

Der Rezeptsammlung vorangestellt ist eine „Kleine Kochschule“ mit Wissenswertem über das Einkochen von Konfitüre, Marmelade und Gelee, darin erfahren die Leser einiges über die verschiedenen Zuckerarten, die unterschiedlichen Gelierzucker und Gelierhilfen.

Für mich als „spätberufener Marmeladen-Kocher“ ist dieses Buch eine höchst interessante Lektüre. Einiges davon ist bereits mit Erfolg in eigene Gläser umgesetzt worden.

Andrea Camilleri: Das Ritual der Rache – Commissario Montalbano vermisst einen guten Freund

Teile einer in dreißig Stücke zergliederten, durch einen Kopfschuss hingerichteten Leiche, zusammengepackt in einen Müllsack, werden auf einem abgelegenen Hang, dem Töpferhang, gefunden. Commissario Montalbano erkennt in der Anzahl der Leichenteile die Anzeichen eines Mordes nach guter alter Mafiasitte. Er vermutet, dass dieser semiologische Hinweis darauf hindeutet, dass der Tote seine ehrenwerte Familie verraten hat und es sich bei der Zerstückelung um einen Akt von Rache handelt.

Salvo Montalbano, inzwischen hat er die 60 überschritten und beschäftigt sich zeitweise mit Gedanken ans Altern und den damit potenziell auftretenden Gebrechen, muss sich große Mühe geben, die notwendige Energie aufzubringen, den Fall zu lösen. Zumal sein bester Mitarbeiter, Vize und Freund Mimi Augello sich eigenartig, destruktiv und dem Commissario gegenüber ablehnend verhält. Augello bittet seinen Chef, dass dieser ihm den Fall eigenverantwortlich übertragen möge – und das findet der Chef eigenartig. Montalbano vermutet die Verwicklung des Vizes in die Angelegenheit und ermittelt, nicht ohne ab und an in derber Weise über diesen und jenen zu fluchen. So, wie es in Camillieris Romanen üblich ist. Und während Montalbano flucht und frisst – als Genießen kann man wohl dessen Völlereinen nicht bezeichnen, auch wenn es sich um exquisite Spezialitäten der sizilianischen Küche handelt, die da verspeist werden – hat der Commissario immer die richtigen und zielführenden Ideen zur Lösung des Falls in seinem Hinterkopf parat. Es helfen ihm dabei sowohl seine Bibelkenntnisse, die Erinnerung an einen Roman Camilleris Der zweite Kuss des Judas sowie Ingrid, Helferin in der Not.

Wenn auch der Untertitel des Romans „Commissario Montalbano vermißt einen guten Freund“ völlig verfehlt ist (weil der Freund zwar da ist, aber gegen Montalbano arbeitet), das Bild des Schutzumschlags in keiner Weise einen Bezug zum Inhalt des Krimis hat und das blau-rot chansierende Leinen des Bucheinbands und das olivfarbene Vorsatzpapier aussehen, als würden sie von der Resterampe stammen, so hat wenigstens Camilleri mit dem Inhalt des Buches eine gute Arbeit geleistet – ebenso wie auch sein Held, Commissario Salvo Montalbano.

Jörg Maurer: Oberwasser

Prolog

Es ist immer wieder ein Vergnügen, die Sprache Maurers zu lesen, seine skurrilen Wortschöpfungen und schrägen Gedanken zu genießen. Er ist halt in erster Linie pfiffiger, begnadeter Kabarettist, der mit Worten spielt. Und als solchen lese oder höre ich ihn gern.

Daneben – und inzwischen vom Bekanntheitsgrad wohl hauptsächlich – ist Jörg Maurer auch ein Krimiautor. Mit Oberwasser ist kürzlich der vierte Roman erschienen, dessen Hauptakteure Kommissar Jennerwein und Mitstreiter inklusive der örtlichen Polizisten dieser kleinen Stadt mit dem schwer auszusprechenden Doppelnamen am Fuße der Zugspitze sind Jenes alpenländischen Kurorts, der kürzlich bei der Vergabe olympischer Winterspiele leer ausgegangen ist. Dazu gesellen sich in der Regel einige bekannte, teilweise auch geachtete Bürger der Gemeinde – Handwerker, Geschäftsleute, Ratsmitglieder, Vereinsvorstände, Ratscheltanten, Wilderer und Fremdgänger – sowie wahlweise lokale, regionale, nationale und internationale Verbrecher kleineren und größeren Kalibers. Zuweilen sind auch gewisse Verknüpfungen zwischen den einzelnen Verbrecherindividuen oder -gruppierungen auszumachen. Die Fälle handeln größtenteils in dem kleinen Städtchen sowie der umliegenden Bergwelt, aber auch in der Welt der Verbrecher im Allgemeinen bis hin nach Palermo – wenn sie wissen, was ich damit meine.Touristen, Sportfunktionäre, Besucher von Internationalen Sportveranstaltungen agieren als Statisten.

Das sind zwar interessante Konstellationen. Maurer macht es der Leserin/dem Leser jedoch das eine oder andere mal schwer, seinen Gedankensprüngen zu folgen oder seinem Mäandern durch die Weltliteratur (Homer, Shakespeare, Hemingway u.a.) sowie durch diverse medizinische, naturwissenschaftliche (mehr Physik und Geologie denn Chemie oder Biologie), technische (Strömungsverhalten von Flüssigkeiten unter besonderer Berücksichtigung von Strudelbildung), historische, lokal kulinarische,numismatische, alpinistische, kriminalistische Themen aber auch durch die neueste Informationstechnologie.

Leser dieses Beitrags werden inzwischen erkennen, dass Maurer´sche Bücher allgemeinbildend sind und zumindest die wesentlichen stofflichen Inhalte der gymnasialen Oberstufe umfassen, soweit sie nicht die musischen Fächer betreffen, während sportliche Inhalte, soweit es sich um Schuchteln oder Wildwasserkanuing handelt, ausgiebig erwähnt werden. Sie – die Maurer’schen Alpenkrimis – entbehren jedoch nicht einer gewissen Spannung.

 Nun zu  Oberwasser  im Speziellen (falls es Sie interessiert und Sie meinen Ausführungen bisher folgen konnten):

 Hauptkommissar Jennerwein und sein Team werden erneut in oben erwähnte Stadt geschickt, um einem höchst vertraulichen Fall aufzuklären. Zwei Beamte des BKA sind verschwunden, die verdeckt vor Ort observieren, um in einem Fall von Verbrechen internationalen Ausmaßes zu ermitteln. Ganz im Geheimen müssen Jennerwein & Co arbeiten, damit die Arbeit des BKA nicht gefährdet und die restlichen BKAler nicht enttarnt werden. Das soll dadurch erreicht werden, dass der Bevölkerung des idyllischen Kurorts und deren Gästen ein Verbrechen vorgegaukelt werden soll. Ein Ablenkungsmanöver und wirres Verwirrspiel, unter dessen Deckmantel die Ermittlungen durchgeführt werden können ohne den Argwohn der Bösewichte auf sich zu ziehen. Auch Gisela – Kenner  Jennerwein’schen Methoden kennen sie – muss wieder ran und wird in gefährliche Einsätze geschickt.

Unter Einsatz seines eigenen und dem Leben anderer Mitstreiter gelingt es Jennerwein schließlich, diesen Fall zu lösen, nachdem er sich nicht von üblen Überraschungen und bedeutungslosen Nebensträngen ablenken ließ.

Eine amüsante Geschichte, die die Fans von Jörg Maurer begeistern wird – aber möglicherweise nicht jeden Krimifreund.

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Zuvor von Jörg Maurer beschriebene Fälle von Hubertus Jennerwein und seinem Team in der Reihenfolge des Erscheinens – die zufällig (?) auch der alphabetischen Reihenfolge entspricht:

Föhnlage (2009)

Hochsaison (2010)

Niedertracht (2011)

Oberwasser (2012)

Marie-Sabine Roger: Das Labyrinth der Wörter

Germain, die Entwicklung vom Taubenzähler im Park zum Camus-Versteher.

Ein weiter Weg für einen, der nicht der Schlaueste ist und von Mutter und Lehrern wie ein Dummkopf behandelt wurde.

Ein weiter Weg, im Alter von 45 Jahren, mit dem Nachdenken anzufangen, das ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt.

Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, wohnt in einem uralten kleinen Wohnwagen, „philosophiert“ in einfacher Stammtischmanier mit seinen Kumpels – bis er Margueritte im Park trifft, eine alte gebildete Frau, die viel liest.

Margueritte beginnt, Germain Abschnitte aus Camus „Die Pest“ vorzulesen, und der tumbe Tor taucht in einen neue Welt ein, die des Verstehens und des Nachdenkens.

Die beiden geben ein herrliches Paar ab: der riesige Germain und die zierliche Alte.

Es ist zum einen diese Beziehung, die sich wie eine Liebesgeschichte entwickelt.

Es ist aber auch und vielleicht noch viel mehr die Geschichte Germains, der von seiner Mutter vernachlässigt und den Lehrern gemobbt wurde. Ein Entwicklungsroman, der den Weg vom Analphabeten zum Wörterversteher und dann auch noch Vorleser aufzeigt.

Das Buch wurde verfilmt mit Gérard Depardieu als Germain. Nicht vorstellbar, dass dabei die Kraft der Wörter in dem Maße wirken kann wie im gedruckten Werk, das von Claudia Kalscheuer feinfühlig ins Deutsche übersetzt wurde.

Carlos Ruiz Zafón: Marina

Ein echter Ruiz Zafón, fantastisch und mysteriös. Allerdings nicht so komplex wie „Spiel des Engels“ und „Im Schatten des Windes“. Der Roman handelt von Oscar, einem Internatsschüler in Barcelona um 1980.

Oscar lernt das Mädchen Marina kennen, das mit seinem Vater in der Nähe der Schule in einer alten, verwahrlosten Villa wohnt.Zusammen mit Marina erkundet der Internatsschüler ein Geheimnis. Zunächst führt sie der Weg auf einen verlassenen Friedhof zu einem Grab ohne Namen, nur mit einem Schmetterling auf dem Grabstein. Dieses Grab wird ab und zu von einer in schwarze Kleidung verhüllte Frau besucht, die dort jedes Mal eine rote Rose ablegt. Die beiden Beobachter verfolgen die Frau bis diese in einer verlassenen Gegend spurlos verschwindet. Dort treffen Marina und Oscar auf ein weiteres Zeichen des schwarzen Schmetterlings. Und damit beginnt die mysteriöse Geschichte, in die die beiden eintauchen:

Die Geschichte handelt von dem einstmals reichsten Mann Barcelonas, einem Wohltäter der Menschheit, der sich im Laufe der Zeit zu einem Frankenstein entwickelt hat, wobei er sich selbst in ein Monster verwandelt. Oscar erfährt bei alten Weggefährten dieses inzwischen irre gewordenen Mannes die wahre Geschichte des Aufstiegs und Verfalls. Der Weg führt ihn dabei auch in das Abwassersystem der Stadt und in das verlassene und nicht vollendete Grand Teatro Real, das der damals noch als Wohltäter Agierende für seine zukünftige Frau erbauen wollte – doch dann kam alles anders. Und Oscar erlebt mit Marina das Ende jener Geschichte, nun in einer brutalen Realität. Doch auch die gemeinsame Geschichte der beiden jungen Leute endet und lässt schließlich einen verwirrten Oscar zurück.

Dieser Roman ist ein Frühwerk des Autors, entstanden vor den beiden seiner in Deutschland bekanntesten Werke. Das Buch wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, als Carlos Ruiz Zafón sich vom Jugendbuchautor zu dem uns heute bekannten Literaten entwickelte. So mutet manche Szene noch Jugendbuch-artig und überschaubar an. Andererseits verfügt Ruiz Zafón bereits über den herrlichen, mit Vergnügen lesbaren Erzählstil  nachfolgender Werke.

Andrea Camilleri: Das Medaillon

Ganz anders als die meisten Bücher, die wir von Camilleri kennen, ist diese kleine Novelle, die in der mir vorliegenden Ausgabe hübsch von Roberto Innocenti illustriert ist. Kein Kriminalfall mit mafiösen Hintergründen, den Commissario Montalbano aufklären muss, keine der derben, oft zotigen Geschichten skurriler sizilianischer Typen, die hier zu lesen ist.

Wären nicht die italienischen Namen, die Umgebung des 20. Jahrhunderts, hätte ich vermutet, eine Geschichte aus der Zeit des deutschen Realismus des 19. Jahrhunderts zu lesen.

Fein und einfühlsam schreibt Camilleri von Maresciallo Brancato, dem Kommandanten der Carabinieri in einem kleinen Dorf in den Bergen. Brancato ist nicht nur ein Carabinieri, sondern er auch das, was man heute einen Mediator nennt: er wird von den Bewohnern des Dorfes gerufen, wenn ein Streit zu schlichten ist, eine Mutter nicht mehr mit ihrem ungezogenen Sohn zurecht kommt, immer wenn es ein Problem zu lösen gilt. Und ein Problem hat auch Ciccino die zweite Hauptperson dieser Erzählung, ein alter mürrischer, verschlossener Mann, der mit seiner Frau und einer Schafherde am Ende des Dorfes hoch in den Bergen lebt. Das Ehepaar war über 40 Jahre verheiratet und nun ist Maria, die Frau gestorben.

Nach dem Tod zieht sich Ciccino noch mehr zurück, verlässt das Haus nicht mehr, schießt in die Luft, als der Pfarrer ihn besuchen will. Der Witwer scheint den Tod seiner Frau nicht verwinden zu können. Antonio Brancato erfährt von dem Pfarrer von dem Vorfall und von der Gefahr, die von Ciccino ausgeht, und Brancato entschließt sich, den Weg zu dem abgelegenen Haus zu machen und Ciccino dazu zu bewegen, wieder zur Normalität zurückzukehren.

Es gelingt dem Carabinieri tatsächlich, im Hause des Witwers mit diesem zu reden, und er erfährt, dass nicht der Tod seiner Ehefrau das Leben des alten Mannes geändert hat, sondern das Bild jenes Medaillons, das er als Ehemann vor vielen Jahren seiner Frau mit einem Foto von ihm als Inhalt schenke. Es ein sehr altes Bild eines jungen, anderen Mannes. Nach einer Ehe von 43 Jahren, in denen das Paar jede Nacht im gleichen Bett verbrachten, ist Ciccino nach dieser Entdeckung am Boden zerstört. Zutiefst enttäuscht verfiel er in Agonie und sitzt nur noch im Haus herum, will nichts mehr mit dem leben draußen zu tun haben. Brancato kann diesen Konflikt mit seinem Einfallsreichtum lösen. Mit Hilfe des Goldschmiedes, der das Medaillon vor einigen Jahren gereinigt hat, überzeugt der Problemlöser den alten Ciccino, dass es bei der Reinigung zu einem Zwischenfall gekommen ist und das Foto ausgetauscht wurde.

Ciccino findet seinen Frieden wieder.

Eine schöne Geschichte. Hervorragend erzählt von Andrea Camilleri.

Simon Beckett: Verwesung

Die neue Formel der Verwesung ist 1-2-8 und es ist wieder ein grausiger Leichenfund, zu dem der forensische Anthropologe David Hunter ins Moor bei Dartmoor gerufen wird. Hübsche junge Siebzehnjährige sind vor einiger Zeit verschwunden.

Verantwortlich dafür wurde Jerome Monk gemacht, ein Außenseiter der Gesellschaft, der kurz nach einem weiteren Mord an einer jungen Frau am Tatort gefasst wird. Monk wird an Hand von Indizien auch für die mutmaßlichen anderen Morde verurteilt und gilt als Massenmörder . In einem Nebensatz erfahren wir jedoch, dass erhebliche Unterschiede zwischen den drei verschwundenen Mädchen und dem vierten Opfer bestehen.

Bei der Leiche, die ihre Hand aus dem Moor streckte, handelt es sich um die Überreste der einen jungen Frau und Monk erklärt sich bereit, bei der Suche der anderen zu helfen. Die Suche im Moor nutzt er zu einem Fluchtversuch, er wird jedoch dabei überwältigt und wieder ins Gefängnis zurück gebracht, aus dem er acht Jahre später flieht. Der Geflohene versucht , „Kontakt aufzunehmen“ zu denen, die damals auf Ermittlungsseite im Moor bei der Leichensuche dabei waren, insbesondere zu dem forensischen Archäologen Wainwrigth, der diesen Kontakt nicht überlebt, und der psychologischen Ermittlungsberaterin Sophie Keller, die bei einem Überfall in ihrem Haus übel zugerichtet wird.

Der Autor folgt dabei dem Muster der ersten drei Hunter-Thriller und so tauchen bei David Hunter nach etwa zwei Dritteln des Buches Zweifel auf, ob Monk der wahre Täter ist, der für das Verschwinden der drei Schönen verantwortlich ist. Wer die ersten drei Thriller mit David Hunter kennt, spekuliert ab dem Auftritt des Detective Inspectors Terry Connors, einem alten Bekannten von Hunter, ob der Täter der Mädchen sich bereits in der Nähe des forensischen Anthropologen aufhält und diesen irgendwann auch in Lebensgefahr bringen wird.

Nachdem Sophie von Monk in die alten Zinnminen des Moores verschleppt wird und Hunter hilfreich einzugreifen versucht, wird klar, was die vermeintliche Bestie vorhat. In einer spannenden Szene unter Tage wird Hunter weiter erleuchtet.

Und dann kommt es, wie es bei Beckett immer kommt, zum großen Showdown, bei dem der wahre Übeltäter, in diesem Fall der Mörder der drei Verschwundenen geoutet wird. Der Versuch, die Verbrechen zu vertuschen, scheitert und ähnlich wie bei Becketts Obsession findet der Mörder sein Ende in einer bizarren Kulisse, nicht ohne einen weiteren Unsympathen mit in den Tod zu nehmen.

David-Hunter-Anhänger werden begeistert sein von diesem vierten Thriller mit dem Helden, auch wenn dessen Aufgaben im anthropologisch forensischen Bereich dieses Mal recht beschränkt sind. Verwesung ist ein recht spannender Thriller, der an die Klasse von Die Chemie des Todes anknüpft. Dass Simon Beckett auch diesmal wieder nach seinem inzwischen bekannten Muster beim Plot arbeitet, sei ihm daher verziehen.

Joachim Mayer: Balkon und Kübelpflanzen

Das neue Standardwerk mit über 200 beliebten Pflanzen im Porträt

Inzwischen so neu auch nicht mehr, da bereits die 3. Auflage vorliegt.

Dieses äußerst umfangreiche Buch ist ein gelungenes Werk sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene Balkon- und Terrassengärtner. Ob Leute mit oder ohne den grünen Daumen, für jeden Typ sind Anregungen und Hilfen enthalten.

Es beginnt mit Vorschlägen zur Gestaltung von Balkon und Terrasse. Beispiele zur Kombination von Farben bei Blüten und Laub werden beschrieben, ebenso Wuchshöhen und -formen. Der Autor beschränkt sich dabei nicht nur auf die Pflanzen, sondern gibt auch Tipps zur Gestaltung durch die Art der Pflanzgefäße und das Mobiliar. Auch Pflasterung und die Wirkung von Pergolen wird beschrieben.

Mit der jahreszeitlichen Gestaltung und Pflanzenkombination befaßt sich ein weiteres Kapitel.

Im zweiten Teil des Buches lesen wir über die Pflege der Pflanzen. Das schließt die richtige Auswahl, zu beachtende Standortfaktoren und die Vermehrung ein. Wie die Gefäße richtig bepflanzt werden und wie die Inhalte rund ums Jahr gepflegt, d.h. gewässert, gedüngt, ausgeputzt oder geschnitten und überwintert werden müssen, ist ebenfalls ein wichtiger Abschnitt des Buches.

Schließlich werden im dritten Teil 200 Pflanzen umfassend gezeigt und beschrieben. Neben einigen Kräutern, Obst und Gemüse werden die Pflanzen dabei in Balkonblumen und Kübelpflanzen/Topfgehölze unterteilt. Die Unterscheidung in die letzten beiden Kategorien stellt jedoch eine Einschränkung der Verwendung dar, die so nicht stimmt. So eignen sich Funkien nicht nur als Balkonblumen sondern auch wegen der Größe einiger Arten für die Kübelbepflanzung auf der Terrasse.

Zu bemängeln sind lediglich die Fotos der Pflanzenporträts, die zwar zumeist aussagekräftig sind, jedoch recht klein.

Es handelt sich hier also um ein Buch zum Lesen, dessen Text aber so viele Anregungen gibt.Ich halte es für ein wertvolles Handbuch für den Blumenliebhaber, der Balkon und Terrasse mit Blumen hübsch gestalten möchte.