Jo Nesbø: Headhunter

Intelligente Zeitgenossen verwenden ihre kriminelle Energie dazu, Mordmotive und Mordmethoden auszutüfteln und umzusetzen. Das ist zumeist die Basis Nesbø’scher Thriller.


Ob das auch in diesem Fall so ist, ist lange unklar. Aber soviel sei verraten, auch in diesem Werk von Jo Nesbø wird gestorben.

Doch zunächst beginnt es verhältnismäßig harmlos. Der arroganteste aber auch erfolgreichste Headhunter (Achtung: hier wird der Begriff in seiner Bedeutung als „Personalberater“ benutzt) Roger Brown interviewt einen Kandidaten.

Das Gespräch führt er wie ein FBI-Verhör. Grundlage ist hierbei die Reid-Methode, die in diesem Buch als Befragungsmodell von Inbaud, Reid und Buckley zitiert wird. Zwar schreibt sich Inbaud in Wirklichkeit Inbau, der dichterischen Freiheit Nesbøs sei dieser Fehler jedoch verziehen.

In diesen Interviews erfährt Brown jedenfalls alles Wissenswerte über den Kandidaten, auch über die familiären Verhältnisse des Bewerbers und dessen Vermögen bezüglich Kunstwerken sowie  Schutzeinrichtungen vor Diebstahl und nutzt Kenntnisse davon, um sein nicht unbeträchtliches Einkommen zu erhöhen

Roger Brown übt in den Gesprächen Druck aus, manipuliert, ist boshaft und lügt. Fürsorglichkeit, Ehrlichkeit und Empathie fehlen dem Headhunter gänzlich und ihm fehlt es auch an körperlicher Größe. Das erklärt sicherlich das Napoleon-Syndrom unter dem der Headhunter, der sich als der Größte und Beste vorkommt, leidet, es zuweilen aber auch zu genießen scheint

Er ist ein Charakterschwein. Ich behaupte, er ist eines der größten Charakterschweine, die ich je in der Krimi-Literatur kennen gelernt habe. Ich bin begeistert von Roger Brown!

Glücklicherweise hatte ich es nie mit einem Headhunter wie diesem zu tun, weder als Klient noch als Auftraggeber. Und so hätte Brown in mir niemals seinen Meister finden können, wie es Clas Greve zu sein scheint, auf den der Headhunter durch seine Frau aufmerksam gemacht wird und für den er den passenden Job zu haben scheint.

Greve hat eine Vergangenheit als Headhunter, hier aber in der ursprünglicheren Bedeutung des Wortes und so beginnt nach der Jagd Browns auf Greve eine Jagd mit anderen Vorzeichen. Brown wird zu Gejagdten und es wird sich herausstellen, wer Trophäe und wer letztlich der Held sein wird. Es ist eine wilde Jagd, bei der einige auf der Strecke bleiben und schließlich stehen sich die beiden Headhunter gegenüber, jeder bereit, den anderen zu eliminieren.

Und dann erfährt man, wer der Beste ist, wie er Fallen gestellt und die ihm gestellten Fallen entschärft und beseitigt hat. Am Schluss ist der Leser wieder da, wo er am Anfang war, der Headhunter setzt sein erfolgreiches Spiel fort. Er ist halt der Beste in der Branche.

Dies ist für mich der beste und aufregendste Thriller, den ich in diesem Sommer gelesen habe. Eine heiße Story!

Hans Traxler: Mein Morgenstern

24 Bilder zu 24 Gedichten

Zu bekannten und weniger bekannten, witzigen und komischen aber auch ernsten Gedichten von Christian Morgenstern schuf Hans Traxler Bilder. Vierundzwanzig dieser Duette wurden zu einem Bändchen der Insel-Bücherei zusammengefaßt.

Es ist „Das ästhetische Wiesel“ dabei, das Nasobem und andere Tiere, aber auch das Hemmed oder das Gedicht „Was möchtest Du noch einmal sehn, wenn Du tot bist?“

Mit diesem Buch schlägt Leser-Betrachter mit der berühmten Klappe zwei Fliegen:

Zum einen findet er einen Grund, mal wieder ein paar Gedichte von Morgenstern zu lesen, und zum anderen kann er sich ergötzen an den Bildern Traxlers, gleich, ob sie nun Cartoons, Karikaturen, Zeichnungen oder Illustrationen genannt werden.

Ein Buch zum Verschenken – für andere und besonders für sich selbst -, das sich abhebt von den Schenke-Büchern auf den Schenke-Tischen der Buchhandlungen, sich abhebt von den Büchern mit den konfuzianischen und biblischen Sprüchen auf den einen, den bunten Fotos von Sonnenblumen und Sonnenuntergängen auf den gegenüberliegenden Seiten.

Einzig ein 25. Bild auf dem tristen Einband der Nr. 1270 der Insel-Bücherei hätte die Attraktivität dieses Buches noch erhöhen können.

Jo Nesbø: Leopard

Vom Leoparden und Leopoldsäpfeln

700 Seiten – das ist der Umfang des neuen Kriminalromans „Leopard“ von Jo Nesbø – sind für ein Buch dieser Art normalerweise 300 Seiten zu viel. 300 Seiten, die die Lösung des Falles verzögern, 300 Seiten mehr Belanglosigkeiten.

Nicht so bei Nesbøs neuem Krimi.

Eine derart komplexe Handlung, wie sie bei Krimis selten der Fall ist, ist hier kombiniert mit dem Kampf gegen einen Karrieristen im nationalen norwegischen Kriminalamt, der etliche Versuche unternimmt, durch Intrigen, Einschleusen von Maulwürfen, Erpressungen und andere halb legale und gänzlich illegale Methoden die Aufgaben des Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen dem Kriminalamt einzuverleiben und die Auflösung zu initiieren. Dagegen müssen Harry Hole und sein Chef kämpfen – wobei sie sich teilweise adäquat wehren.

Hauptsächlich müssen die Leute des Dezernats ihre Daseinsberechtigung allerdings nachweisen, indem sie eine neue Mordserie aufklären, die mit ungewöhnlicher Raffinesse und Abgebrühtheit durchgeführt wird.

Doch dazu muss zunächst Harry Hole zurückgeholt werden. Der ist völlig von der Rolle und fristet sein Dasein in einer billigen Pension in einer üblen Gegend Hongkongs mit den einzigen noch verbliebenen Freunden – Alkohol und Opium. Hinzu kommt, dass ihm die chinesische Mafia den Pass abgenommen hat und auf die Zahlung seiner Wettschulden wartet, Harry somit das Land nicht verlassen kann. Aber das scheint ihm auch egal zu sein.
Seitdem er bei seinem letzten Fall nach der Erfassung des Schneemanns und der Rettung dessen letzten Opfers den Polizeidienst entnervt und voller Frust quittiert hat, hat er mit seinem vorherigen Leben Schluss gemacht und würde am Liebsten ganz Schluss machen.
Eine junge Kommissarin erhält den Auftrag, Harry zurück zu holen. Dies gelingt ihr, indem sie Harrys Schulden begleicht, einen neuen Pass besorgt und ihn mit der Nachricht ködert, dass sein Vater sehr krank sei und Harry ihn doch besuchen möge.

Der Rückkehrer weigert sich zunächst, wieder im Dezernat zu arbeiten, kann sich aber schließlich weder mit seinen verbliebenen neun Fingern noch dem Verstand nicht der Aufgabe entziehen. Die Anzahl der Mordopfer mehrt sich zunächst, Harry findet die Spuren, das, was die Opfer verbindet, und er stößt auch auf ein Mordinstrument, das der Mörder mehrmals verwendete, den Leopoldsapfel.
Ermittlungen in Oslo, in den Gletscherfeldern und an anderen einsamen Stellen Mittelnorwegens führen Harry und dessen kleine Gruppe zu dem vermeintlichen Mordmotiv.
Die „Einkaufsquelle“ für den Leopoldsapfel findet Harry Hole, der sich bei seinen Ermittlungen mehrmals zwischen Erfolg und Misserfolg bewegt, schließlich in Afrika.

So pendelt der Protagonist zwischen den Welten – Norwegen und Afrika; Alkohol, Opium und klarem analytischen Verstand; Kriminalamt und Dezernat; Maulwurf und Mörder; Freund und Feind. Linien verwischen und zeichnen sich wieder ab, es sind ungewöhnlich komplexe Angelegenheiten, die uns Jo Nesbø schildert.

Dazu braucht der Autor die 700 Seiten, an deren Schluss Harry Hole nach Lösung des Falles wiederum den Dienst beim Dezernat, für dessen Erhalt er erfolgreich mitgekämpft hat, quittiert, seine Brücken in Norwegen abbricht und einen neuen Job in Hongkong annimmt.
Damit müsste Harry Hole für Oslo und Norwegen verloren sein. Es mag sein, dass Jo Nesbø ihn dort oder an einem anderen Punkt der Erde irgendwann einmal neue Ermittlungen in schwierigen Fällen aufnehmen lässt.

Und wenn es denn so wäre, wären 700 Seiten nicht zu viel, um die Spannung aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Dass es solche Psychopathen wie den Leopard und seine Gegenspieler auf der Seite des Guten wie des Bösen überhaupt geben könnte, hatte ich mir bis zur Lektüre dieses Krimis nicht vorstellen können. Das war Faszination pur!

Hier gibt es eine Abbildung des Leopoldsapfels:



http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leopoldsapple.jpg (Freigegeben vom Urheber)

Heinrich Heine: Deutschland, Ein Wintermärchen – mit Bildern von Hans Traxler

Was hatte ich für ein Glück, als Schüler dieses satirische Versepos nicht lesen zu müssen.

Wegen meiner rudimentären Geschichtskenntnisse außerhalb der Zeit von Griechen und Römern hätte ich nie die Chance gehabt, das Werk auch nur in geringem Umfang zu verstehen. Das heißt nicht, dass ich heute frohlocke, weil meine Kenntnisse der deutschen Geschichte aus der Zeit seit Barbarossa bis ins 19. Jahrhundert sich inzwischen erheblich verbessert haben, und ich hier eine üppige, stimmende Interpretation des Werkes mit ausufernden Bezügen zur Geschichte unseres Landes und der Nation abliefern kann. Es soll vielmehr heißen, dass es einem Leser wie mir heute gelingt, mit Hilfe des Internets zu den geschichtlichen Quellen zu stoßen und einen Teil dessen, was Heinrich Heine schrieb und die Zeit, in der er es schrieb, zu verstehen.

Verboten, beschlagnahmt, zensiert! Heine hat die Obrigkeit der Zeit provoziert.

Mein lieber Heine, so schreibt man keine Bestseller, die die Listen von Stern und Spiegel anführen sollen! Deine Reise, von der Du uns da berichtest und wie Du sie auf dieser Route gar nicht durchgeführt hat – Du hast ja mehr oder weniger ein Spiegelbild der wahren Route beschrieben –, mag ja recht interessant gewesen sein. Du aber bringst es nicht einmal auf die Reihe, ausschließlich darüber zu berichten, sondern verfällst dauernd in politische Betrachtungen, zuweilen auch philosophische, spottest über Deine Heimat, die Du jahrelang vorher verlassen hast, zeigst am Beispiel Barbarossas, dass Kaiser ausgedient haben, machst Dich gar lustig über die deutsche Dichtung Deiner Zeit.

Da kannst Du Dich nicht wundern, dass Dein Verleger sich die Haare rauft, der Zensor zuschlägt, Du per Haftbefehl gesucht wirst. Hättest brav sein sollen, Dich nicht gegen den Militarismus und das reaktionäre Verhalten von Obrigkeit und Bürgertum aussprechen sollen, hättest „schöne“ Gedichte voller Poesie und von heiler Welt schreiben sollen.  Sicher wären Deine Hamburger Gesprächspartner  dann auch mitteilsamer gewesen.

Gut, dass es Heine gab. Durch das Wintermärchen können wir mehr über die Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dessen Zeitgeist erfahren als aus den Geschichtsbüchern unserer Schulzeit.

Für mich war die Lektüre ein spannendes Abenteuer, eine Reise nach Deutschland zur Zeit, aus der Heine berichtet.

In der Ausgabe von Reclam mit den Illustrationen von Hans Traxler kommen Text und Bilder zu einer  gelungenen satirischen Symbiose – wenn es so etwas überhaupt gibt – zusammen.

Ein Buch, Worte und Bilder und auch noch die Gedanken darüber zu genießen.

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser

Seit vielen Jahren versuchte ich zu lesen, was mir als Jugendlicher bereits einmal gelang, den Abenteuerlichen Simplicius Simplicissimus von Grimmelshausen. Jetzt ist es mir gelungen mit der neuen Version des Romans in der Übertragung aus dem Deutsch des 17.Jahrhunderts von Reinhard Kaiser.

1964: vergilbt, schwierig zu lesen/2009: Lesefreude

Zum einen ist diese Version wesentlich verständlicher als die in meinem vergilbten alten Goldmann Taschenbuch von 1964, zum anderen ist der Druck an sich weitaus lesbarer. Hinzu kommt, dass eine ausführliche Liste von Anmerkungen zu Namen und Begriffen im Anhang aufgeführt werden, deren Bedeutung mir zu einem großen Teil nicht bekannt war.

Über die Bedeutung des Romans haben Generationen von Germanisten diskutiert und geschrieben. Wie der Roman einzuordnen ist, ob als Schelmenroman, Abenteuerroman oder Entwicklungsroman mit Anlehnung an den christlichen Erbauungsroman, darüber wird noch heute debattiert. Wesentlich ist, dass das Buch ein Werk aus einer Zeit ist, aus der nicht viel Literatur vorhanden ist, und trotz der Romanform ein Dokument über die Verhältnisse im 30jährigen Krieg darstellt, untermauert durch teilweise autobiographische Passagen des Autors.

Der Inhalt wird ausgiebig bei Wikipedia beschrieben, deshalb möchte ich an dieser Stelle Vorhandenes durch umformulieren  nicht verschlimmbessern.

Wer aber Zeit und Interesse hat, dieses Buch zu lesen, das im Eichborn-Verlag in diesem Jahr erschienen ist und für 5 Cents weniger als 50 Euro wohlfeil angeboten wird, wird beim Lesen seine Freude an der Entwicklung des tumben Toren und dem Bericht über die  Abenteuer in aller Welt zur Zeit des 30jährigen Krieges haben.

Im Anhang befindet sich neben den zahlreichen Anmerkungen ein amüsanter fiktiver Dialog, geführt von Autor und Übersetzer zur Operation des Übersetzens sowie ein Traktat über den Simplicissimus und seinen Erfinder mit biographischen Andeutungen und Hinweisen zur Weltgeschichte. 

Dieses Buch ist mein Geschenktipp für Leute, die gern einmal ein anderes Buch als die üblichen Werke lesen, die in den gängigen Bestseller-Listen geführt werden.

Jo Nesbø: Der Schneemann

Aufregung herrscht bei Harry Holy, Aufregung auch beim Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen, in dem Harry arbeitet. Harry hat ein Schreiben eines Serienmörders, dem Schneemann, erhalten. Darin werden weitere Morde ankündigt. Besonders beunruhigend für den Ermittler ist allerdings, dass das Schreiben Bezug nimmt auf der Allgemeinheit nicht bekannte Fakten aus einem anderen Fall, den Harry gelöst hat. Die nächsten Morde lassen auch nicht lange auf sich warten.

Bei dem ersten Schneefall geht’s los, die nächste junge Frau verschwindet, im Garten wird ein Schneemann gefunden – das Markenzeichen des Mörders -. Die Frau bleibt verschwunden, sie hinterläßt Mann und Kind – wie alle bisherigen Opfer -, ein weiterer Mord passiert. Harry Hole, frisch ausgestattet mit einer jungen dynamischen Kollegin, sucht Punkte, an denen er mit der Ermittlung ansetzen kann. Er begibt sich dabei auf falsche Fährten, mehrmals scheint der Fall des Serienmörders kurz vor der Aufklärung zu stehen, ja bereits aufgeklärt zu sein. Fatale Rückschläge, die nicht jeder überlebt, sind unvermeidbar.

Das Ermittlerduo reist nach Bergen, um zu den Anfängen schneemännlichen Wirkens zu gelangen und dort anzusetzen, den Grund für das Verhalten des Mörders zu finden. Eine grausige Entdeckung bleibt den beiden nicht erspart. Zurück in Oslo erfolgen weitere Recherchen, allerdings zum Teil grob unkoordiniert und kontraproduktiv. Schließlich kommt Harry mit Bauchgefühl und klaren Gedanken dem Schneemann immer näher, umgekehrt dieser ihm auch. Schließlich endet die Geschichte mit dem für das gesamte Osloer Dezernat guten Ausgang und einer ungewöhnlichen Verkettung Harry’s mit dem Mörder.

Jo Nesbø gehört derzeit zu dem Autor mit den frischesten Geschichten – nicht nur wie in diesem Fall aus klimatischen Gründen, sondern weil seine Erzählweise noch nicht abgenutzt ist und die Fälle ungewöhnlich sind.

Axel Hacke: Der kleine König Dezember

Jedes Jahr erscheinen Hunderte von guten Krimis aber nur ganz wenig schöne Märchen. Es kann sich dabei um das Prinzip von Nachfrage und dem dazu angepassten Angebot handeln. Vielleicht ist es ja aber auch ganz anders. Wahrscheinlich ist es wesentlich schwieriger ein schönes Märchen zu schreiben als einen Plot zu einem Krimi zu erfinden.

Axel Hacke ist es vor einigen Jahren gelungen, eines dieser wenigen modernen Märchen zu schreiben.

Der kleine König Dezember ähnelt in gewisser Weise Antoine de Saint-Exupérys kleinen Prinzen. Er ist eine Figur, die mit seinem Leben und seinem Verständnis von der Welt unsere Sichtweisen in Frage stellt. Ist es wirklich besser, dumm und klein wie die Menschen geboren zu werden? Ist es nicht ein Reichtum vieles nicht zu wissen und sich vorstellen zu dürfen, wie etwas funktioniert? Ist es wirklich der Traum, den wir nachts träumen, und nicht die Wirklichkeit? Und ist das, was wir als Wirklichkeit empfinden, montags bis freitags zur Arbeit zu gehen, nicht der Traum?

Der kleine König wurde groß geboren, er schrumpft, bis er am Ende seines Lebens so klein ist, dass er nicht mehr zu sehen ist.  Er besitzt sein größtes Wissen bei der Geburt und auch dieses nimmt mit zunehmenden Alter ab.

Axel Hacke erzählt in einigen Episoden seine Begegnungen mit dem kleinen König Dezember. Hat er sie erlebt, war es demnach Wirklichkeit,  – oder hat er nur geträumt?

Es ist ein schönes Märchen. Die Seelenverwandtschaft zu „Der kleine Prinz“ habe ich ja schon angesprochen. Und da auch dieses Buch wieder vortrefflich von Michael Sowa illustriert ist, sieht man auch hier wie beim kleinen Prinzen eine märchenhafte Figur in einer Robe, nur viel dicker als der kleine Prinz: so dick, dass die Robe nicht richtig zuzuknöpfen ist.

Begebt Euch mit diesem Buch auf die Suche nach der Wahrheit und fragt Euch, wie der kleine König Dezember den Menschen fragt: „Und was ist nun die Wahrheit? Bist du so groß, wie du aussiehst, oder so klein, wie du dich fühlst?“

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz

Was würde uns der kleine Prinz antworten, wenn wir ihm sagen würden, dass seine Geschichte bisher in ungefähr 180 Sprachen und Dialekte übersetzt worden ist? Vielleicht würde er antworten:  Ach das ist ja nur ein Buch, die wahren Geschichten werden im Herzen aufbewahrt und da gibt es nur die eine Sprache: Die Sprache der Herzen.

 

Das ist wohl auch der Grund, weshalb der kleine Prinz alle Lebewesen versteht, gleich ob Mensch, ob Blume, ob Tier, denen er auf der Reise durch das Universum begegnet, der Reise von seinem kleinen Planeten mit den drei Affenbrotbäumen, den drei Vulkanen, der Rose und den 43 Sonnenuntergängen pro Tag : den einsamen König, den Eitlen, den Säufer, den Geschäftsmann, den Laternenanzünder und den Geographen, bis er auf die Erde gelangt. Dort trifft der kleine Prinz zunächst auf seiner Suche nach Menschen auf eine Schlange in der Wüste, eine Wüstenblume, sein Echo, Tausende von Rosen in einem einzigen Garten und schließlich den Fuchs, der sich vom reisenden Prinzen zähmen lassen möchte, damit ihn dieser richtig kennen lernt – im Gegensatz zu den Menschen und Jäger unter ihnen, die keine Zeit haben irgend jemanden oder etwas kennen zu lernen. Aber der kleine Prinz zieht weiter und trifft Menschen, zunächst einen Weichensteller, später einen Händler, schließlich den Erzähler dieser Geschichte, einen Piloten, der versucht, sein Flugzeug zu reparieren, mit dem er in der Wüste notgelandet ist.

Bevor es zu dieser Begegnung kommt, erzählt uns der Pilot umständlich, warum er dieses Buch nicht den Kindern aber doch wiederum den Kindern gewidmet habe. Dann erfahren wir von seiner Kindheit und den Versuchen, von Erwachsenen verstanden werden zu wollen. Weil Erwachsene nicht verstanden, was er malte, stellte der Junge recht früh weitere Malversuche ein und wird nun bei der Begegnung mit dem kleinen Prinzen wieder dazu animiert. Ob er es gern tut oder nicht wird so richtig nicht klar, auf der  Zeichnung von damals erkennt jedoch der Prinz, was sie bedeutet. So erzählt der kleine Prinz zunächst von dem kleinen Planeten, auf dem er lebte, von seinen Aufgaben, ihn täglich zu reinigen, damit keine neuen Affenbrotbäume aus den schlechten Samen wüchsen, die zwei tätigen und den erloschenen Vulkan zu fegen. Er erzählt von den vielen täglichen Sonnenuntergängen, die er erlebt, nur durch ein kleines Weiterrücken seines Stuhls auf dem kleinen Planeten und von der Blume, deren Entstehung und Entfaltung er beschreibt, von ihrer  Schönheit, aber auch ihrer Seele, wie er sie beschützt und schließlich doch verlässt, um seine große Reise anzutreten, von der er nun berichtet, bis zu jenem Moment, an dem sich der kleine Prinz vom  weisen Fuchs verabschiedet und der Fuchs ihm den Kernsatz der Geschichte mit auf den Weg gibt: „ Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Nach diesen Episoden des kleinen Prinzen wird die Geschichte nun wieder vom Erzähler übernommen Die beiden suchen einen Brunnen, da das Wasser des Piloten zur Neige geht, und findet ihn. Der schwächer werdende kleine Prinz erklärt nun, dass seine Rückreise zu seinem Planeten bevor stehe, eine Schlange würde ihn beißen und er würde seinen Körper zurücklassen.

So geschieht es auch. Dem Piloten ist es inzwischen gelungen, das Flugzeug zu reparieren, und wir lesen, dass der Pilot Jahre nach seiner Begegnung mit dem kleinen Prinzen die Geschichte seinen Fliegerkollegen erzählt.

Ein poetische Geschichte steckt in diesem kleinen Büchlein – viele verschiedene Geschichten.

Geschichten, die von Moral handeln, vom Unverständnis der Kinder der Erwachsenenwelt gegenüber und umgekehrt, vom Vertrauen und schließlich davon, mit den Herzen zu sehen.

Das Buch ist mit den Zeichnungen des Autors ausgestattet, seiner ersten Zeichnung – Schlange, die einen Elefanten verspeiste (das ist das, was ich sehe) –  mit Bildern, die er für den kleinen Prinzen malen sollte und den Begebenheiten, von denen der kleine Prinz berichtete. Schön zu lesen und anzuschauen, wenn man mit dem Herzen……….

Warnung:

Was ich Euch hier über das Buch und dessen Inhalt erzählt habe, ist weder eine chronologische Angabe des Inhalts noch ist es chronologisch nach den darin erzählten Ereignissen geordnet. Bewusst habe ich auch keine Interpretationsversuche von Passagen unternommen, die in Zusammenhang stehen mit politischen Ereignissen, auf die der Autor in diesem Märchen anspielt. Dieser Beitrag sollte nur darstellen, wie ich das Buch gesehen und empfunden habe aus der Sicht eines Lesers, der der Ansicht ist, dass es auch für ihn geschrieben wurde.

Dank :

Dank an Ottogang, der mit seinem Bericht über eine Ausgabe des kleinen Prinz als Papiertheater in seinem Blog Wahrschau schrieb (  http://ottogang.wordpress.com/2009/10/21/der-kleine-prinz-etwas-anders/  ) . Und Dank an Vilmoskörte, der über „Der kleine Prinz in 100 Sprachen“  berichtete (  http://vilmoskoerte.wordpress.com/2009/10/17/der-kleine-prinz-in-hundert-sprachen/ ).  Die beiden haben mir damit den Anstoß zu meinem Beitrag gegeben.
Und dies noch:
Als Besitzer einer Ausgabe des Buches als Karussell-Buches werde ich mich in Kürze wieder zum Thema „Der kleine Prinz“ melden Ich muß es zunächst noch fotografieren und das ist bei einem Karussell-Buch nicht einfach.

Andrea Camilleri: Die sizilianische Oper

Wer Camilleries deftige Sprache liebt, zuweilen auch gespickt mit Beschreibungen praller Erotik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der muss in diesem Roman zudem akzeptieren, dass die Chronologie der Ereignisse kräftig durcheinandergeschüttelt erzählt wird.

Eine abwechslungsreiche und zeitweise auch spannende Geschichte mit der Beschreibung spezieller sizilianischer Charaktere, die mit der Liebe zur Kunst als Vorwand Macht und Gewalt ausüben, mit einer herrlichen Schilderung des Milieus vor mehr als 130 Jahren.

In die richtige Reihenfolge gebracht, wird im Vorfeld der Eröffnung des neuen Opernhauses von Vigàta unter anderem ein Komplott zur Verhinderung der Veranstaltung geplant, da der neue Präfekt aus Florenz sowohl eine Oper zur Premiere  anordnet, die den Viàtagesern nicht gefällt, besonders erbost sind sie aber darüber, wie sich der Präfekt über den Willen der Bevölkerung hinweg setzt. Der politische Zwist wächst durch die Kontroversen und Intrigen, in deren Zusammenhang es auch zu polizeilichen Maßnahmen wie Festnahmen kommt.

Während die Eröffnung unter Polizeischutz abläuft, kommt es zu Tumulten, die beinahe in einer Katastrophe enden. Eine Katastrophe ereignet sich aber dennoch einige Stunden nach dem Ende der Vorstellung: Das Theater brennt ab, Tote sind zu beklagen. Brandstiftung wird gemutmaßt und der Kommissar beginnt zu ermitteln.

Weitere Lebende wechseln im Verlauf in das Reich der Toten und am Ende stellt sich heraus, dass alles nicht so geschehen ist wie zunächst vermutet wurde.

Ein riesiges Verwirrspiel, ein Durcheinander von Beziehungen und Verwicklungen wird uns hier wieder einmal von Andrea Camilleri geboten. Für Freunde der Camilleri’schen Erzählkunst eine Freude, für unbedarfte Leser eine Geschichte mit schwer nachzuvollziehenden Verwicklungen, die die Lust am Lesen erlahmen lassen kann.