Jo Nesbø: Headhunter

Intelligente Zeitgenossen verwenden ihre kriminelle Energie dazu, Mordmotive und Mordmethoden auszutüfteln und umzusetzen. Das ist zumeist die Basis Nesbø’scher Thriller.


Ob das auch in diesem Fall so ist, ist lange unklar. Aber soviel sei verraten, auch in diesem Werk von Jo Nesbø wird gestorben.

Doch zunächst beginnt es verhältnismäßig harmlos. Der arroganteste aber auch erfolgreichste Headhunter (Achtung: hier wird der Begriff in seiner Bedeutung als „Personalberater“ benutzt) Roger Brown interviewt einen Kandidaten.

Das Gespräch führt er wie ein FBI-Verhör. Grundlage ist hierbei die Reid-Methode, die in diesem Buch als Befragungsmodell von Inbaud, Reid und Buckley zitiert wird. Zwar schreibt sich Inbaud in Wirklichkeit Inbau, der dichterischen Freiheit Nesbøs sei dieser Fehler jedoch verziehen.

In diesen Interviews erfährt Brown jedenfalls alles Wissenswerte über den Kandidaten, auch über die familiären Verhältnisse des Bewerbers und dessen Vermögen bezüglich Kunstwerken sowie  Schutzeinrichtungen vor Diebstahl und nutzt Kenntnisse davon, um sein nicht unbeträchtliches Einkommen zu erhöhen

Roger Brown übt in den Gesprächen Druck aus, manipuliert, ist boshaft und lügt. Fürsorglichkeit, Ehrlichkeit und Empathie fehlen dem Headhunter gänzlich und ihm fehlt es auch an körperlicher Größe. Das erklärt sicherlich das Napoleon-Syndrom unter dem der Headhunter, der sich als der Größte und Beste vorkommt, leidet, es zuweilen aber auch zu genießen scheint

Er ist ein Charakterschwein. Ich behaupte, er ist eines der größten Charakterschweine, die ich je in der Krimi-Literatur kennen gelernt habe. Ich bin begeistert von Roger Brown!

Glücklicherweise hatte ich es nie mit einem Headhunter wie diesem zu tun, weder als Klient noch als Auftraggeber. Und so hätte Brown in mir niemals seinen Meister finden können, wie es Clas Greve zu sein scheint, auf den der Headhunter durch seine Frau aufmerksam gemacht wird und für den er den passenden Job zu haben scheint.

Greve hat eine Vergangenheit als Headhunter, hier aber in der ursprünglicheren Bedeutung des Wortes und so beginnt nach der Jagd Browns auf Greve eine Jagd mit anderen Vorzeichen. Brown wird zu Gejagdten und es wird sich herausstellen, wer Trophäe und wer letztlich der Held sein wird. Es ist eine wilde Jagd, bei der einige auf der Strecke bleiben und schließlich stehen sich die beiden Headhunter gegenüber, jeder bereit, den anderen zu eliminieren.

Und dann erfährt man, wer der Beste ist, wie er Fallen gestellt und die ihm gestellten Fallen entschärft und beseitigt hat. Am Schluss ist der Leser wieder da, wo er am Anfang war, der Headhunter setzt sein erfolgreiches Spiel fort. Er ist halt der Beste in der Branche.

Dies ist für mich der beste und aufregendste Thriller, den ich in diesem Sommer gelesen habe. Eine heiße Story!

Jo Nesbø: Leopard

Vom Leoparden und Leopoldsäpfeln

700 Seiten – das ist der Umfang des neuen Kriminalromans „Leopard“ von Jo Nesbø – sind für ein Buch dieser Art normalerweise 300 Seiten zu viel. 300 Seiten, die die Lösung des Falles verzögern, 300 Seiten mehr Belanglosigkeiten.

Nicht so bei Nesbøs neuem Krimi.

Eine derart komplexe Handlung, wie sie bei Krimis selten der Fall ist, ist hier kombiniert mit dem Kampf gegen einen Karrieristen im nationalen norwegischen Kriminalamt, der etliche Versuche unternimmt, durch Intrigen, Einschleusen von Maulwürfen, Erpressungen und andere halb legale und gänzlich illegale Methoden die Aufgaben des Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen dem Kriminalamt einzuverleiben und die Auflösung zu initiieren. Dagegen müssen Harry Hole und sein Chef kämpfen – wobei sie sich teilweise adäquat wehren.

Hauptsächlich müssen die Leute des Dezernats ihre Daseinsberechtigung allerdings nachweisen, indem sie eine neue Mordserie aufklären, die mit ungewöhnlicher Raffinesse und Abgebrühtheit durchgeführt wird.

Doch dazu muss zunächst Harry Hole zurückgeholt werden. Der ist völlig von der Rolle und fristet sein Dasein in einer billigen Pension in einer üblen Gegend Hongkongs mit den einzigen noch verbliebenen Freunden – Alkohol und Opium. Hinzu kommt, dass ihm die chinesische Mafia den Pass abgenommen hat und auf die Zahlung seiner Wettschulden wartet, Harry somit das Land nicht verlassen kann. Aber das scheint ihm auch egal zu sein.
Seitdem er bei seinem letzten Fall nach der Erfassung des Schneemanns und der Rettung dessen letzten Opfers den Polizeidienst entnervt und voller Frust quittiert hat, hat er mit seinem vorherigen Leben Schluss gemacht und würde am Liebsten ganz Schluss machen.
Eine junge Kommissarin erhält den Auftrag, Harry zurück zu holen. Dies gelingt ihr, indem sie Harrys Schulden begleicht, einen neuen Pass besorgt und ihn mit der Nachricht ködert, dass sein Vater sehr krank sei und Harry ihn doch besuchen möge.

Der Rückkehrer weigert sich zunächst, wieder im Dezernat zu arbeiten, kann sich aber schließlich weder mit seinen verbliebenen neun Fingern noch dem Verstand nicht der Aufgabe entziehen. Die Anzahl der Mordopfer mehrt sich zunächst, Harry findet die Spuren, das, was die Opfer verbindet, und er stößt auch auf ein Mordinstrument, das der Mörder mehrmals verwendete, den Leopoldsapfel.
Ermittlungen in Oslo, in den Gletscherfeldern und an anderen einsamen Stellen Mittelnorwegens führen Harry und dessen kleine Gruppe zu dem vermeintlichen Mordmotiv.
Die „Einkaufsquelle“ für den Leopoldsapfel findet Harry Hole, der sich bei seinen Ermittlungen mehrmals zwischen Erfolg und Misserfolg bewegt, schließlich in Afrika.

So pendelt der Protagonist zwischen den Welten – Norwegen und Afrika; Alkohol, Opium und klarem analytischen Verstand; Kriminalamt und Dezernat; Maulwurf und Mörder; Freund und Feind. Linien verwischen und zeichnen sich wieder ab, es sind ungewöhnlich komplexe Angelegenheiten, die uns Jo Nesbø schildert.

Dazu braucht der Autor die 700 Seiten, an deren Schluss Harry Hole nach Lösung des Falles wiederum den Dienst beim Dezernat, für dessen Erhalt er erfolgreich mitgekämpft hat, quittiert, seine Brücken in Norwegen abbricht und einen neuen Job in Hongkong annimmt.
Damit müsste Harry Hole für Oslo und Norwegen verloren sein. Es mag sein, dass Jo Nesbø ihn dort oder an einem anderen Punkt der Erde irgendwann einmal neue Ermittlungen in schwierigen Fällen aufnehmen lässt.

Und wenn es denn so wäre, wären 700 Seiten nicht zu viel, um die Spannung aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Dass es solche Psychopathen wie den Leopard und seine Gegenspieler auf der Seite des Guten wie des Bösen überhaupt geben könnte, hatte ich mir bis zur Lektüre dieses Krimis nicht vorstellen können. Das war Faszination pur!

Hier gibt es eine Abbildung des Leopoldsapfels:



http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leopoldsapple.jpg (Freigegeben vom Urheber)

Jo Nesbø: Der Schneemann

Aufregung herrscht bei Harry Holy, Aufregung auch beim Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen, in dem Harry arbeitet. Harry hat ein Schreiben eines Serienmörders, dem Schneemann, erhalten. Darin werden weitere Morde ankündigt. Besonders beunruhigend für den Ermittler ist allerdings, dass das Schreiben Bezug nimmt auf der Allgemeinheit nicht bekannte Fakten aus einem anderen Fall, den Harry gelöst hat. Die nächsten Morde lassen auch nicht lange auf sich warten.

Bei dem ersten Schneefall geht’s los, die nächste junge Frau verschwindet, im Garten wird ein Schneemann gefunden – das Markenzeichen des Mörders -. Die Frau bleibt verschwunden, sie hinterläßt Mann und Kind – wie alle bisherigen Opfer -, ein weiterer Mord passiert. Harry Hole, frisch ausgestattet mit einer jungen dynamischen Kollegin, sucht Punkte, an denen er mit der Ermittlung ansetzen kann. Er begibt sich dabei auf falsche Fährten, mehrmals scheint der Fall des Serienmörders kurz vor der Aufklärung zu stehen, ja bereits aufgeklärt zu sein. Fatale Rückschläge, die nicht jeder überlebt, sind unvermeidbar.

Das Ermittlerduo reist nach Bergen, um zu den Anfängen schneemännlichen Wirkens zu gelangen und dort anzusetzen, den Grund für das Verhalten des Mörders zu finden. Eine grausige Entdeckung bleibt den beiden nicht erspart. Zurück in Oslo erfolgen weitere Recherchen, allerdings zum Teil grob unkoordiniert und kontraproduktiv. Schließlich kommt Harry mit Bauchgefühl und klaren Gedanken dem Schneemann immer näher, umgekehrt dieser ihm auch. Schließlich endet die Geschichte mit dem für das gesamte Osloer Dezernat guten Ausgang und einer ungewöhnlichen Verkettung Harry’s mit dem Mörder.

Jo Nesbø gehört derzeit zu dem Autor mit den frischesten Geschichten – nicht nur wie in diesem Fall aus klimatischen Gründen, sondern weil seine Erzählweise noch nicht abgenutzt ist und die Fälle ungewöhnlich sind.