Andrea Camilleri: Das Ritual der Rache – Commissario Montalbano vermisst einen guten Freund

Teile einer in dreißig Stücke zergliederten, durch einen Kopfschuss hingerichteten Leiche, zusammengepackt in einen Müllsack, werden auf einem abgelegenen Hang, dem Töpferhang, gefunden. Commissario Montalbano erkennt in der Anzahl der Leichenteile die Anzeichen eines Mordes nach guter alter Mafiasitte. Er vermutet, dass dieser semiologische Hinweis darauf hindeutet, dass der Tote seine ehrenwerte Familie verraten hat und es sich bei der Zerstückelung um einen Akt von Rache handelt.

Salvo Montalbano, inzwischen hat er die 60 überschritten und beschäftigt sich zeitweise mit Gedanken ans Altern und den damit potenziell auftretenden Gebrechen, muss sich große Mühe geben, die notwendige Energie aufzubringen, den Fall zu lösen. Zumal sein bester Mitarbeiter, Vize und Freund Mimi Augello sich eigenartig, destruktiv und dem Commissario gegenüber ablehnend verhält. Augello bittet seinen Chef, dass dieser ihm den Fall eigenverantwortlich übertragen möge – und das findet der Chef eigenartig. Montalbano vermutet die Verwicklung des Vizes in die Angelegenheit und ermittelt, nicht ohne ab und an in derber Weise über diesen und jenen zu fluchen. So, wie es in Camillieris Romanen üblich ist. Und während Montalbano flucht und frisst – als Genießen kann man wohl dessen Völlereinen nicht bezeichnen, auch wenn es sich um exquisite Spezialitäten der sizilianischen Küche handelt, die da verspeist werden – hat der Commissario immer die richtigen und zielführenden Ideen zur Lösung des Falls in seinem Hinterkopf parat. Es helfen ihm dabei sowohl seine Bibelkenntnisse, die Erinnerung an einen Roman Camilleris Der zweite Kuss des Judas sowie Ingrid, Helferin in der Not.

Wenn auch der Untertitel des Romans „Commissario Montalbano vermißt einen guten Freund“ völlig verfehlt ist (weil der Freund zwar da ist, aber gegen Montalbano arbeitet), das Bild des Schutzumschlags in keiner Weise einen Bezug zum Inhalt des Krimis hat und das blau-rot chansierende Leinen des Bucheinbands und das olivfarbene Vorsatzpapier aussehen, als würden sie von der Resterampe stammen, so hat wenigstens Camilleri mit dem Inhalt des Buches eine gute Arbeit geleistet – ebenso wie auch sein Held, Commissario Salvo Montalbano.

Jörg Maurer: Oberwasser

Prolog

Es ist immer wieder ein Vergnügen, die Sprache Maurers zu lesen, seine skurrilen Wortschöpfungen und schrägen Gedanken zu genießen. Er ist halt in erster Linie pfiffiger, begnadeter Kabarettist, der mit Worten spielt. Und als solchen lese oder höre ich ihn gern.

Daneben – und inzwischen vom Bekanntheitsgrad wohl hauptsächlich – ist Jörg Maurer auch ein Krimiautor. Mit Oberwasser ist kürzlich der vierte Roman erschienen, dessen Hauptakteure Kommissar Jennerwein und Mitstreiter inklusive der örtlichen Polizisten dieser kleinen Stadt mit dem schwer auszusprechenden Doppelnamen am Fuße der Zugspitze sind Jenes alpenländischen Kurorts, der kürzlich bei der Vergabe olympischer Winterspiele leer ausgegangen ist. Dazu gesellen sich in der Regel einige bekannte, teilweise auch geachtete Bürger der Gemeinde – Handwerker, Geschäftsleute, Ratsmitglieder, Vereinsvorstände, Ratscheltanten, Wilderer und Fremdgänger – sowie wahlweise lokale, regionale, nationale und internationale Verbrecher kleineren und größeren Kalibers. Zuweilen sind auch gewisse Verknüpfungen zwischen den einzelnen Verbrecherindividuen oder -gruppierungen auszumachen. Die Fälle handeln größtenteils in dem kleinen Städtchen sowie der umliegenden Bergwelt, aber auch in der Welt der Verbrecher im Allgemeinen bis hin nach Palermo – wenn sie wissen, was ich damit meine.Touristen, Sportfunktionäre, Besucher von Internationalen Sportveranstaltungen agieren als Statisten.

Das sind zwar interessante Konstellationen. Maurer macht es der Leserin/dem Leser jedoch das eine oder andere mal schwer, seinen Gedankensprüngen zu folgen oder seinem Mäandern durch die Weltliteratur (Homer, Shakespeare, Hemingway u.a.) sowie durch diverse medizinische, naturwissenschaftliche (mehr Physik und Geologie denn Chemie oder Biologie), technische (Strömungsverhalten von Flüssigkeiten unter besonderer Berücksichtigung von Strudelbildung), historische, lokal kulinarische,numismatische, alpinistische, kriminalistische Themen aber auch durch die neueste Informationstechnologie.

Leser dieses Beitrags werden inzwischen erkennen, dass Maurer´sche Bücher allgemeinbildend sind und zumindest die wesentlichen stofflichen Inhalte der gymnasialen Oberstufe umfassen, soweit sie nicht die musischen Fächer betreffen, während sportliche Inhalte, soweit es sich um Schuchteln oder Wildwasserkanuing handelt, ausgiebig erwähnt werden. Sie – die Maurer’schen Alpenkrimis – entbehren jedoch nicht einer gewissen Spannung.

 Nun zu  Oberwasser  im Speziellen (falls es Sie interessiert und Sie meinen Ausführungen bisher folgen konnten):

 Hauptkommissar Jennerwein und sein Team werden erneut in oben erwähnte Stadt geschickt, um einem höchst vertraulichen Fall aufzuklären. Zwei Beamte des BKA sind verschwunden, die verdeckt vor Ort observieren, um in einem Fall von Verbrechen internationalen Ausmaßes zu ermitteln. Ganz im Geheimen müssen Jennerwein & Co arbeiten, damit die Arbeit des BKA nicht gefährdet und die restlichen BKAler nicht enttarnt werden. Das soll dadurch erreicht werden, dass der Bevölkerung des idyllischen Kurorts und deren Gästen ein Verbrechen vorgegaukelt werden soll. Ein Ablenkungsmanöver und wirres Verwirrspiel, unter dessen Deckmantel die Ermittlungen durchgeführt werden können ohne den Argwohn der Bösewichte auf sich zu ziehen. Auch Gisela – Kenner  Jennerwein’schen Methoden kennen sie – muss wieder ran und wird in gefährliche Einsätze geschickt.

Unter Einsatz seines eigenen und dem Leben anderer Mitstreiter gelingt es Jennerwein schließlich, diesen Fall zu lösen, nachdem er sich nicht von üblen Überraschungen und bedeutungslosen Nebensträngen ablenken ließ.

Eine amüsante Geschichte, die die Fans von Jörg Maurer begeistern wird – aber möglicherweise nicht jeden Krimifreund.

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Zuvor von Jörg Maurer beschriebene Fälle von Hubertus Jennerwein und seinem Team in der Reihenfolge des Erscheinens – die zufällig (?) auch der alphabetischen Reihenfolge entspricht:

Föhnlage (2009)

Hochsaison (2010)

Niedertracht (2011)

Oberwasser (2012)

Jo Nesbø : Die Larve

Jo Nesbøs Mörder morden häufig mit ungewöhnlich raffinierten Methoden.

Diesmal ist es unter anderem ein Akkubohrer, der als Tatwaffe eingesetzt wird. Ein kurioser, aber eher ein nebensächlicher Todesfall.


Harry Hole, gezeichnet durch Vorfälle der vorhergehenden Fälle Schneemann und Leopard mit Titanfinger und riesiger Narbe im Gesicht – kehrt aus Hongkong zurück, um einen Mord aufzuklären, bei dem der Täter, Sohn seiner alten Liebe, für die Polizei bereits feststeht. Der Krimi spielt im „Needles Park“, sprich im Drogenmilieu, in dem ein mysteriöser Drogenboss das Sagen hat, offenbar auf allen Seiten. Und so macht sich Harry bei allen Seiten unbeliebt, weil jeder Böse wie vermeintlich Gute Gefahr läuft, dass die kriminellen Machenschaften aufgedeckt werden. Das hat keiner gern – und keiner liebt daher Harry, außer Rakel, der zuliebe Harry den Fall auf seine Weise lösen will.

Harry läuft dabei selbstverständlich auch Gefahr von der einen oder anderen Seite eliminiert zu werden. Im Verlauf der Story verabschieden sich dann etliche Agierende in diesem durchtriebenen Spiel. Leser lernen die Methode „Man on the Moon“ sowie den „Zjuk“ kennen – und die Arten, auf diese Weise das Leben ausgehaucht zu bekommen, sind ähnlich raffiniert wie die Anwendung eines Leopoldapfels.

Harry Hole erkämpft sich eine weitere Narbe, findet den Mörder und verschwindet! Zum letzten Mal?

Die Larve“ ist wieder ein Krimi voller Spannung sowie erstaunlicher und in der zweiten Hälfte des Roman rasanter Entwicklung der Story. Jo Nesbø gelingt es ein weiteres Mal, Leser und Leserinnen zu fesseln.

Jo Nesbø: Headhunter

Intelligente Zeitgenossen verwenden ihre kriminelle Energie dazu, Mordmotive und Mordmethoden auszutüfteln und umzusetzen. Das ist zumeist die Basis Nesbø’scher Thriller.


Ob das auch in diesem Fall so ist, ist lange unklar. Aber soviel sei verraten, auch in diesem Werk von Jo Nesbø wird gestorben.

Doch zunächst beginnt es verhältnismäßig harmlos. Der arroganteste aber auch erfolgreichste Headhunter (Achtung: hier wird der Begriff in seiner Bedeutung als „Personalberater“ benutzt) Roger Brown interviewt einen Kandidaten.

Das Gespräch führt er wie ein FBI-Verhör. Grundlage ist hierbei die Reid-Methode, die in diesem Buch als Befragungsmodell von Inbaud, Reid und Buckley zitiert wird. Zwar schreibt sich Inbaud in Wirklichkeit Inbau, der dichterischen Freiheit Nesbøs sei dieser Fehler jedoch verziehen.

In diesen Interviews erfährt Brown jedenfalls alles Wissenswerte über den Kandidaten, auch über die familiären Verhältnisse des Bewerbers und dessen Vermögen bezüglich Kunstwerken sowie  Schutzeinrichtungen vor Diebstahl und nutzt Kenntnisse davon, um sein nicht unbeträchtliches Einkommen zu erhöhen

Roger Brown übt in den Gesprächen Druck aus, manipuliert, ist boshaft und lügt. Fürsorglichkeit, Ehrlichkeit und Empathie fehlen dem Headhunter gänzlich und ihm fehlt es auch an körperlicher Größe. Das erklärt sicherlich das Napoleon-Syndrom unter dem der Headhunter, der sich als der Größte und Beste vorkommt, leidet, es zuweilen aber auch zu genießen scheint

Er ist ein Charakterschwein. Ich behaupte, er ist eines der größten Charakterschweine, die ich je in der Krimi-Literatur kennen gelernt habe. Ich bin begeistert von Roger Brown!

Glücklicherweise hatte ich es nie mit einem Headhunter wie diesem zu tun, weder als Klient noch als Auftraggeber. Und so hätte Brown in mir niemals seinen Meister finden können, wie es Clas Greve zu sein scheint, auf den der Headhunter durch seine Frau aufmerksam gemacht wird und für den er den passenden Job zu haben scheint.

Greve hat eine Vergangenheit als Headhunter, hier aber in der ursprünglicheren Bedeutung des Wortes und so beginnt nach der Jagd Browns auf Greve eine Jagd mit anderen Vorzeichen. Brown wird zu Gejagdten und es wird sich herausstellen, wer Trophäe und wer letztlich der Held sein wird. Es ist eine wilde Jagd, bei der einige auf der Strecke bleiben und schließlich stehen sich die beiden Headhunter gegenüber, jeder bereit, den anderen zu eliminieren.

Und dann erfährt man, wer der Beste ist, wie er Fallen gestellt und die ihm gestellten Fallen entschärft und beseitigt hat. Am Schluss ist der Leser wieder da, wo er am Anfang war, der Headhunter setzt sein erfolgreiches Spiel fort. Er ist halt der Beste in der Branche.

Dies ist für mich der beste und aufregendste Thriller, den ich in diesem Sommer gelesen habe. Eine heiße Story!

Jo Nesbø: Leopard

Vom Leoparden und Leopoldsäpfeln

700 Seiten – das ist der Umfang des neuen Kriminalromans „Leopard“ von Jo Nesbø – sind für ein Buch dieser Art normalerweise 300 Seiten zu viel. 300 Seiten, die die Lösung des Falles verzögern, 300 Seiten mehr Belanglosigkeiten.

Nicht so bei Nesbøs neuem Krimi.

Eine derart komplexe Handlung, wie sie bei Krimis selten der Fall ist, ist hier kombiniert mit dem Kampf gegen einen Karrieristen im nationalen norwegischen Kriminalamt, der etliche Versuche unternimmt, durch Intrigen, Einschleusen von Maulwürfen, Erpressungen und andere halb legale und gänzlich illegale Methoden die Aufgaben des Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen dem Kriminalamt einzuverleiben und die Auflösung zu initiieren. Dagegen müssen Harry Hole und sein Chef kämpfen – wobei sie sich teilweise adäquat wehren.

Hauptsächlich müssen die Leute des Dezernats ihre Daseinsberechtigung allerdings nachweisen, indem sie eine neue Mordserie aufklären, die mit ungewöhnlicher Raffinesse und Abgebrühtheit durchgeführt wird.

Doch dazu muss zunächst Harry Hole zurückgeholt werden. Der ist völlig von der Rolle und fristet sein Dasein in einer billigen Pension in einer üblen Gegend Hongkongs mit den einzigen noch verbliebenen Freunden – Alkohol und Opium. Hinzu kommt, dass ihm die chinesische Mafia den Pass abgenommen hat und auf die Zahlung seiner Wettschulden wartet, Harry somit das Land nicht verlassen kann. Aber das scheint ihm auch egal zu sein.
Seitdem er bei seinem letzten Fall nach der Erfassung des Schneemanns und der Rettung dessen letzten Opfers den Polizeidienst entnervt und voller Frust quittiert hat, hat er mit seinem vorherigen Leben Schluss gemacht und würde am Liebsten ganz Schluss machen.
Eine junge Kommissarin erhält den Auftrag, Harry zurück zu holen. Dies gelingt ihr, indem sie Harrys Schulden begleicht, einen neuen Pass besorgt und ihn mit der Nachricht ködert, dass sein Vater sehr krank sei und Harry ihn doch besuchen möge.

Der Rückkehrer weigert sich zunächst, wieder im Dezernat zu arbeiten, kann sich aber schließlich weder mit seinen verbliebenen neun Fingern noch dem Verstand nicht der Aufgabe entziehen. Die Anzahl der Mordopfer mehrt sich zunächst, Harry findet die Spuren, das, was die Opfer verbindet, und er stößt auch auf ein Mordinstrument, das der Mörder mehrmals verwendete, den Leopoldsapfel.
Ermittlungen in Oslo, in den Gletscherfeldern und an anderen einsamen Stellen Mittelnorwegens führen Harry und dessen kleine Gruppe zu dem vermeintlichen Mordmotiv.
Die „Einkaufsquelle“ für den Leopoldsapfel findet Harry Hole, der sich bei seinen Ermittlungen mehrmals zwischen Erfolg und Misserfolg bewegt, schließlich in Afrika.

So pendelt der Protagonist zwischen den Welten – Norwegen und Afrika; Alkohol, Opium und klarem analytischen Verstand; Kriminalamt und Dezernat; Maulwurf und Mörder; Freund und Feind. Linien verwischen und zeichnen sich wieder ab, es sind ungewöhnlich komplexe Angelegenheiten, die uns Jo Nesbø schildert.

Dazu braucht der Autor die 700 Seiten, an deren Schluss Harry Hole nach Lösung des Falles wiederum den Dienst beim Dezernat, für dessen Erhalt er erfolgreich mitgekämpft hat, quittiert, seine Brücken in Norwegen abbricht und einen neuen Job in Hongkong annimmt.
Damit müsste Harry Hole für Oslo und Norwegen verloren sein. Es mag sein, dass Jo Nesbø ihn dort oder an einem anderen Punkt der Erde irgendwann einmal neue Ermittlungen in schwierigen Fällen aufnehmen lässt.

Und wenn es denn so wäre, wären 700 Seiten nicht zu viel, um die Spannung aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Dass es solche Psychopathen wie den Leopard und seine Gegenspieler auf der Seite des Guten wie des Bösen überhaupt geben könnte, hatte ich mir bis zur Lektüre dieses Krimis nicht vorstellen können. Das war Faszination pur!

Hier gibt es eine Abbildung des Leopoldsapfels:



http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leopoldsapple.jpg (Freigegeben vom Urheber)

Jo Nesbø: Der Schneemann

Aufregung herrscht bei Harry Holy, Aufregung auch beim Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen, in dem Harry arbeitet. Harry hat ein Schreiben eines Serienmörders, dem Schneemann, erhalten. Darin werden weitere Morde ankündigt. Besonders beunruhigend für den Ermittler ist allerdings, dass das Schreiben Bezug nimmt auf der Allgemeinheit nicht bekannte Fakten aus einem anderen Fall, den Harry gelöst hat. Die nächsten Morde lassen auch nicht lange auf sich warten.

Bei dem ersten Schneefall geht’s los, die nächste junge Frau verschwindet, im Garten wird ein Schneemann gefunden – das Markenzeichen des Mörders -. Die Frau bleibt verschwunden, sie hinterläßt Mann und Kind – wie alle bisherigen Opfer -, ein weiterer Mord passiert. Harry Hole, frisch ausgestattet mit einer jungen dynamischen Kollegin, sucht Punkte, an denen er mit der Ermittlung ansetzen kann. Er begibt sich dabei auf falsche Fährten, mehrmals scheint der Fall des Serienmörders kurz vor der Aufklärung zu stehen, ja bereits aufgeklärt zu sein. Fatale Rückschläge, die nicht jeder überlebt, sind unvermeidbar.

Das Ermittlerduo reist nach Bergen, um zu den Anfängen schneemännlichen Wirkens zu gelangen und dort anzusetzen, den Grund für das Verhalten des Mörders zu finden. Eine grausige Entdeckung bleibt den beiden nicht erspart. Zurück in Oslo erfolgen weitere Recherchen, allerdings zum Teil grob unkoordiniert und kontraproduktiv. Schließlich kommt Harry mit Bauchgefühl und klaren Gedanken dem Schneemann immer näher, umgekehrt dieser ihm auch. Schließlich endet die Geschichte mit dem für das gesamte Osloer Dezernat guten Ausgang und einer ungewöhnlichen Verkettung Harry’s mit dem Mörder.

Jo Nesbø gehört derzeit zu dem Autor mit den frischesten Geschichten – nicht nur wie in diesem Fall aus klimatischen Gründen, sondern weil seine Erzählweise noch nicht abgenutzt ist und die Fälle ungewöhnlich sind.

Andrea Camilleri: Die sizilianische Oper

Wer Camilleries deftige Sprache liebt, zuweilen auch gespickt mit Beschreibungen praller Erotik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der muss in diesem Roman zudem akzeptieren, dass die Chronologie der Ereignisse kräftig durcheinandergeschüttelt erzählt wird.

Eine abwechslungsreiche und zeitweise auch spannende Geschichte mit der Beschreibung spezieller sizilianischer Charaktere, die mit der Liebe zur Kunst als Vorwand Macht und Gewalt ausüben, mit einer herrlichen Schilderung des Milieus vor mehr als 130 Jahren.

In die richtige Reihenfolge gebracht, wird im Vorfeld der Eröffnung des neuen Opernhauses von Vigàta unter anderem ein Komplott zur Verhinderung der Veranstaltung geplant, da der neue Präfekt aus Florenz sowohl eine Oper zur Premiere  anordnet, die den Viàtagesern nicht gefällt, besonders erbost sind sie aber darüber, wie sich der Präfekt über den Willen der Bevölkerung hinweg setzt. Der politische Zwist wächst durch die Kontroversen und Intrigen, in deren Zusammenhang es auch zu polizeilichen Maßnahmen wie Festnahmen kommt.

Während die Eröffnung unter Polizeischutz abläuft, kommt es zu Tumulten, die beinahe in einer Katastrophe enden. Eine Katastrophe ereignet sich aber dennoch einige Stunden nach dem Ende der Vorstellung: Das Theater brennt ab, Tote sind zu beklagen. Brandstiftung wird gemutmaßt und der Kommissar beginnt zu ermitteln.

Weitere Lebende wechseln im Verlauf in das Reich der Toten und am Ende stellt sich heraus, dass alles nicht so geschehen ist wie zunächst vermutet wurde.

Ein riesiges Verwirrspiel, ein Durcheinander von Beziehungen und Verwicklungen wird uns hier wieder einmal von Andrea Camilleri geboten. Für Freunde der Camilleri’schen Erzählkunst eine Freude, für unbedarfte Leser eine Geschichte mit schwer nachzuvollziehenden Verwicklungen, die die Lust am Lesen erlahmen lassen kann.

Spontane menschliche Selbstentzündung und der Dochteffekt, erklärt von M.Benecke – und der Zusammenhang mit Simon Beckett: Kalte Asche

  

„Asche ist alles was von ihr übrig geblieben ist. Fast alles.“ So beginnt der längere Zeit in Bestseller-Listen geführte Kriminalroman Kalte Asche von Simon Beckett.

In einem vom Feuer unversehrten Cottage wird eine Leiche gefunden, von der nur noch eine Hand und die Füße unverbrannt geblieben sind.

Der forensische Anthropologe David Hunter und ein junger Sergeant machen sich über die Art des Brandes ihre Gedanken und dabei tauchen die Begriffe  „Spontane menschliche Selbstentzündung“ (englisch: Spontaneous Human Combustion, abgekürzt SHC) und Dochteffekt auf.

 

Das Phänomen wird von verschiedenen Autoren seit  etwa 200 Jahren beschrieben, sowohl wissenschaftlich als auch unter paranormalen Aspekten. Sogar Charles Dickens hat bereits in dem Roman „Bleak House“ eine angebliche SHC beschrieben.

 

Eine mögliche wissenschaftliche Erklärung für diese Art der „Selbstentzündung“ beschreibt der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke  in einem Interview, erschienen in FAKTOR X, Nr.31/NewsXtra Nr.11 (1998), Seite 2, in der Rohfassung veröffentlicht bei http://www.wiki.benecke.com/index.html .

Danach kann zum Beispiel eine Zigarette die Kleidung oder Haare eines Menschen in Brand setzen. Ist die Person in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, gebrechlich oder alkoholisiert sowie allein, kann der Brand nicht schnell gelöscht werden. In diesem Fall würde sich bei längerer Branddauer das Unterfettgewebe durch die entstehende Hitze verflüssigen und in die Kleidung gesaugt werden, die dann wie ein Docht wirkt. Da das Feuer nach oben brennt, kann es passieren, dass nur die Beine unverbrannt übrig bleiben.

Im Kriminalroman führt Becketts forensischer Anthropologe aus, dass es sich bei der beschriebenen Leiche um eine Person gehandelt haben muss, die über viel Fettgewebe verfügte, folglich fettleibig war. Die Unversehrtheit von Hand und Füßen wird darauf zurück geführt, dass diese unbekleidet waren und so ein Verbrennen verhindert wurde, da der Dochteffekt dort nicht wirken konnte. Letztlich wird die Verbrennung der bereits getöteten Frau so erklärt, dass ein wenig mit einem Brandbeschleuniger nachgeholfen wurde, um das Feuer zu initiieren. Auf das Phänomen SHC und den Dochteffekt wird letztlich im Roman nicht mehr eingegangen.

 

Benecke erklärt in dem Interview, dass bis auf einen Fall, der zu jenem Zeitpunkt (1998) noch von der BBC versucht wurde zu klären, kein anderer Fall  nicht aufgeklärt worden sei und das Phänomen der spontanen menschlichen Selbstentzündung  bis auf diesen einen  widerlegt wurde. Schließlich gibt Benecke noch die Auskunft, dass man sich am besten bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften unter http://www.gwup.org über dieses  Phänomen informieren kann.

 

Folglich, lieber Krimileser: auch Beckett schreibt in seinen Romanen nicht nur über real existierende Todesarten, Untersuchungsmethoden und Phänomene, manches ist halt Fiktion.