Geheuert und gefeuert – hired and fired

 

Nicht immer gelingt es, bei Einstellungsprozesse für neue Mitarbeitern ein optimales Ergebnis zu erzielen.

 

Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder ist bei den Bewerbungen nicht der 100%ig passende Kandidat dabei, die Stelle muss aber besetzt werden. Oder es wurde nicht erkannt, dass der Kandidat doch nicht die geforderte Qualifikation für den Arbeitsplatz aufweist. Ferner können Vorstellungen, die der neue Mitarbeiter über den Job hat, anders sein als es dann in der Realität ist. Schließlich kommt es auch vor, dass „die Chemie“ nicht stimmt – zwischen Kollegen oder im Verhältnis Chef-Mitarbeiter.

 

Das ist halt so, es passiert immer mal wieder. Die erste Maßnahme ist in solchen Situationen natürlich immer das Gespräch, dass dazu führen soll zu klären, weshalb Erwartungen – gleich von welcher Seite –  nicht erfüllt werden. Häufig führt das zum gewünschten Erfolg. Teilweise müssen sich die Wege dann doch wieder trennen.

 

Eine Entscheidung dazu kann schmerzlich sein, insbesondere für den betroffenen Mitarbeiter, der möglicherweise aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis gewechselt ist. Dem Arbeitgeber macht das allerdings auch keine Freude, denn er hat über Wochen und Monate Geld und Zeit in die Einarbeitung investiert und braucht dringend die Arbeitskraft.

 

Aus diesen Gründen ist deshalb eine sorgfältige Personalauswahl für alle Beteiligten wichtig – und den meisten Unternehmen ist die Verantwortung sicherlich auch bewusst. Manchmal verschätzt sich aber auch der Bewerber bezüglich seiner Qualifikation, seiner Teamfähigkeit oder er nimmt eine Arbeit an, die ihm nicht liegt.

 

Findet im Vorstellungsgespräch kein offener Austausch der Erwartungen und der Anforderungen statt, tritt der Fall ein, für das ich wieder einige Beispiele parat habe.

 

In einer Chemiefabrik wurde eine Aushilfe gesucht, die aus Fässern mit Hilfe eine elektrischen Pumpe Lösungsmittel in kleinere Behälter abfüllen sollte. Das ist eine einfache Aufgabe, die bis zu diesem Zeitpunkt alle ohne Mühen erfüllen konnten.

Ich stellte einen Chemiestudenten für die Tätigkeit ein, der mit ein paar Wochen jobben sein Studium finanzieren wollte und uns gesagt hatte, dass er derartige Aufgaben bereits in der Chemikalienausgabe des Chemieinstituts erledigt hätte.

 

Nach kurzer Einarbeitung überließen wir ihm seine Aufgabe. Eine Stunde später bemerkte ein anderer Mitarbeiter, dass wohl mehr neben die kleinen Behälter floss als in diese abgefüllt wurde. Nach weiteren gemeinsamen Übungen, startete der Neue weitere Versuche, diesmal blieb jemand von uns in der Nähe. Nach zwei Stunden gaben wir auf. Wir sahen keine Möglichkeit, dass die Arbeit zufriedenstellend erledigt werden konnte. Ich veranlasste, dass der bedauernswerte Kerl einen Tagelohn erhielt und wir verabschiedeten uns. Das war ein einfacher Fall, der mir kein Kopfweh bereitete. Normalerweise ist es ja auch nicht angenehm, jemanden zu sagen, dass er gehen muss.

 

Da hatte ich schon ein paar Probleme beim nächsten Fall. Wir hatten ein etwas heruntergekommenes ehemaliges Mitglied der berühmt- berüchtigten französischen Fremdenlegion eingestellt – ebenfalls als Chemiearbeiter. Der Herr war recht intelligent, zeigte auch nach kurzer Zeit, dass er bei der Arbeit richtig zupacken konnte.  Er hatte dann aber doch nach kurzer Zeit ein Problem, er wollte nicht akzeptieren, dass ihm sein Vorarbeiter sagte, was und wie er seine Arbeit machen solle. Jedenfalls kam der Vorarbeiter, einer friedfertiger anständiger Kerl zu mir und berichtete, dass der Kollege ihm mit einem großen Messer bedroht hätte, weil er die Arbeit nicht nach Anweisung mache wolle. Er würde jetzt zwar arbeiten, aber nicht so wie vorgeschrieben. Da gab es von meiner Seite keine Diskussion. Mit sozusagen voller Hose gingen wir beide zum ehemaligen Fremdenlegionär, dieser bestätigte, was mir sein Vorarbeiter gesagt hatte.  Wir trennten uns auf der Stelle. Ich war froh, als er sein Ränzlein geschnürt hatte und vom Fabrikgelände verschwunden war. Abends verließ ich dann die Firma, nach rechts und links spähend, um nicht in einen Hinterhalt zu geraten. Es gab einen solchen nicht und damit endet diese Episode.

Ein ehemaliger Binnenschiffer, den uns das Arbeitsamt vermittelt hatte und der wieder sesshaft werden wollte nachdem er einige Zeit auf Wanderschaft war, hat es dann ganz anders gemacht. Er entschied sich offenbar nach kurzer Zeit, doch wieder ein anderes Leben zu führen und verschwand während der Frühstückspause. Seine Papiere lagen noch jahrelang in der Personalabteilung, er hat sie nie wieder abgeholt.

Einmal bin ich richtig reingefallen und gelinkt worden. Wir hatten einen Mediziner gesucht, der einen Job als Wissenschaftlicher Leiter in unserem Unternehmen übernehmen sollte. Das ganze Bewerbungsverfahren stand unter keinem guten Stern. Mein Vorgesetzter hatte nur widerwillig die Wiederbesetzung dieser Stelle genehmigt und ich wurde gezwungen, die Position in Medien auszuschreiben, die mir keine große Anzahl von qualifizierten Bewerbern versprach. So war es auch und der einzig geeignet erscheinende Kandidat wurde eingestellt, besonders auch, weil ich diese Stelle besetzen wollte, sonst wäre sie gestrichen worden. Der Doktor, wie er genannt wurde, war gerade mit seiner Promotion fertig geworden, hatte allerdings seine Urkunde noch nicht – die Geschichte klang glaubwürdig. Es erwies sich dann, dass er zwar ein abgeschlossenes Medizinstudium hatte, über die notwendige Qualifikation verfügte, jedoch nicht über den Doktortitel, auf den er aber großen Wert legte. Das war schon Grund genug, das Arbeitsverhältnis zu beenden, da ein nachhaltiger Vertrauensverlust aufgetreten war. Außerdem war befand er sich noch in der Probezeit. Das war sicher der ausschlaggebende Punkt, die Kündigung auszusprechen, ein anderer war, dass er nicht die geringsten Anstalten gemacht hatte, sich in unser Team zu integrieren. Als wir alle mit Dienstwagen gemeinsam zu einer Tagung fahren wollten und ich mir erhoffte, durch eine mehrstündige Autofahrt mir und den anderen Kollegen einen besseren Zugang zu unserem Mediziner zu bekommen – wir kannten ihn ja kaum, zog er es vor, mit dem Zug zu reisen, weil er da immer so interessante Leute kennen lernen würde. Ich sagte ihm, dass er doch zunächst mal seine interessanten Kollegen kontaktieren möge. Da diese Doktorspielchen zur gleichen Zeit zu Tage kam wie auch die Erkenntnis über das Desinteresse, sich zu integrieren, haben wir uns das Arbeitsverhältnis während der Probezeit unter Wahrung der vereinbarten Kündigungsfrist bei sofortiger Freistellung beendet.

 

Fehlgriffe passieren unabhängig von der Hierarchiestufe in der sich die Position befindet. Es ist aber auf alle Fälle besser, die Konsequenzen zu ziehen und sich zu trennen als zu hoffen, dass es sich bessern könnte und die Probezeit verlängert wird.

Das habe ich auch zweimal auch unterschiedlichen Gründen gemacht. Glücklich geworden bin ich nicht als Vorgesetzter und die Mitarbeiter in beiden Fällen auch nicht.

 

Wenn deshalb der ernsthafte Versuch scheitert, den Konflikt zu lösen, damit die Erwartungen erfüllt werden, gibt es nur eins nach dem schon oft malträtierten Sprichwort:

 

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schreck ohne Ende

Arbeitsvertrag, gekündigt von Billie

 

Es war beschlossen, die Fabrik zu schließen.

Der Betriebsrat und die Mitarbeiter wurden informiert, ebenso Stadt, Land und die Öffentlichkeit. Ein Fernsehteam reiste an und berichtete darüber in einer Regionalsendung, die örtliche Tageszeitung druckte einen Bericht und einen Kommentar.

 

Politiker von Stadt, Land und Bund sprachen die Firmenleitung an, um Möglichkeiten zur Weiterführung des Werks oder dessen Verkauf zu suchen und zu finden.

 

Die Firmenleitung, zu der ich als Werksleiter und Geschäftsführer gehörte, hatte ein Gespräch  mit dem Oberbürgermeister, dort trafen wir auf Vertreter der beiden größten Unternehmen des Ortes. Es gab danach noch einige Gespräche mit den Unternehmen, ein positives Ergebnis kam nicht zu Stande.

 

Wir sprachen mit dem Wirtschaftsminister, auch von dort kamen weder eine zündende Idee noch weiterführende Kontakte.

 

Eine international tätige Unternehmensberatung analysierte das Werk und den Standort, erstellte ein Expose auf Hochglanzpapier und verschickte es an Firmen, für die Gebäude und Lage interessant sein könnte. Die Reaktion war niederschmetternd. Kein Interessent meldete sich.

 

Ebenso waren Versuche gescheitert, das Werk mit einem Management Buy Out fortzuführen.

 

Aus der Bundeshauptstadt reiste schließlich auch noch ein Minister mit saarländischen Bundestagabgeordneten im Tross an. Wir stellten die Firma vor und erläuterten die Chancen, die wir für eine Fortführung sahen. Mehr als wohlwollende Worte bekamen wir nicht.

 

Parallel zu diesen Aktivitäten und Aktionen nahmen wir von der Firmenleitung Gespräche mit dem Betriebsrat auf, schlossen einen Interessenvergleich und verhandelten über einen Sozialplan. Der finanzielle Rahmen war uns von übergeordneter Stelle vorgegeben worden. In langwierigen Verhandlungen erstellten wir gemeinsam auch mit Vertretern der Gewerkschaft einen Sozialplan, der bis zur letzten zur Verfügung stehenden Mark ausgereizt wurde und an dem Tag, an dem die Kündigungen ausgesprochen werden sollten, ausdiskutiert und unterschriftsreif vorlag.

 

Firmenleitung und Betriebsrat traten zur Unterzeichnung zusammen und zur Überraschung der Firmenleitung verlangte der Betriebsrat eine Nachverhandlung und höhere Abfindungen, was etwa einer Steigerung von 60% gegenüber dem verhandelten Ergebnis entsprach.

 

Es war wirklich Fünf vor Zwölf, als die Firmenleitung nach kurzer Beratung dem Betriebsrat mitteilte, dass es entweder komplett neue Verhandlungen mit ungewissen Ausgang geben oder der Sozialplan unterschrieben werden könne.

 

Der Sozialplan war Punkt Zwölf von beiden Parteien ohne Änderung unterschrieben.

 

Die Kündigungsschreiben waren bereits vorbereitet wurden, mussten noch ausgedruckt und von den Firmenvertretern unterzeichnet werden.

 

Einer davon war ich. Zu meiner Person sollte ich noch sagen, dass ich von meinen Kollegen in der Personalabteilung durch Verballhornung meines Namens einen Kosenamen erhalten hatte, der Billie war. Im Sprachgebrauch innerhalb der Abteilung wurde offensichtlich ausschließlich dieser Name benutzt.

 

Während nun meine Kollegin, Geschäftsführerin und Personalleiterin, den weiteren Ablauf organisierte wie die Kündigungen überreicht werden sollten, begann ich damit, die rund 200 Schreiben zu unterzeichnen. Dieser Vorgang war eine Routinesache, nachdem vorher mehrmals die Richtigkeit der Namen und Zahlen geprüft war.

 

Allerdings merkte ich, nachdem ich so etwa 20 mal unterschrieben hatte, dass irgendwas mit meinem Namen, über den ich die Unterschrift setzen musste, nicht stimmte. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, dauerte es weitere 20 unterschriebener Verträge, bis ich realisiert hatte, was da war. Man hatte meinen Vornamen mit B wie Billie abgekürzt, und mit B fängt mein richtiger nun nicht an.

Schreck! Wären diese Kündigungsschreiben ungültig?

 

Nochmaliges Prüfen, ob das denn wirklich so war – fast hätte ich noch mal auf meinem Personalausweis nachgeschaut wie ich heiße -, und nach kurzer Rücksprache gingen sämtliche unterzeichneten und die restlichen, inzwischen ausgedruckten Kündigungen in den Reißwolf. Alle Verträge bekamen nun die richtigen Buchstaben meines Vornamens, wurden neu ausgedruckt und meine Arbeit begann von Neuem.

Schließlich erhielten alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fristgerecht die traurige Botschaft, die sie bisher nur mündlich erhalten hatten, schriftlich.

 

Diese letzte Aktion spielte sich 6 Wochen vor dem Jahresende ab, da die Produktion zu diesem Zeitpunkt eingestellt werden sollte und die meisten Mitarbeiter und –innen eine Kündigungsfrist von 6 Wochen zum Ende des Quartals hatten.

 

Die Produktion lief am 23. Dezember wie geplant aus. Alle Gekündigten arbeiteten mit größter Sorgfalt bis zu ihrem letzten Arbeitstag. Eine fast unglaubliche Leistung in solch einer Situation. Die Geschichte hat sich vor mehr als einem Dutzend Jahren ereignet. Sollte jemand von den Betroffenen diese Zeilen lesen, dann hoffe ich, es geht ihm gut und

 

Beste Grüße von

 

Billie