Marie-Sabine Roger: Das Labyrinth der Wörter

Germain, die Entwicklung vom Taubenzähler im Park zum Camus-Versteher.

Ein weiter Weg für einen, der nicht der Schlaueste ist und von Mutter und Lehrern wie ein Dummkopf behandelt wurde.

Ein weiter Weg, im Alter von 45 Jahren, mit dem Nachdenken anzufangen, das ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt.

Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, wohnt in einem uralten kleinen Wohnwagen, „philosophiert“ in einfacher Stammtischmanier mit seinen Kumpels – bis er Margueritte im Park trifft, eine alte gebildete Frau, die viel liest.

Margueritte beginnt, Germain Abschnitte aus Camus „Die Pest“ vorzulesen, und der tumbe Tor taucht in einen neue Welt ein, die des Verstehens und des Nachdenkens.

Die beiden geben ein herrliches Paar ab: der riesige Germain und die zierliche Alte.

Es ist zum einen diese Beziehung, die sich wie eine Liebesgeschichte entwickelt.

Es ist aber auch und vielleicht noch viel mehr die Geschichte Germains, der von seiner Mutter vernachlässigt und den Lehrern gemobbt wurde. Ein Entwicklungsroman, der den Weg vom Analphabeten zum Wörterversteher und dann auch noch Vorleser aufzeigt.

Das Buch wurde verfilmt mit Gérard Depardieu als Germain. Nicht vorstellbar, dass dabei die Kraft der Wörter in dem Maße wirken kann wie im gedruckten Werk, das von Claudia Kalscheuer feinfühlig ins Deutsche übersetzt wurde.