Eine „humane“ Art, Mäuse zu fangen?

Es war Herbst geworden. Mäuse zogen in die Schreibtische ein. Nahrung gab es dort genug. Pralinen und Knäckebrot. Die Kolleginnen bedienten sich davon. Die Mäuse auch. Der Unterschied zwischen den beiden Spezies bestand darin, dass die Mäuse ihren Darm auf dem angeknabberten Knäckebrot entleerten.

Es war Herbst geworden und die Mäuse kamen von den Feldern und Wiesen in unsere ebenerdig liegenden Büros und Laboratorien. Es waren bereits kostbare Messgeräte wegen Kabelfraß ausgefallen, aber erst als Mäuse mit ihren Kötteln das Knäckebrot garnierten, wurden die Gäste zu einem echten Problem – weil ein Kollege eine Schlagfalle mitbrachte, mit der wir der Plage Herr werden wollten.

Das war ein Problem, denn diese Art der Beseitigung war für alle Kolleginnen und auch für einen Teil der Kollegen nicht akzeptabel, da „inhuman“. Heftige Diskussionen über Fangmethoden wurden geführt, Gabi wollte ihren Kater zum Verscheuchen der Mäuse mitbringen. „Bringt nichts!“, war die Meinung der einiger Kollegen. Die Fronten schienen verhärtet. Wir befanden uns in einem Mäusefang-Moratorium.

Es wurde beendet, als am nächsten Tag eine Kollegin mit einer Lebendfalle zur Arbeit kam. Und so fingen wir in den nächsten Wochen zahlreiche Mäuse auf diese Weise, setzen sie vor die Tür und fingen die nächsten – oder dieselben.

Das ging gut bis Weihnachten. Die Falle wurde in einem Aktenschrank vergessen, wir gingen bis nach Neujahr in Urlaub.

Im neuen Jahr öffnete ich den Aktenschrank. In der Lebendfalle lagen zwei ausgedörrte, platte Mäusefelle und eine tote Maus – Kannibalismus!

Soviel zu einer „humanen“  Art, Mäuse zu fangen.

Lebendfalle zum "humanen" Fangen von Mäusen

Lebendfalle zum „humanen“ Fangen von Mäusen

 

Wolfhard Klein: Mausetod! Die Kulturgeschichte der Mausefalle

Exif_JPEG_PICTUREWolfhard Klein ist Journalist, Krimiautor, Lyriker und Sammler von Mausefallen.

Kürzlich fand in dem Heimatmuseum eines Wiesbadener Ortsteils eine Ausstellung dieser Fallen statt. Eine erstaunliche Zahl von Geräten wurde gezeigt, vielfältige Arten waren zu bewundern. Bei den einen taten mir die Mäuslein leid, die mit den handelsüblichen Schnappfallen erschlagen wurden, andere waren in die Rubrik „humane Fallen“ einzuordnen. Mit der humanen Art, Mäuse zu fangen, meine ich das Aufstellen von Lebendfallen, bei denen die Maus gefangen und danach – weit entfernt von der häuslichen Speisekammer – wieder ausgesetzt wird. (Wie inhuman diese Methode sein kann – Stichwort: Kannibalisierung – , werde ich in einem anderen Posting beschreiben.)

Herr Klein hat einen Teil seiner Sammlung in dem Buch Mausetod! festgehalten.

Schwippgalgenfalle mit drei Fängen

Schwippgalgenfalle mit drei Fängen

Bedeutender als die Abbildungen der diversen Fallen ist jedoch das, was der Autor als „Die Kulturgeschichte der Mausefalle“ – so auch der Untertitel – beschreibt.

Zunächst wird darin die Maus vorgestellt. Über Mäusejahre, Mäusesex, die mystische Maus und Hexenmäuse wird berichtet.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Geschichte der Mausefalle von den ersten Erwähnungen aus Anfang des 17. Jahrhunderts bis heute, aber auch mit der Erfindung des genialen Daniel Düsentriebs, der in Entenhausen eine derartige Falle entwickelte. So ist schnell erkennbar, dass Wolfhard Klein zwar mit dem gebotenen Ernst, aber auch mit einem zwinkernden Auge die Themen in seinem Buch behandelt. Und das macht das Buch, dem sich Kapitel über Mausefallenmacher, Mausefallenhandel, Mäusefänger – auch die vierbeinigen und die Flügel schlagenden werden erwähnt – anschließen, bei allem Gehalt an Informationen so unterhaltsam.

Lebendfalle mit einer Reuse (Tschechien 2011)

Lebendfalle mit einer Reuse (Tschechien 2011)

In „Mausefalle und Sexualität“  beschreibt der Autor Symbolik und Psychologie rund um Katz und Maus und Mensch, zitiert Gedichte und andere literarische (Speck-)Stückchen des Mäusefangs – von Männern – und wie sie in die Fallen tapsen.

Köstlich zu lesen.

Mit einem ausführlichen Quellenverzeichnis, das Hunderte von Quellen aufführt, endet das Buch, das alles beschreibt, was über die Kulturgeschichte der Mausefalle wichtig ist, was man schon immer wissen wollte, aber bisher in dieser Art noch keine Antworten erhalten hatte.

 

Die Fotos der Mausefallen wurden während der Ausstellung in der Historischen Werkstatt Nordenstadt, Wiesbaden-Nordenstadt, aufgnommen.