Andrea Camilleri: Die sizilianische Oper

Wer Camilleries deftige Sprache liebt, zuweilen auch gespickt mit Beschreibungen praller Erotik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der muss in diesem Roman zudem akzeptieren, dass die Chronologie der Ereignisse kräftig durcheinandergeschüttelt erzählt wird.

Eine abwechslungsreiche und zeitweise auch spannende Geschichte mit der Beschreibung spezieller sizilianischer Charaktere, die mit der Liebe zur Kunst als Vorwand Macht und Gewalt ausüben, mit einer herrlichen Schilderung des Milieus vor mehr als 130 Jahren.

In die richtige Reihenfolge gebracht, wird im Vorfeld der Eröffnung des neuen Opernhauses von Vigàta unter anderem ein Komplott zur Verhinderung der Veranstaltung geplant, da der neue Präfekt aus Florenz sowohl eine Oper zur Premiere  anordnet, die den Viàtagesern nicht gefällt, besonders erbost sind sie aber darüber, wie sich der Präfekt über den Willen der Bevölkerung hinweg setzt. Der politische Zwist wächst durch die Kontroversen und Intrigen, in deren Zusammenhang es auch zu polizeilichen Maßnahmen wie Festnahmen kommt.

Während die Eröffnung unter Polizeischutz abläuft, kommt es zu Tumulten, die beinahe in einer Katastrophe enden. Eine Katastrophe ereignet sich aber dennoch einige Stunden nach dem Ende der Vorstellung: Das Theater brennt ab, Tote sind zu beklagen. Brandstiftung wird gemutmaßt und der Kommissar beginnt zu ermitteln.

Weitere Lebende wechseln im Verlauf in das Reich der Toten und am Ende stellt sich heraus, dass alles nicht so geschehen ist wie zunächst vermutet wurde.

Ein riesiges Verwirrspiel, ein Durcheinander von Beziehungen und Verwicklungen wird uns hier wieder einmal von Andrea Camilleri geboten. Für Freunde der Camilleri’schen Erzählkunst eine Freude, für unbedarfte Leser eine Geschichte mit schwer nachzuvollziehenden Verwicklungen, die die Lust am Lesen erlahmen lassen kann.

Sizilien und der Schwund im Warenlager

Irgendwann in meinem Berufsleben war ich mal „Head of European Supply Chain“, ein grandioser Titel. Die Größe des Unternehmens relativierte die Tätigkeit jedoch zu einer überschaubaren Managerfunktion. Aber immerhin, es gab einige europäische Länder, in denen die Firma aktiv war und es gehörten auch diverse „Warehouses“ dazu. Eine meiner Aufgaben bestand darin ein System betriebswirtschaftlicher Kennzahlen, heute KPI’s (Key Performance Indicator) genannt, einzuführen, die Kennzahlen zu sammeln und auszuwerten. Anfänglich gab es Widerstand von den Kollegen, besonders von den italienischen. Die versuchten zunächst, um die monatlichen Meldungen drum rum zu kommen, schließlich taten sie es widerwillig. Die Zahlen, die ich von dort bekam, sahen so aus, als würden die Freunde meine Arbeit sabotieren wollen.

 

Nun muss ich noch erwähnen, dass in Italien zu jener Zeit eine besondere Regelung für Arzneimittel galt. Während in allen anderen Ländern für pharmazeutische Produkte ein Warenlager die Regel war, gab es in Italien ein Gesetz, dass vorschrieb, neben dem Lager auf dem Festland auch noch eins auf Sizilien führen zu müssen, damit im Notfall die Arznei kurzfristig zum Patienten geliefert werden konnte. Einen ähnlichen Fall gab es in Deutschland nach 1945 mit unserer Insel Berlin. Diese Anforderung haben wir nun seit der Wiedervereinigung nicht mehr.

Jedenfalls waren die Kennzahlen, die aus dem sizilianischen Lager gemeldet wurden grottenschlecht. Während der Schwund von Beständen und Ware, die wegen bevorstehendem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt werden mussten, in anderen Lagern im Bereich von wenigen Prozent lag, meldete Sizilien zwischen 30 und 40 Prozent Verluste pro Jahr.

 

Die italienischen Kollegen zuckten bei Nachfrage, warum das so sei, die Schultern und meinten, so sei’s halt.

 

Das mobilisierte in mir die Einsatzbereitschaft, den Dingen vor Ort in Sizilien auf den Grund zu gehen. Und dann waren’s doch wieder meine Freunde, die Kollegen in Rom. Sie hielten mich mit aller Kraft davon ab, nach Sizilien zu reisen und zu versuchen, die Sache zu klären.

Sie brauchten nur den Namen einer ursprünglich aus Sizilien stammenden inzwischen global operierenden Organisation zu nennen – und ich stellte bezüglich der Verluste im sizilianischen Lager sofort jegliche Aktivitäten ein.