Mein kürzestes Bewerbungsgespräch – oder: Wie ich einmal von einem Bewerber mächtig gelinkt wurde

Die Geschichte zu erzählen dauert wesentlich länger als das Gespräch, das ich mit einem Bewerber in München führte.

Der junge Ökotrophologe hatte sich auf eine Stelle im wissenschaftlichen Außendienst des Unternehmens für ein Gebiet in der südlichen Hälfte Deutschlands beworben. Er war mit dem ersten Flieger aus einer norddeutschen Hansestadt zu uns gekommen. Die Bewerbungsunterlagen waren vielversprechend und es war nicht ungewöhnlich, dass sich jemand aus dem hohen Norden für ein Gebiet südlich des Weißwurstäquators bewarb. Flexibilität war und ist heute angesagt.

Hinzu kam, dass der Bewerber bereits gegen Ende seines Studiums und während der Suche nach seinem ersten „richtigen“ Job in einer Apotheke jener Hansestadt Ernährungsberatungen durchgeführt hatte. Sehr gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung auf die freie Stelle.

Der Bewerber wurde begrüßt und dem üblichen Zeremoniell entsprechend folgte zum Aufwärmen und Entspannen ein kurzer Smalltalk. Die Flug war angenehm, zur Firma zu finden war keine Schwierigkeit gewesen. So,so, aus dem Norden käme er – da stünde ja ein Ortswechsel an, wenn es zum Arbeitsvertrag käme.

Die Antwort verblüffte mich!

Er sei mit der Inhaberin der Apotheke, in der er die Beratung durchführe, liiert und ein Ortswechsel käme für ihn nicht in Frage.

Die Verblüffung verwandelte sich in leichte Verärgerung als der Bewerber hinzufügte, dass er sich – in der Hoffnung eingeladen zu werden – beworben hätte, denn er wollte einen schönen Tag in München verbringen und hätte den Rückflug erst für den letzten Flieger gebucht.

Damit war nach knapp fünf Minuten das Vorstellungsgespräch beendet.

Heute bin ich fasziniert von der Frechheit des Kandidaten.

..und nach dem Bewerbungsgespräch das Essen mit dem potentiellen Boss

Eine besonders gute Gelegenheit, bei einer Bewerbung Pluspunkte zu sammeln oder auch sich zu disqualifizieren, erhält der Kandidat, wenn er vom potentiellen Chef nach dem Bewerbungsgespräch zum Essen eingeladen wird.

Eine Einladung ist auf der einen Seite eine ausgesprochene Nettigkeit und kaum jemand, der bereits nach dem Vorstellungsgespräch aus dem Rennen ist, wird dazu eingeladen – es sei denn, er soll aus irgendwelchen Gründen zu seiner derzeitigen Arbeit oder Firma ausgefragt werden.

Gehen wir also davon aus, dass dieser so genannte „potentielle Chef“ noch ein wenig mit einem durchaus geeignet erscheinenden Kandidaten plaudern will, beobachten, ob der richtige Umgang mit Messer und Gabel beherrscht wird, möglicherweise auch wie der Umgang mit Alkohol ist, ob die Auswahl aus der Speisekarte preislich angemessen ist (wenn denn nicht in der Kantine gegessen wird) und wie in einem scheinbar zwanglosen Rahmen das Auftreten des Kandidaten ist, das wird er in jedem Fall – sei es nun gezielt oder nur unterschwellig.

Deshalb ist das Essen nach dem Vorstellungsgespräch Teil des Vorstellungsgesprächs.

Gehen wir davon aus, dass der Kandidat mit Messer und Gabel einschließlich der richtigen Sitzposition und Armhaltung essen kann und nicht mit vollem Mund redet.

Wie sieht’s aus mit dem Aperitif, dem Schoppen Wein oder der Mass Bier.

Von einem Bewerber, der mit dem Auto angereist ist, erwarte ich, dass er keinen Alkohol zu sich nimmt. Wird die Abreise nicht im eigenen Auto erfolgen, kann man, wenn das Angebot gemacht wird sicher ein Glas Wein oder ein kleines Bier trinken, will der Chef unbedingt einen Aperitif trinken, darf der auch konsumiert werden. Einen Grappa oder Adäquates nach dem Essen würde ich zu Gunsten eines Espressos ablehnen.

Wie verschwenderisch kann eine Bestellung sein? Zumeist verfährt man gut damit, sich nicht die teuersten Gerichte auszusuchen. Ein Süppchen als Vorspeise, wenn dazu aufgefordert wird, eine Vorspeise u bestellen, ein mittelpreisiges Hauptgericht ist OK. Auf den Nachtisch sollte man verzichten – zugunsten eines Espressos. Wähle ein einfach zu handhabendes Essen aus, damit Du nicht zu sehr darauf konzentriert bist mit den handwerklichen Aufgaben des Essens, wähle etwas leicht Kaubares aus. Du musst Dich mehr auf das Gespräch konzentrieren als auf das Essen!

Und dann das Gespräch bei Tisch. Es handelt sich hierbei nicht um einen politischen Stammtisch. Gespräche, die soziale Kompetenz zeigen, ein intaktes Familienleben, positive Lebenseinstellung, sind unverfänglich. Kritik am derzeitigen Arbeitgeber und an Kollegen sind genauso unangebracht wie beim eigentlichen Vorstellungsgespräch.

Vieles ist in einem solchen Gespräch situativ. Hat man einen Schwätzer als potentiellen Chef gegenüber oder jemanden mit extremen und mir als Kandidaten widerstrebenden Ansichten, ist es vielleicht auch noch einmal eine Entscheidungshilfe bei der Wahl des Arbeitsplatzes.

Auch potentielle Vorgesetzte sollten sich angemessen verhalten – und auch über die richtigen Tischmanieren verfügen.

Als ich bei einem innerbetrieblichen Wechsel zum ersten Mal mit meinen zukünftigen Chef gesprochen hatte- also auch eine Art des Vorstellungsgesprächs -, lud er mich in die Betriebskantine ein. Es war in München, es gab Schweinsbraten mit Knödel und sehr viel Soße.

Es kam,wie es kommen musste – loriotisch: Ein Stück Knödel fiel von der Gabel in die Soße, Soße spritzte. Die Spritzer folgen auf die helle Krawatte. Dies passierte dem Boss! Der Boss nahm den Vorfall zur Kenntnis, ohne eine Miene zu verziehen, tupfte mit der Serviette in das Wasserglas und bearbeitete dann die Krawatte mit der angefeuchteten Serviette. Ein pragmatischer Ansatz. Ich hoffe, er hätte es ähnlich gesehen, wenn mir das Malheur passiert wäre.

FAQ:

Wer bezahlt das Mittagessen? Einfache Antwort: Der, der einlud. Und das kann nur der potenzielle Arbeitgeber sein. Als Kandidat würde ich nie zum Mittagessen einladen. Sollte der potenzielle Arbeitgeber nach dem Prinzip „Jeder zahlt seine Zeche“ verfahren, wäre ich recht skeptisch! Das wäre ein Zeichen dafür, dass ich künftig bei einem recht knausrigen Unternehmen arbeiten würde – schlecht für Gehaltsverhandlungen.

Geheuert und gefeuert – hired and fired

 

Nicht immer gelingt es, bei Einstellungsprozesse für neue Mitarbeitern ein optimales Ergebnis zu erzielen.

 

Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder ist bei den Bewerbungen nicht der 100%ig passende Kandidat dabei, die Stelle muss aber besetzt werden. Oder es wurde nicht erkannt, dass der Kandidat doch nicht die geforderte Qualifikation für den Arbeitsplatz aufweist. Ferner können Vorstellungen, die der neue Mitarbeiter über den Job hat, anders sein als es dann in der Realität ist. Schließlich kommt es auch vor, dass „die Chemie“ nicht stimmt – zwischen Kollegen oder im Verhältnis Chef-Mitarbeiter.

 

Das ist halt so, es passiert immer mal wieder. Die erste Maßnahme ist in solchen Situationen natürlich immer das Gespräch, dass dazu führen soll zu klären, weshalb Erwartungen – gleich von welcher Seite –  nicht erfüllt werden. Häufig führt das zum gewünschten Erfolg. Teilweise müssen sich die Wege dann doch wieder trennen.

 

Eine Entscheidung dazu kann schmerzlich sein, insbesondere für den betroffenen Mitarbeiter, der möglicherweise aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis gewechselt ist. Dem Arbeitgeber macht das allerdings auch keine Freude, denn er hat über Wochen und Monate Geld und Zeit in die Einarbeitung investiert und braucht dringend die Arbeitskraft.

 

Aus diesen Gründen ist deshalb eine sorgfältige Personalauswahl für alle Beteiligten wichtig – und den meisten Unternehmen ist die Verantwortung sicherlich auch bewusst. Manchmal verschätzt sich aber auch der Bewerber bezüglich seiner Qualifikation, seiner Teamfähigkeit oder er nimmt eine Arbeit an, die ihm nicht liegt.

 

Findet im Vorstellungsgespräch kein offener Austausch der Erwartungen und der Anforderungen statt, tritt der Fall ein, für das ich wieder einige Beispiele parat habe.

 

In einer Chemiefabrik wurde eine Aushilfe gesucht, die aus Fässern mit Hilfe eine elektrischen Pumpe Lösungsmittel in kleinere Behälter abfüllen sollte. Das ist eine einfache Aufgabe, die bis zu diesem Zeitpunkt alle ohne Mühen erfüllen konnten.

Ich stellte einen Chemiestudenten für die Tätigkeit ein, der mit ein paar Wochen jobben sein Studium finanzieren wollte und uns gesagt hatte, dass er derartige Aufgaben bereits in der Chemikalienausgabe des Chemieinstituts erledigt hätte.

 

Nach kurzer Einarbeitung überließen wir ihm seine Aufgabe. Eine Stunde später bemerkte ein anderer Mitarbeiter, dass wohl mehr neben die kleinen Behälter floss als in diese abgefüllt wurde. Nach weiteren gemeinsamen Übungen, startete der Neue weitere Versuche, diesmal blieb jemand von uns in der Nähe. Nach zwei Stunden gaben wir auf. Wir sahen keine Möglichkeit, dass die Arbeit zufriedenstellend erledigt werden konnte. Ich veranlasste, dass der bedauernswerte Kerl einen Tagelohn erhielt und wir verabschiedeten uns. Das war ein einfacher Fall, der mir kein Kopfweh bereitete. Normalerweise ist es ja auch nicht angenehm, jemanden zu sagen, dass er gehen muss.

 

Da hatte ich schon ein paar Probleme beim nächsten Fall. Wir hatten ein etwas heruntergekommenes ehemaliges Mitglied der berühmt- berüchtigten französischen Fremdenlegion eingestellt – ebenfalls als Chemiearbeiter. Der Herr war recht intelligent, zeigte auch nach kurzer Zeit, dass er bei der Arbeit richtig zupacken konnte.  Er hatte dann aber doch nach kurzer Zeit ein Problem, er wollte nicht akzeptieren, dass ihm sein Vorarbeiter sagte, was und wie er seine Arbeit machen solle. Jedenfalls kam der Vorarbeiter, einer friedfertiger anständiger Kerl zu mir und berichtete, dass der Kollege ihm mit einem großen Messer bedroht hätte, weil er die Arbeit nicht nach Anweisung mache wolle. Er würde jetzt zwar arbeiten, aber nicht so wie vorgeschrieben. Da gab es von meiner Seite keine Diskussion. Mit sozusagen voller Hose gingen wir beide zum ehemaligen Fremdenlegionär, dieser bestätigte, was mir sein Vorarbeiter gesagt hatte.  Wir trennten uns auf der Stelle. Ich war froh, als er sein Ränzlein geschnürt hatte und vom Fabrikgelände verschwunden war. Abends verließ ich dann die Firma, nach rechts und links spähend, um nicht in einen Hinterhalt zu geraten. Es gab einen solchen nicht und damit endet diese Episode.

Ein ehemaliger Binnenschiffer, den uns das Arbeitsamt vermittelt hatte und der wieder sesshaft werden wollte nachdem er einige Zeit auf Wanderschaft war, hat es dann ganz anders gemacht. Er entschied sich offenbar nach kurzer Zeit, doch wieder ein anderes Leben zu führen und verschwand während der Frühstückspause. Seine Papiere lagen noch jahrelang in der Personalabteilung, er hat sie nie wieder abgeholt.

Einmal bin ich richtig reingefallen und gelinkt worden. Wir hatten einen Mediziner gesucht, der einen Job als Wissenschaftlicher Leiter in unserem Unternehmen übernehmen sollte. Das ganze Bewerbungsverfahren stand unter keinem guten Stern. Mein Vorgesetzter hatte nur widerwillig die Wiederbesetzung dieser Stelle genehmigt und ich wurde gezwungen, die Position in Medien auszuschreiben, die mir keine große Anzahl von qualifizierten Bewerbern versprach. So war es auch und der einzig geeignet erscheinende Kandidat wurde eingestellt, besonders auch, weil ich diese Stelle besetzen wollte, sonst wäre sie gestrichen worden. Der Doktor, wie er genannt wurde, war gerade mit seiner Promotion fertig geworden, hatte allerdings seine Urkunde noch nicht – die Geschichte klang glaubwürdig. Es erwies sich dann, dass er zwar ein abgeschlossenes Medizinstudium hatte, über die notwendige Qualifikation verfügte, jedoch nicht über den Doktortitel, auf den er aber großen Wert legte. Das war schon Grund genug, das Arbeitsverhältnis zu beenden, da ein nachhaltiger Vertrauensverlust aufgetreten war. Außerdem war befand er sich noch in der Probezeit. Das war sicher der ausschlaggebende Punkt, die Kündigung auszusprechen, ein anderer war, dass er nicht die geringsten Anstalten gemacht hatte, sich in unser Team zu integrieren. Als wir alle mit Dienstwagen gemeinsam zu einer Tagung fahren wollten und ich mir erhoffte, durch eine mehrstündige Autofahrt mir und den anderen Kollegen einen besseren Zugang zu unserem Mediziner zu bekommen – wir kannten ihn ja kaum, zog er es vor, mit dem Zug zu reisen, weil er da immer so interessante Leute kennen lernen würde. Ich sagte ihm, dass er doch zunächst mal seine interessanten Kollegen kontaktieren möge. Da diese Doktorspielchen zur gleichen Zeit zu Tage kam wie auch die Erkenntnis über das Desinteresse, sich zu integrieren, haben wir uns das Arbeitsverhältnis während der Probezeit unter Wahrung der vereinbarten Kündigungsfrist bei sofortiger Freistellung beendet.

 

Fehlgriffe passieren unabhängig von der Hierarchiestufe in der sich die Position befindet. Es ist aber auf alle Fälle besser, die Konsequenzen zu ziehen und sich zu trennen als zu hoffen, dass es sich bessern könnte und die Probezeit verlängert wird.

Das habe ich auch zweimal auch unterschiedlichen Gründen gemacht. Glücklich geworden bin ich nicht als Vorgesetzter und die Mitarbeiter in beiden Fällen auch nicht.

 

Wenn deshalb der ernsthafte Versuch scheitert, den Konflikt zu lösen, damit die Erwartungen erfüllt werden, gibt es nur eins nach dem schon oft malträtierten Sprichwort:

 

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schreck ohne Ende

Vorstellungsgespräch mit Micky-Mouse-Krawatte und mit Büroklammer-Socken

Vorstellungsgespräch mit Micky Mouse-Krawatte und Büroklammer-Socken

 

 

Was nützt das schönste Bewerbungsschreiben, den Entwurf runtergeladen von einer CD und angepasst an die persönlichen Daten und die des Unternehmens, in dem man sich bewirbt, wenn die Performance im Vorstellungsgespräch suboptimal ist.

 

An einige dieser Auftritte erinnere ich mich gern, weil sie einigen Stoff zum Schmunzeln enthielten, teilweise slapstickartig wirkten. Andere waren aber auch von einer gewisse Tragik geprägt, wie die Bewerbung eines mit einem starken Sprachfehler behafteten Kandidaten, den wir kaum verstehen konnten und der gerne bei uns im Außendienst als wissenschaftlicher Berater arbeiten wollte.

 

Ich erinnere mich auch gern an eines der kürzesten Bewerbungsgespräche mit einer der längsten Anreisen eines Bewerbers. Wegen der langen Anreise hatten wir ihm den Flug von Bremen nach München genehmigt und bezahlt, es handelte sich ebenfalls um eine Stelle als wissenschaftlicher Referent im Außendienst für Produkte der klinischen Ernährung in einem Bezirk in Hessen.  Der Kandidat erschien uns  auf Grund seines Lebenslaufs mit einem Pharmaziestudium für diese Aufgabe gut geeignet. Nach der Begrüßung ergab sich im Small Talk, dass unser Bewerber derzeit in Teilzeit in der Apotheke seiner Freundin, die er demnächst heiraten wollte, arbeitete.

Auf meine erste Frage, ob denn seine Lebensplanung mit einem Arbeitsplatz in Hessen vereinbar wäre, sagte er uns: „Nein, mobil bin ich nicht.“  Dem Herren war bewusst, dass er damit keine Chance auf eine Beschäftigung bei uns hatte, denn als ich ihn fragte, warum er überhaupt zu dem Termin gekommen sei, antwortete er, dass er sich mal einen Tag München ansehen wollte. Das Vorstellungsgespräch war nach nur 5 Minuten beendet,  wir wollten dem vermeintlichen Kandidaten  nicht länger von seiner Sightseeing Tour abhalten.

 

Die Tätigkeiten im Außendienst dieser Firma beinhalteten vor allem die Vorstellung von Ernährungskonzepten für Kranke, die über eine Magensonde ernährt werden sollten, und die Empfehlung unserer Nahrung und der dazugehörigen Applikationstechnik wie Sonde, Pumpe und Schläuche. Ziel der Tätigkeit war, dass die Mediziner im Krankenhaus und das Pflegepersonal in Pflegeheimen und ambulanter Pflegedienste unsere Produkte anwendeten, sie per Rezept verordneten oder verordnen ließen. Deshalb war der ideale Kandidat zumeist Oecotrophologe/Oecotrophologin oder Diätassistent/-in. Wenn wir neben einem ansprechendem Bewerbungsanschreiben und sehr guten Zeugnissen dem Lebenslauf entnehmen konnten, dass auch gewisse verkäuferische Kenntnisse vorhanden waren, entweder vor oder während des Studiums erworben,  hatte solche Bewerber eine große Chance zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

 

Da trat dann der „Fleischvermarkter“ auf, der zusammen mit seinem Bruder auf dem elterlichen Hof im Winter drei- bis viermal ein Schwein schlachtete und es an Freunde, Verwandte und die Kumpel bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Kegelklub stückchenweise oder als Wurst verhökerte.

 

Der Höhepunkt aller Vorstellungen war jedoch der selbständige Unternehmer, der jahrelang Agrarprodukte vermarktet hatte. Die Darstellung seines Unternehmens und der damit verbundenen Tätigkeit war aber nicht der einzige bemerkenswerte Teil seines Auftritts. Es war vielmehr sein Erscheinen, was mich zu diversen Überlegungen führte und mich von Gespräch ablenkte. Der Kandidat trat in einem tadellosen Anzug auf, trug dazu allerdings eine Micky Mouse-Krawatte, zudem waren seine Socken recht bunt und mit jeweils einer großen Büroklammer an den Seiten bedruckt.

Der Leser kann sich sicher vorstellen, wie ich versuchte von diesen Accessoires auf den Charakter oder die Arbeitsweise meines Gegenübers zu schließen. War er nun ein guter Administrator, ein ordentlicher Mensch, der jedes mehrseitige Schreiben durch Büroklammern zusammenfügte und einen Eingangsstempel auf die erste Seite drückte? Oder war er vielmehr ein verkappter Comedian, ein lustiger Karnevalist oder ein Simpel, der über jede Sprechblase in Comics lachen konnte?

Schließlich resignierte ich und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch.

Da erzählte er gerade von seinem Unternehmen:

Er betrieb im Auftrag seines Onkels einmal pro Woche einen kleinen Stand auf einem Wochenmarkt und verkaufte dort die Blumen aus Onkels Gärtnerei und auch selbstgepflückte. Wir nannten ihn den promovierten Marktschreier.

 

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal recht schwierig ist, aus mehr als 100 Bewerbern die richtigen herauszufiltern und zu Vorstellungsgesprächen einzuladen. Viele geeignete Kandidaten mögen dabei durch unser Raster gefallen sein.

 

Vielleicht waren die Unterlagen aber manchmal auch nicht auffällig genug oder beinhalteten nicht die für uns wichtigen Stichworte. Auffällig waren allerdings zahlreiche Bewerbungen aus Kiel. Während den meisten Lebensläufe ein Farbfoto guter oder weniger guter Qualität beigefügt war, enthielten Bewerbungen aus Kiel  zumeist ein äußerst professionell aufgenommenes Schwarz-Weiß-Foto. Die Damen waren in dunklem Blazer fotografiert, darunter trugen sie eine faltenfreie weiße Bluse.

Eine Bewerberin, die es aus der Kieler Uni zu uns geschafft hatte, erzählte uns von dem Fotostudio, das von einer Fotografin in Universitätsnähe betrieben wurde. Diese legte großen Wert auf Kleidung und Frisur und die „Models“ mussten zum Fotoshooting in der entsprechenden Outfit erscheinen. War die Bluse nicht faltenfrei, musste das Model seine Bluse zunächst erst einmal bügeln.

Jedenfalls waren Bewerbungen mit Fotos aus jenem Kieler Studio sich immer unserer Aufmerksamkeit sicher.

 

Es gibt viele Elemente, die eine Bewerbung erfolgreich machen. Dazu existiert hinreichend  Literatur und eben auch CDs mit Mustern für das Anschreiben und den Lebenslauf. Letztlich sind es aber die Präferenzen der Verantwortlichen Personen beim potentiellen Arbeitgeber, die darüber entscheiden, ob ein Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird und dieses erfolgreich besteht.

 

Manchmal sind es klitzekleine Teilchen wie ein gutes Foto oder ein Socken mit aufgedruckter Büroklammer.