Wie kommt Zwiebelduft in die Tapete? – Forensik unspektakulär

Wenn Forensik der Sammelbegriff für die Tätigkeiten ist, kriminelle Handlungen zu identifizieren oder auszuschließen, zu analysieren oder rekonstruieren, dann war ich in meinem Arbeitsleben einmal auch ein Forensiker.

 

Ich habe keine Leichen untersucht, habe keine forensischen Anthropologie oder Entomologie betrieben, nein, es waren recht unspektakuläre Aufgaben die ich übernommen hatte, von denen mir eine dennoch berichtenswert erscheint:

 

In der Zeit, als ich in einem kleinen chemischen Betrieb unter anderem Cannabissamen und menschliche Nabelschnüre extrahierte, kam eines Tages der Eigentümer des Unternehmens zu mir und bat mich um Hilfe zur Unterstützung seines Bruders in einem Rechtsstreit mit dessen ehemaligen Hausmeister. Letzterer hatte auf dem Werksgelände eine Wohnung bewohnt und musste nach Kündigung des Arbeitsvertrags durch seinen Arbeitgeber, besagtem Bruder meines Chefs, die Wohnung in renoviertem Zustand verlassen. Offensichtlich ging man nicht einvernehmlich auseinander und so hatte der ehemalige Hausmeister die Wände der Wohnung erst nach langem verbalen Gerangel neu gestrichen. Ärger gab es dann doch noch, denn als die Wohnung übergeben werden sollte, roch es sehr stark nach Zwiebeln. Der Geruch hielt sich auch noch nach längerem Lüften, so dass der Unternehmer davon ausging, sein ehemaliger Hausmeister hätte ihm ein Andenken hinterlassen, indem er präparierte Farbe auf die Raufasertapete aufgetragen hätte. Es kam zu einem Gerichtsverfahren und dazu sollte ein Gutachten angefertigt werden, in dem nachgewiesen wurde, dass der Zwiebelgeruch tatsächlich aus der Tapete bzw. deren Anstrich kam. Das Erstellen des Gutachtens sollte meine Aufgabe sein.

 

Wie kam die Zwiebel auf die Tapete und wie konnte ich das nachweisen?

 

Ich suchte in meinem Innersten nach meinem Potenzial an krimineller Energie und kam zu dem Schluss, dass ich mir Zwiebelsaft gekauft hätte, um ihn unter die Farbe zu mischen und dann die Tapete damit zu streichen.

 

Im nächsten Supermarkt kaufte ich mir ein Fläschchen des intensiv duftenden Safts. Aus der wirklich stark nach Zwiebel riechenden Wohnung schnitt ich mir außerdem ein Stück Tapete heraus und extrahierte die „Inhaltsstoffe“ in Wasser.  In einem weiteren Schritt isolierte ich den „Zwiebelduftstoff“ und verglich ihn mittels dem einfachen Verfahren der Dünnschichtchromatographie (DSC) mit dem gekauften Zwiebelsaft – und siehe da, Zwiebelsaft und Tapetenextrakt wiesen die gleichen Inhaltsstoffe auf.

 

Das schriftliche Gutachten wurde erstellt und bei Gericht eingereicht. Das Ergebnis meiner „forensischen Bemühungen“ wurde anerkannt.

So einfach und unspektakulär kann Forensik sein.