Theodor Storm: Pole Poppenspäler

Vor einiger Zeit bat mich eine Bekannte, ihr verschlissenes altes Buch von Pole Poppenspäler mit einem neuen Einband zu versehen. Mein Hobby ist neben dem Bücherlesen auch das Buchbinden und wenn ein altes Buch noch in einem restaurierungswürdigen Zustand ist, erneuere ich es gern.

Ausgabe von 1950

Ausgabe von 1950, gebunden in flexiblen Pappeinband

Das Buch erinnerte mich an meine Schulzeit, in der ich es gelesen und in der Klasse besprochen habe, vermutlich mußte ich auch einen Aufsatz darüber schreiben. Mein altes Exemplar der Hamburger Leseheft hatte ich vor Jahren einmal entsorgt und so kaufte ich mir zunächst den Pole Poppenspäler neu und las ihn abermals- locker und entspannt, in dem Wissen, dass mir nicht eine Inhaltsangabe, Charakterisierung oder Interpretation abverlangt würde.

Pole Poppenspäler ist in meinem Bekanntenkreis recht bekannt. Aber wie das so ist, wenn man ein Buch vor vielen Jahren einmal gelesen hat, man kann sich nicht immer genau an den Inhalt erinnern.

Deshalb erzähle ich hier noch einmal kurz über Pole Poppenspäler von Theodor Storm.

In frühen Ausgaben hatte der Titel noch den Zusatz „Für die reifere Jugend“. Und so war es wohl auch. Seit Jahrzehnten wird die Geschichte vornehmlich in Schulen gelesen (siehe oben), wobei der Begriff „reifere Jugend“ heute zu „Teenies“ umgeschrieben werden müsste. Meines Wissens wird sie häufig in 8. Klassen gelesen.

Ist der Leser der Schule entwachsen und nicht mehr dem Zwang unterworfen, gute schulische Leistungen durch Verständnis und Interpretation des Textes zu erzielen, liest sich „Pole Poppenspäler“ einfach und schön trotz einiger Traurigkeit, die in ihr steckt. Das ist der Stil, in dem einige der über 50 Novellen geschrieben sind, die Theodor Storm hauptsächlich neben lyrischen Gedichten geschrieben hat. „Der Schimmelreiter“ und „Immensee“ gehören neben „Pole Poppenspäler“ zu den bekanntesten Werken.

Der Inhalt

Es ist die Geschichte vom friesischen Kunstdrechsler und Mechanikus Paul Paulsen und dessen aus Süddeutschland stammenden Frau.Sie wird von jemandem erzählt, der als Schuljunge häufiger nach der Schule in Paulsens Werkstatt das Kunstdrechseln gelernt hat. Dieser Schuljunge erfährt eines Tages, dass sein Lehrherr in der kleinen Stadt auch „Pole Poppenspäler“ genannt wird. Als er Paulsen fragt, wieso er diesen Spitznamen trägt, reagiert der Angesprochene zunächst verärgert, erzählt aber sogleich die Geschichte.

Heutige Taschenbuchausgabe

Paul lebte schon als Kind in diesem Haus als ein Mechanikus und Puppenspieler aus München, Joseph Tendler, mit Frau und kleiner niedlicher 9-jähriger Tochter Lisei samt Pferdekarren in die Stadt kamen und sich gegenüber von Pauls Elternhaus in einem einfachen Gasthaus einquartierten.Der gleichaltrige Paul ist begeistert von dem Mädchen und hilft ihm beim Einkaufen von Stoffen, die von dessen Mutter zu neuen Kleidern für die Figuren des Puppentheaters genäht werden sollen. Dafür erhält Paul eine Eintrittskarte für eine Aufführung im Saal des alten Schützenhauses. Er ist begeistert von dem Stück „Pfalzgraf Siegfried und die heilige Genoveva“. So sehr, dass er von dem Stück und der Figur des Kasperls träumt und gar nicht mehr konzentriert rechnen kann. Trotzdem erhält er von seinem Vater Geld, um die nächste Vorstellung besuchen zu können. „Fausts Höllenfahrt“ soll gezeigt werden. Zuvor läuft er aber noch ins Schützenhaus, findet dort Lisei und bittet sie, den Kasperl ansehen zu dürfen. Lisei gibt ihm den Kasperl, wohl wissend, dass sie es nicht tun sollte. Paul spielt mit der Puppe und beschädigt die wertvolle alte Marionette dabei. Abends während der Vorstellung geht das Kasperl dann so entzwei, dass die Aufführung mit einem Notkasperl fortgeführt werden muss. Aus Angst vor einer Strafe verkriecht sich Lisei nach der Vorstellung unter die Bühne, Paul findet sie und bleibt bei ihr. Erst in der Nacht kommen Liseis Eltern und Pauls Vater in den verschlossenen und finsteren Saal und finden ihre vermissten Kinder in einer leeren Puppenkiste. Paul erzählt, dass er der Schuldige sei, und sein Vater verspricht, den wertvollen alten Kasper wieder herzustellen.Lisei entgeht damit der Strafe ihrer strengen Mutter, der Kasperl wird wieder repariert.

Die Puppenspielerfamilie bleibt noch eine Weile in der Stadt und die beiden Kinder verbringen viel Zeit miteinander. Aber nach einigen Wochen ziehen die Tendlers mit ihrer Ausrüstung, mit Pferd und Karren weiter. Paul hofft, dass Lisei mit ihrer Familie wiederkommt, aber das geschieht nicht.

Nach der Lehre geht Paul als Handwerksgeselle auf Wanderschaft. Er landet schließlich in einer Stadt in Mitteldeutschland. Dort sieht er eines Tages Lisei, als sie ihren Vater im Gefängnis besuchen will. Paul holt sie in das Haus, in dem er für die Witwe eines Meisters arbeitet und Lisei erzählt von ihrer verzweifelten Lage. Die Mutter ist gestorben, dem Vater wird vorgeworfen, Geld aus der Kasse des Wirtshauses genommen zu haben. Fahrendes Volk wie es die Tendlers sind, geraten leicht in den Verdacht zu stehlen, und so geriet Liseis Vater ins Gefängnis. Paul will für den Vater bürgen, aber schon am nächsten Tag klärt sich dessen Unschuld auf.

Paul erkennt, dass der alte kränkelnde Puppenspieler und dessen Tochter ohne ein richtiges Zuhause sind und lädt die beiden ein, nach Friesland in sein Haus zu ziehen. Sie nehmen das Angebot an.

Nun erkennt der Erzähler, dass Lisei die Frau von Paul Paulsen ist und Paulsen fährt in seiner Schilderung fort:

Es findet eine Hochzeit statt, zu der der alte Tendler seine Ersparnisse den jungen Leuten gibt und nach einiger Zeit verstummen im Ort auch die üblen Nachreden, denn solch eine Verbindung mit einer landfahrenden Schaustellerin, dass wird nicht gern in der friesischen kleinen Stadt gesehen.

Doch statt sich mit Gartenarbeit und Nichtstun zu begnügen, möchte der alte Tendler wieder Theater spielen. Die Bühne wird hergerichtet, eine Partnerin für die Frauenrollen gefunden und schließlich gibt es eine Aufführung im Rathaussaal. Dabei kommt es jedoch zu solchen Pöbeleien, dass die Vorstellung abgebrochen werden muss. Am nächsten Tag hat Paul Paulsen seinen Spitznamen: „Pole Poppenspäler“ ist mit Kreide an seine Haustür geschrieben. Der alte Puppenspieler ist verbittert und resigniert, verkauft alle Puppen, mit denen dann die Kinder des Pöbels in den Gassen spielen, erkrankt und stirbt schließlich.

Bei der Beerdigung wird ihm noch sein Lieblingskasper über die Friedhofsmauer in das offen Grab geworfen. So ruhen die beiden gemeinsam auf dem Friedhof, der alte Puppenspieler und Mechanikus Joseph Tendler mit seiner Lieblingspuppe, dem Kasperl. Das ganze ist nun aber schon eine ganze Zeit her, schließt Paul Paulsen seine Erzählung und sagt Lisei, die zu Essen an ihrem heutigen Hochzeitstag ruft, dass er gerade dem Jungen ihre gemeinsame Geschichte erzählt habe. Der Junge kommt zu dem Schluss: „Es waren prächtige Leute, der Paulsen und seine Puppenspieler-Lisei.“

Rahmenhandlung und Binnenhandlung,

das muss man dann im Deutschunterricht wissen.

Der Ich- Erzähler, der als Schuljunge bei Paul Paulsen das Kunstdrechseln gelernt hat und von anderen den Spitznamen „Pole Poppenspäler“ hört, bildet den Rahmen mit der Einführung, dann erzählt Paul Paulsen seine und die Lebensgeschichte seiner Frau und ihres Vaters und klärt den Jungen auf, was es mit dem Spitznamen auf sich hat. Die Novelle endet, indem der Ich-Erzähler wieder in der Gegenwart ankommt und von Tag erzählt, an dem er die Geschichte von Paul Paulsen gehört hat.

Nicht so klar wird allerdings die Spannung der Zeit zwischen den biederen Bürgern und dem „FahrendenVolk“ herausgearbeitet. Vieles andere lässt sich sicher noch interpretieren. Zum Glück muss ich das nicht mehr tun wie damals vor 50 Jahren.

Heute habe ich die Geschichte genossen und das alte Buch mit einem neuen Einband versehen.

Dabei fällt mir auf, dass ich den Bericht über „Pole Poppenspäler“ auch mit einem Rahmen versehen habe.


11 Kommentare on “Theodor Storm: Pole Poppenspäler”

  1. regido sagt:

    Na sowas,hatte ich doch ganz vergessen diese geschichte…
    ich hatte gluck und habe sie zuhause gelesen..meine mutter hat eine sammlung von storms werken..schoen sich wieder daran zu erinnern🙂

  2. karu02 sagt:

    Bleibt dieses schöne Umschlagbild beim Neubinden erhalten?

  3. philipp1112 sagt:

    @ karu

    Das Bild zeigt schon den neuen Einband. Dabei handelt es sich um einen Leineneinband, auf den ich den das Bild aus dem Pappeinband aufgeklebt habe.

    Aus einer Broschur oder einem Softcover wurde so ein Ganzleineneinband oder Hardcover. Das Buch hat nichts von seinem Charakter eingebüßt, es ist stabiler und m.E. edler geworden.

  4. ottogang sagt:

    Dann muß ich ja jetzt nicht noch einmal das Buch lesen, Dein Text hat ausreichend erinnert.
    Übrigens, alte Erbsenzählerangewohnheit, einmal steht da oben noch Theodor Sturm.

  5. philipp1112 sagt:

    Danke, Ottogang, ich hab aus dem u ein o gemacht.

  6. Martin sagt:

    HAllo ist ja alles schön und gut …
    Aber kann mir einer helfen ? bitte …
    Ich schreibe morgen eine deutscharbeit und brauche Informationen zu kasperl. bitte helft mir ich kann nirgendswo etwas über ihn herausfinden .

  7. philipp1112 sagt:

    Zu finden ist alles über Kasperl in der Erzählung selbst – und in meinem Beitrag steht auch eine ganze Menge darüber drin. Natürlich könnte ich auch über die Bedeutung des Kasperls für Paul und das Lisei sowie für Lieseis Vater, den alten Tandler, bis über dessen Tod hinaus, einen Aufsatz schreiben. Aber dazu reicht mir die verbleibende Zeit auch nicht.

  8. lakritze sagt:

    Crowdsourcing statt Selberlernen. Naja, man kann’s ja mal versuchen. ,)

  9. Das Büchlein war mir bislang unbekannt. Leider wurde Storm bei uns gar nicht gelesen – dabei hätte es doch gut zur Umgebung gepasst.

    • Philipp Elph sagt:

      UNGLAUBLICH!
      Ich dachte, dass die Geschichte im Norden Pflichtlektüre gewesen wäre! Zu meiner Zeit schon. Du hast ja einige Schülergenerationen nach mir gelesen. Dann lies sie jetzt!

  10. […] aus diesem Krimi ist Theodor Storm, den ich wie die meisten von uns als Erzähler und Dichter von Pole Poppenspäler und Der Schimmelreiter aus der Schulzeit kenne, wieder in mein Leben eingetreten. Dank Tilman […]


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