Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht – ein kulinarischer Krimi

Als „Luxemburgischer Bauernschädel“ wird Xavier Kieffer von seinem ehemaligen Lehrmeister, dem französischen Sternekoch Paul Boudier, bezeichnet. Aber Kieffer, der ein nettes kleines Restaurant in der Hauptstadt des kleinen Landes besitzt, indem er EU-Beamten und Bankern Gerichte der regionalen Küche vorsetzt und bewusst jegliche Attituden und Ansprüche eines Sternekochs, der er hätte werden können, vermeidet, ist wahrlich mehr als ein tumber Tor.
Als in seinem Restaurant der Kritiker des bedeutendsten französischen Restaurantführers tot umfällt, das noble Lokal seines Lehrmeisters abgefackelt wird und Boudier nicht mehr aufzufinden ist, begibt sich Kieffer auf Spurensuche, um zu erfahren, welche Zutat er mit seinem unbedeutendem Restaurant im Menue dieser Ereignisse ist.

Der Prolog – als amuse- gueule dieses „kulinarischen Krimis“ gereicht – berichtet von der Expedition eines Karpologen, der als Foodscout in Papua-Neuguinea auf der Suche nach einer Frucht ist, die bei Genuss einen „Wow“-Effekt auslösen kann, der Knaller für die Gourmet-Küche aber auch für die Lebensmittelindustrie.

Während Kieffer seine Nase immer tiefer in die Angelegenheiten diverser Interessenten, die auf der Jagd nach der Frucht, deren optimalem Nutzen und den Möglichkeiten der Zubereitung steckt, fallen dem luxemburgischen Koch zufällig zwei Tupperdosen in die Hände, bei deren Inhalt – so ergeben es aufwändige  Recherchen – es sich tatsächlich um  Teile dieser Wunderfrucht Chatwa handelt. Doch die Wunderfrucht erweist sich als Teufelsfrucht. Häscher des zunächst großen Unbekannten sind auf der Suche nach ihr und die Hatz wird auf alle ausgedehnt, die im Besitz von Chatwas sein können, so auch auf Kieffer.
Wie unterschiedlich die Interessen der potenzielle Nutznießer der neu entdeckten Frucht sein können erscheint zunächst unvorstellbar. Und welche Möglichkeiten sich dadurch auftun, wird im Laufe des Krimis jedoch immer plausibler.

Tom Hillenbrand hat mit diesem – wie er im Untertitel bezeichnet wird – kulinarischen Krimi eine Marke in einem recht alten, kürzlich wieder neu aufgenommenen Genres des Kriminalromans gesetzt. Seit langer Zeit habe ich als bekennender Krimifreund wieder etwas Neues gelesen. Hierbei spielen nicht Verbrechen und deren Aufklärung die große Rolle, sondern einerseits die Jagd der Sterneköche nach exklusiven Zutaten als auch der Lebensmittelindustrie nach immer neuen Knüllern für Design- Trend- und Health-Food. Andererseits beschreibt Hillenbrand die Arbeitsweise und Macken der Sterneköche-Welt kenntnisreich und in angenehm ironisierender Art. Außerdem bekommt noch die Lebensmittelindustrie ihr Fett ab, die in diesem Fall die Entwicklungen von Analogkäse, Formfleisch und naturidentischen Aromastoffen aus Sägespänen toppen möchte. Provinzielles Luxemburgerisches – sprachlich letzeburgerisch authentisiert – und die große Welt des EU-Apparates als Gegensatz dazu ergänzen die Geschichte und erscheinen wie das Salz in der Suppe als notwendiges Ingredienz, das zum Gelingen der Zubereitung unerlässlich ist.
Dass die Lebensmittelindustrie in diesem Krimi in recht schlechtem Licht dargestellt wird, mag wohl mit der großen Affinität des Hobbykochs und Autors zur Gourmetküche zusammenhängen. Abgesehen davon ist diese Buch eines der interessantesten und unblutigsten Krimis, die ich in letzter Zeit gelesen habe, trotzdem mit einem hohen Anteil von Spannung und äußerst kurzweilig für jeden, der sich gern in der Welt der Küche und der Köche aufhält, sei es als Maître der eigenen Küche oder als Genießer köstlicher Speisen.

P.S. Ein kleines hilfreiches Glossar von Begriffen der Gourmetküche befindet sich am Ende des Buches. So wußte ich zum Beispiel nicht, dass ein Küchengrill, der zum schnellen Bräunen Salamander genannt wird.


Die fünfflügelige Holländer-Windmühle in Wendhausen bei Braunschweig

Dies ist die einzige noch erhaltene fünfflügelige Windmühle in Deutschland. Sie steht auf der höchsten Stelle im Ortsteil Wendhausen der Gemeinde Lehre zwischen Braunschweig und Wolfsburg.

Fünfflügelige Holländer-Windmühle in Wendhausen um 1965

Zwei andere sind in desolatem Zustand (Naumburg und Flechtingen), in Leutersdorf in der Oberlausitz wird die fünfflügelige Hetzemühle restauriert. In England gibt es noch einige mit dieser Flügelanzahl und darüber hinaus existieren dort noch sechs- und achtflügelige Mühlen.
Mühlen mit mehr als den üblichen vier Flügeln zu bauen beruhte auf der Annahme, das mehr Flügel höhere Leistung erbringen. Wenn denn dies wirklich der Fall war – physikalische Parameter sind sicher mehr die Fläche der Flügel und ihr Stellwinkel zum Wind – so war der Bau eines solchen Systems mit Winkel ungleich 90° wesentlich schwieriger und aufwändiger.
Von den im Braunschweiger Land zu jener Zeit üblichen Blockwindmühlen unterschied sich diese dadurch, dass sich hier die Haube bei Windrichtungsänderung dreht. Das wird dadurch ermöglicht, dass auf der Haube der Mühle, auf der flügelabgewandten Seite eine Windrose angebracht ist.  Außerdem konnte dieser Mühlentyp durch seine Größe mehr Technik aufnehmen und hatte dadurch eine höhere Kapazität. Dies ist eine Mühle mit drei Mahlgängen.
Die 1837 erbaute Mühle wurde 1953 stillgelegt und kann jedes Jahr am am deutschen Mühlentag – Pfingstmontag – besichtigt werden. Außerdem zwischen April und Oktober an jedem 2. Sonntag.

Mehr über die Mühle in Wendhausen  hier und über Windmühlen, Funktion, Bau- und Flügelarten überhaupt bei Wikipedia und Jan  , oder Holländerwindmühle


Schnee „Made January 2012″

Es gibt ihn, den Schnee im Januar 2012. Jetzt muss ich allerdings schon schreiben „es gab ihn“, denn das Weiß war heute morgen nur von kurzer Dauer und auch nicht wirklich flächendeckend.

 


Nele Neuhaus: Wer Wind sät

Ein übles Interessengemenge, lokal wie global!

Es geht vordergründig um die Frage Windpark im Taunus, Ja oder Nein.
Es geht um Klimaschutz und Klimaforschung. Klimaskeptiker unterstellen Klimaforschern und -schützern Eigennutz.
Es geht aber auch um Liebe, enttäuschte Liebe, Rache und Hass.


Nach einem Prolog mit großer Spannung und Gewalt, kommt zunächst an seinem Arbeitsplatz der Nachtwächter einer Firma ums Leben, die Windparks konzipiert und baut. Es war Mord. Pia, Cem und von Bodenstein, beider Chef vom K11 in Hofheim, beginnen die Ermittlungen, während ein angesehenes Mitglied der Bürgerinitiative, die gegen den geplanten Windpark im Taunus kämpft, auf üble Weise mit einer Schrotflinte hingerichtet wird.
Die Interessen der Windparkbefürworter, seien es politische oder wirtschaftliche, stehen in krassem Widerspruch zu den hehren Zielen der Bürgerinitiative. Ein klare Sache, so scheint es zunächst, wenn da nicht einige ihr eigenes Süppchen kochten. Bestechung, Fälschung von Daten auf der einen Seite. Sturheit, Rache, Hass, Eigennutz und Korrupierbarkeit auf der anderen. Dazu eine Person, die Name und Vergangenheit nicht preisgeben will.
Das ist der Stoff, aus dem der Krimi von Nele Neuhaus ist – zunächst. Doch dann kommt noch die andere Komponente ins Spiel. Die der Klimaforschung und ihrer Player mit einem Netzwerk, der neben Wissenschaft und Forschung in hohem Maße Wirtschaft und Politik einschließt. Eine unselige Gemengelage, bei der die Klimaskeptiker üble Machenschaften erahnen.

Pia und von Bodenstein laufen auch in diesem Fall vielen falschen Spuren nach. Bodenstein wird jedoch scheinbar ins Abseits gestellt, da er vom Fall abgezogen und beurlaubt wird. Seine Familie hängt mit drin im Kampf gegen den Windpark, er jedoch noch viel tiefer als es ihm unterstellt wird. Beim großen Finale auf der lokalen Ebene geht es nochmals um Leben und Tod – auch bei Pia. Und hier lösen sich schließlich die Knoten, die Verknüpfungspunkte der Netzwerke werden erkannt. Die Bösen der lokalen Szene werden verhaftet. Global ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende, aber das ist nicht mehr die Aufgabe des Teams vom K11 im Taunusstädtchen Hofheim.

Ein spannender Fall, der hier erzählt wird. Allerdings macht es sich Nele Neuhaus etwas leicht. Gut und Böse sind klar abgegrenzt, auch wenn es zunächst nicht so erscheint. Eine differenzierte Darstellung ist nicht die Stärke der Autorin. Wohl aber die einfache Sprache, die es ermöglicht, die Story leicht zu verfolgen und schnell den Text durchratternd zu lesen.
Eine angenehme Kost mit interessanten Aspekten – lokal wie global.

Schließlich ist noch anzumerken: Das etwas „aufgemotzte“ Taschenbuch kostet 14,99 €, rund 5 € mehr, als man für ein normales Taschenbuch derzeit bezahlen muß. Auf den Schnick-Schnack und den Mehrpreis sollte der Verlag verzichten.


Türen und Portale – Darmstädter Künstlerkolonie

Darmstadt Mathildenhöhe beherbergte in den Jahren 1899-1914 die Künstlerkolonie mit bedeutenden – überwiegend – Jugendstilkünstlern. Neuzeitliche und zukunftsweisende Bau- und Wohnformen sollten hier entwickelt werden. Ergebnisse dieser Arbeiten können auf der Mathildenhöhe im Jugendstil-Museum angeschaut werden. Zudem sind darum herum einige Wohnhäuser der Künstler entstanden. Diese sind allerdings nur von außen zu betrachten.

Mich haben verschiedene Tore und Portale an den Gebäuden beeindruckt.  Hier die auffälligsten davon:

Portal des Ernst-Ludwig-Hauses

Im Ernst-Ludwig-Haus befindet sich heute das Jugendstil-Museum mit Möbelstücken, Geschirr und Wohnaccessoires, die zu jener Zeit entstanden sind. Außerdem findn Sonderausstellungen zum Thema Jugendstil statt. Zum Beispiel eine Schmuckausstellung mit Stücken der Künstler, die vor rund 100 Jahren hier  gearbeitet haben, aber auch mit Exponaten dieser Stilrichtung  – oder analogen wie Art Nouveau, Liberty, Sezessionsstil sowie aus russischer Quelle (Fabergé)   -.   Zur Zeit der Künstlerkolonie befanden sich im Gebäude unter anderem die Ateliers der Gruppe. Architekt des Hauses war Joseph Maria Olbrich. Die sechs Meter hohen Figuren links und rechts des Eingangs schuf Ludwig Habich. In der Portalnische, die die Eingangstür umgibt, befinden sich vergoldete Pflanzenornamente.

Eingangsportal des Hochzeitsturms

Der Hochzeitsturm, Wahrzeichen Darmstadts, mit dem dreistufigen Eingangsportal wurde ebenfalls von Joseph Maria Olbrich gestaltet. Der Backsteinturm ist mit einer Höhe von 48,5 Metern eine imposante und alles andere überagende Erscheinung. markant ist auch die Dachform , die wie eine ausgestreckte Hand aussieht. Fünffingerturm wird er deshalb auch genannt.

Eingang - Haus Behrens

Das Wohnhaus Behrens wurde 1905 von Peter Behrens erbaut und nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg wieder aufgebaut. Die äußerliche Erscheinung soll weitgehend dem Original entsprechen. Besonders auffällig ist die Eingangstür mit dem Jugendstilornament.

Mehr zu den Künstlern, die in der Kolonie arbeiteten, beschreibt der Wikipedia-Beitrag Darmstädter Künstlerkolonie .


Christrose im „Winter“ 2012

Gern hätte ich die Christrose im Schnee gezeigt, ein schönes winterliches Blumenbild. Doch es gelingt mir in diesem Winter bisher noch nicht.

Im Dezmber vor einem Jahr hatten wir sie zunächst als  Zimmerpflanze gekauft, mit dem Gedanken, sie im Frühjahr in den garten zu pflanzen. Nahdem der Boden Ende Januar frostfrei war, wurde sie in den Garten gesetzt und seitdem hat sich die Christrose prächtig entwickelt. Sie hat nun etwa das Vierfache der damaligen Größe angenommen und inzwischen auch eine Vielzahl von Blüten entwickelt. Wenn es stimmt, dass die Pflanzen bis zu 25 Jahre alt werden können, werden wir noch lange Freude daran haben. Sie wächst bei und unter einem Wachholder,an einemhalbschattigen Platz und außer Wasser erhält bisher keine besondere Zuwendung. Der Boden war am Standort ursprünglich sehr lehmig, die Oberfläche wird gemulcht. Sicherlich nicht ideale Bedingungen für eine Christrose, die kalkigen Boden bevorzug. Bisher hätte sie sich jedoch nicht besser entwickeln können.

In der Literatur wird sie auch als Schneerose bezeichnet, eine Nieswurzart aus der Familieder Hahnenfußgewächse.


Peter James: Du sollst nicht sterben

In der Silvesternacht vor rund einem Dutzend Jahren verschwand in Brighton eine junge Frau, Rachael Ryan. War das die letzte Tat des Schuh-Diebs, der junge Frauen, die Designer-Schuhe trugen, vergewaltigte und einen der Schuhe mitnahm. Der Schuhdieb wurde nie gefasst, das Opfer in diesen Jahren nicht gefunden.

In der letzten Silvesternacht wurde nun wieder eine Frau vergewaltigt. Die Designer-Schuhe nahm der Täter mit. Eine Tat des Schuh-Diebs von damals?

Detective Superintendent Roy Grace hatte am gleichen Nachmittag gerade mal wieder die alten Akten der ungelösten Fälle auf seinem Tisch. Nun holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Fünf Vergewaltigungen gingen auf das Konto jenes Täters. Zum gleichen Beuteschema des Vergewaltigers gehörte die Frau, die verschwand. Grace vermutet, dass irgendetwas schief lief und Rachael nicht mehr lebt. Eine neue Einheit mit Roy Grace soll diese alten Fälle noch einmal durcharbeiten und den Schuh-Dieb fassen.

Doch nun passiert es wieder oder zumindest ähnlich. Und es gibt weitere Fälle, bei denen Frauen mit kostbaren Designer-Schuhen überfallen und vergewaltigt werden.

Verdächtige wie zum Beispiel Jak der Taxifahrer mit dem Asperger Syndrom, der zu Hause einen wahren Schatz an hübschen Damenschuhen hortet. Oder der entlassene Strafgefangene, der schon wegen Vergewaltigungen eingebuchtet war. Es tauchen im Verlauf des Romans noch andere Personen auf, die sich verdächtig machen – und die Zeit drängt.

Das Team um Roy Grace erkennt, dass die neuerlichen Vergewaltigungen zumeist nach dem gleichen Muster ablaufen wie vor Jahren, auch die Reihenfolge in denen es zu den Verbrechen kommt und die Orte ähneln sich. Es gibt Übereinstimmungen zu den alten Fällen, aber auch Unterschiede. Dem Täter wird eine Falle gestellt. Aber er tappt nicht hinein und entführt eine weitere Frau.

Schließlich wird ein Täter gefasst.

Dieser neue, sechste Fall für Roy Grace spielt in einem eigenartigen Milieu des Täters und der vermeintlichen Täter, die durch üble Erlebnisse in Kindheit und Pubertät gezeichnet sind und befremdliches Verhalten zeigen. Die Charaktere werden von Peter James ausführlich und anschaulich dargestellt.In einem Nachwort des Autors wir allerdings mehr auf den Tatbestand „Vergewaltigung durch Fremde“ und die fürchterlichen Folgen für die Opfer eingegangen.Und das finde ich auch gut, da das während der Handlung nicht ausreichend gewürdigt wird.

Der Roman leidet durch die ständigen Zeitsprünge zwischen den beiden Vergewaltigungs-Serien damals und heute. Bei 123 Kapiteln und dem Kapitel-weisen Hin und Her ist es nicht immer leicht, das Geschehene und das Geschehende auseinander zu halten. Es ist deshalb schwierig, immer den richtigen Überblick zu haben und der Spannung ist es ebenfalls abträglich.

Trotzdem ist der Thriller – vor allem der „mutmaßlichen“ Täterprofile – höchst interessant und lesenswert.


Blechschaden – Comedy für Liebhaber klassischer Musik und andere

Blechschaden mit seinem Dirigenten Bob Ross zu erleben ist wie Comedy. Ross hüpft quirlig über die Bühne, erzählt in gebrochenem Deutsch Witze und Anekdoten aus seinem Musikerleben und dirigiert die „Fremdenlegion der Münchener Philharmoniker“, eine Brass-Band ergänzt durch einen Schlagzeuger. Eigensinnige Interpretationen von klassischen Stücken, klassische Versionen von Rock und Pop-Titeln werden gespielt, ein großes Stück Unterhaltung, eine Bühnenshow wird geboten. Alles nicht bierernst sondern zum Lachen, Schmunzeln bei exzellenter Musik von hervorragenden Musikern gespielt.

Nicht nur Klassik-Fans sind begeistert, sondern ebenso solche, die mit klassischer Musik bisher nichts am Hut hatten. Bob Ross und sein Blechschaden lässt Zuhörer jubeln.

Wer keine Gelegenheit hat, diese Truppe bei einem Konzert zu erleben, sollte sich eine CD der Band anhören. Allerdings kann diese Musik allein die Begeisterung nicht hervorzaubern wie eine Life-Veranstaltung aus Musik und dem unterhaltenden Teil der Moderation, den Gags zwischendurch. Um ein gesamthaftes Erlebnis zu Hause im Sessel von den Lautsprechern zu haben, sei beim Hören  Bob Ross’ Buch „Pfiffe und Applaus“ empfohlen, in dem der Dirigent die Anekdoten seines Lebens inklusive einiger Musikerwitze ( buh – schreckliche Kalauer sind dabei) erzählt – aber das Life-Erlebnis ist wesentlich eindrucksvoller!


Mein kürzestes Bewerbungsgespräch – oder: Wie ich einmal von einem Bewerber mächtig gelinkt wurde

Die Geschichte zu erzählen dauert wesentlich länger als das Gespräch, das ich mit einem Bewerber in München führte.

Der junge Ökotrophologe hatte sich auf eine Stelle im wissenschaftlichen Außendienst des Unternehmens für ein Gebiet in der südlichen Hälfte Deutschlands beworben. Er war mit dem ersten Flieger aus einer norddeutschen Hansestadt zu uns gekommen. Die Bewerbungsunterlagen waren vielversprechend und es war nicht ungewöhnlich, dass sich jemand aus dem hohen Norden für ein Gebiet südlich des Weißwurstäquators bewarb. Flexibilität war und ist heute angesagt.

Hinzu kam, dass der Bewerber bereits gegen Ende seines Studiums und während der Suche nach seinem ersten „richtigen“ Job in einer Apotheke jener Hansestadt Ernährungsberatungen durchgeführt hatte. Sehr gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung auf die freie Stelle.

Der Bewerber wurde begrüßt und dem üblichen Zeremoniell entsprechend folgte zum Aufwärmen und Entspannen ein kurzer Smalltalk. Die Flug war angenehm, zur Firma zu finden war keine Schwierigkeit gewesen. So,so, aus dem Norden käme er – da stünde ja ein Ortswechsel an, wenn es zum Arbeitsvertrag käme.

Die Antwort verblüffte mich!

Er sei mit der Inhaberin der Apotheke, in der er die Beratung durchführe, liiert und ein Ortswechsel käme für ihn nicht in Frage.

Die Verblüffung verwandelte sich in leichte Verärgerung als der Bewerber hinzufügte, dass er sich – in der Hoffnung eingeladen zu werden – beworben hätte, denn er wollte einen schönen Tag in München verbringen und hätte den Rückflug erst für den letzten Flieger gebucht.

Damit war nach knapp fünf Minuten das Vorstellungsgespräch beendet.

Heute bin ich fasziniert von der Frechheit des Kandidaten.


Donna Leon: Auf Treu und Glauben – Commissario Brunettis neunzehnter Fall

Venedig im Hochsommer. Drückende Hitze, schwül und stickig. Commissario Brunetti sehnt sich nach Urlaub. Zwei Wochen Familienurlaub in Südtirol sind geplant.

Glücklicherweise hat das Wetter die Kriminellen in ihren Aktivitäten gelähmt. So hat Brunetti Zeit, sich ein wenig um Nebensächlichkeiten zu kümmern. Sein engster Mitarbeiter Vianello bittet ihn um Unterstützung. Herauszufinden, ob die Tante einem Wahrsager oder Wunderheiler auf dem Leim gegangen ist, der ihr große Mengen Geldes aus der Tasche zieht. Zudem wird Brunetti von einem alten Freund auf besondere Gepflogenheiten bei Gericht aufmerksam gemacht. Prozesse werden über Jahre verschleppt und immer wieder tauchen dabei die gleichen Namen einer Richterin und eines Gerichtsdieners auf. Abzocke einer alten leichtgläubigen Frau im ersten Fall, Korruption im zweiten? Wer profitiert von der Verschleppung der Gerichtsverfahren, welche Rolle spielen Richterin und der oberste Gerichtsdiener, der für eine üppige Wohnung in bester Lage eine minimale Miete zahlt.

Der Commissario sinniert darüber, was in dieser seiner Republik neben Mafia-Aktivitäten, Vermeidung, Steuern zu zahlen und Korruption und Bestechung überhaupt alles im Argen liegt, ermittelt, eruiert träge vor sich hin und freut sich auf seinen bevorstehenden Urlaub.

Schließlich ist es soweit, die Familie Brunetti ist im Zug unterwegs nach Südtirol.

Brunetti selbst kommt jedoch zunächst dort nicht an, denn in Bozen steigt er nach einem Anruf aus seiner Questura in den Gegenzug: Der Gerichtsdiener ist erschlagen aufgefunden worden.

Auch Vianello und der Gerichtsmediziner werden aus dem Urlaub zurück beordert.Und das ist gut so, denn schon bald erhalten Brunetti und sein Ispettore neue Erkenntnisse über den Toten und dessen Doppelleben, das schließlich zu Mordmotiv und Täter führt.

Aber wer glaubt schon an das Interesse der italienischen Gerichtsbarkeit, ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft zu verurteilen. Schließlich gibt es genug Möglichkeiten, einen Prozess zu manipulieren oder in die Länge zu ziehen.

Und so berichtet Brunetti als er im Urlaubsort endlich ankommt seiner Frau frustriert über die Ergebnisse seiner Arbeit. Auch, dass der kriminelle Betrüger wohl wieder einmal ohne Strafe davon kommt.

Offenbar hat Donna Leon beim Schreiben dieses Buches genauso unter der Hitze und Schwüle des Sommers in Venedig gelitten wie ihr Commissario Brunetti. Sie hätte den Krimi in Südtirol schreiben sollen. Vermutlich wäre dieser 19. Fall des Kommissars dann ein wenig spannungsreicher und weniger phlegmatisch geworden. Vielleicht beinhaltete er auch ein Minimum an Action. So hofft man beim Lesen nur, das die Story bald zu Ende geht – so wie das stickige, schwüle Wetter Ende Juli/Anfang August in der Lagunenstadt.

Donna Leon ist es in diesen 19 Jahren, da sie Brunetti ermitteln lässt, gelungen, ihren Kommissar kaum altern zu lassen. Auch das Umfeld und andere Personen haben sich nicht oder nur wenig entwickelt. Einzig die Leserschaft scheint älter geworden zu sein. Und deshalb ist es wohl auch gut, dass Spannungselemente so spärlich eingesetzt werden – Herz und Kreislauf der Leser werden’s ihr danken.


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